408 Dieser Tränen wollen wir eingedenk bleiben! Erziehen wir so unsere Töchter, so unsere Söhne, dass wir weinen, wenn wir sie auf schlimmen Wegen wandeln sehen! All die Frauen, welche geliebt werden wollen, mögen sich an die Tränen des hl. Paulus erinnern und seufzen! Ihr Frauen alle, die ihr glücklich gepriesen werdet, die ihr in Palästen wohnt, die ihr dem Vergnügen frönt, erinnert euch dieser Tränen! Ihr Trauernden alle, lasst Träne auf Träne fliessen! Nicht die Toten bejammerte der Apostel, sondern die Lebenden, die ihrem Verderben entgegengingen. – Soll ich noch von anderen Tränen sprechen? Auch Timotheus weinte: denn er war der Schüler des hl. Paulus. Daher sagte er auch in dem Briefe an ihn: „Eingedenk deiner Tränen, damit ich mit Freuden erfüllt werde.“ – Viele brechen selbst vor Freude in Tränen aus. So ist mit den Tränen auch Wonne, und sogar höchste Wonne verbunden. – So wenig unangenehm sind die Tränen; ja die durch einen solchen Schmerz verursachten sind weit süsser als jene, die durch irdische Lust hervorgerufen werden. Vernimm den Ausspruch des Propheten: „Erhört hat der Herr mein lautes Weinen, erhört hat er die Stimme meines Flehens.“ – Denn wo sind die Tränen unstatthaft? Bei den Gebeten? Bei den Ermahnungen? Wir machen sie verächtlich, weil wir sie nicht dazu verwenden, wozu sie gegeben sind. Wenn wir einen fehlenden Mitbruder zurechtweisen müssen, da sollten wir weinen vor Jammer und Herzeleid; wenn wir jemand warnen, dieser aber nicht darauf achtet, sondern sich ins Verderben stürzt, da sollten wir weinen. Solche Tränen zeugen von wahrer Weisheit. Keineswegs aber, wenn jemand verarmt, wenn er in eine leibliche Krankheit fällt, wenn er stirbt. Derartige Dinge verdienen doch keine Tränen. Wie wir nun auch das Lachen dadurch in Verruf bringen, dass wir es zur Unzeit bedienen. Denn die gute Eigenschaft eines jeden Dinges tritt nur dann zutage, wenn man es zu dem benützt, wozu es bestimmt ist; nicht aber, 409 wenn man es zu einem Zwecke braucht, der ihm fremd ist. So z. B. ist der Wein zur Aufheiterung gegeben, nicht aber zur Trunkenheit; das Brot zur Nahrung, die geschlechtliche Verbindung zur Fortpflanzung. Wie nun diese Dinge (durch den Missbrauch) in Verruf kommen, so auch die Tränen. – Mache es dir denn zum Grundsatze, nur beim Beten und Ermahnen dich ihrer zu bedienen, und sollst sehen, wie liebenswürdig sich die Sache annehmen wird! Nichts löscht so sehr die Sünden aus als Tränen. Selbst diesem leiblichen Antlitze verleihen die Tränen anmutigen Reiz; denn sie rühren den Zuschauer zum Mitleid, sie geben unserem Gesichte etwas Achtunggebietendes. Nichts ist lieblicher als verweinte Augen. Wir haben kein edleres und schöneres und seelenvolleres Glied an unserem Leibe. Daher werden wir durch sie so weich gestimmt, als sähen wir die Seele selbst weinen. –
Diese Worte haben wir nicht ohne Absicht gesprochen, sondern damit ihr euch nicht an satanischen Hochzeitsfeiern, Tänzen und Reigen beteiligt. Denn sieh, was der Teufel aufgebracht hat! Weil das Weib schon durch sein Geschlecht von der Bühne und den dort herrschenden unanständigen Treiben ausgeschlossen ist, so hat er dem Theaterunwesen – ich denke dabei an Wüstlinge und Dirnen – Eingang in die Frauenwohnungen zu verschaffen gewusst. Diese Pest ist durch die Sitte der Hochzeitsfeiern eingerissen, oder vielmehr nicht durch die Hochzeitsfeiern an sich – Gott bewahre! -, sondern durch unsere Üppigkeit. Was beginnst du, Mensch? Du weißt nicht, was du tust. Du führst eine Frau heim, um sittenrein zu leben und Kinder zu erziehen. Was haben nun dabei die feilen Mädchen zu schaffen? – Sie sollen zur Erhöhung des Frohsinns beitragen, erwidert man. – Das ist nicht Frohsinn, sondern Wahnsinn. Du beschimpfst dadurch deine Braut, du beschimpfst die geladenen weiblichen Gäste. Wenn sie nämlich an derartigen Dingen Vergnügen empfinden, so ist das für sie ein Schimpf. Wenn es sich mit der Ehre der Frauen verträgt, das schamlose Gebaren frecher Dirnen mitanzusehen, warum ziehst du nicht auch deine Braut zu diesem Schauspiele bei? Es ist durchaus unanständig und 410 schändlich, Wüstlinge und Tänzer und den ganzen satanischen Aufzug in dein Haus einzuführen. — „Seid eingedenk meiner Bande!“ sagt Paulus. Die Hochzeit schlingt ein Band, ein von Gott eingesetztes Band; die Dirne löst es und zerreißt es. Man kann der Hochzeit durch andere Dinge ein heiteres Ansehen verleihen, z. B. durch ein reichliches Mahl und festliche Kleidung. Ich will das nicht abschaffen, um nicht übertrieben strenge zu erscheinen. Allerdings begnügte sich Rebekka mit einem einfachen Schleier; doch ich will in diesem Punkte nicht markten. Man darf sich an schönen Gewändern, man darf sich an der Gesellschaft achtbarer Männer, achtbarer Frauen ergötzen. Was sollen aber jene Lustbarkeiten, jene Ungeheuerlichkeiten, die du veranstaltest? Sage einmal, was du da zu hören bekommst? Nicht wahr, du errötest, damit herauszurücken? Dir steigt die Schamröte darüber ins Gesicht, und dennoch nötigst du jene, es zu tun? Wenn es schön und gut ist, warum tust du es nicht gleichfalls? Ist es aber häßlich und unsittlich, warum veranlaßt du einen andern dazu? In allem sollte nur Sittsamkeit, in allem nur Würde, in allem nur Anstand herrschen; nun aber sehe ich das gerade Gegenteil: ein ausgelassenes Hüpfen und Springen, wie bei Kamelen, wie bei Mauleseln. — Das Mädchen gehört einzig ins Frauengemach. — Aber, sagt man, sie ist arm. — Eben weil sie arm ist, muß sie auch sittsam sein. Ehrbares Wesen ersetze bei ihr den Reichtum! — Sie kann keine Mitgift beibringen? — Warum machst du sie noch in anderer Beziehung verächtlich durch ein solches Benehmen? — Ich finde es ganz in der Ordnung, daß Jungfrauen sich an der Hochzeit beteiligen, um ihre Jugendgenossin zu ehren; daß Frauen sich daran beteiligen, um die in ihren Stand Übergetretene zu ehren. Das ist ein schöner und sinniger Brauch; sie bilden nämlich zwei Gruppen, die der Jungfrauen und die der Verheirateten: jene übergeben die Braut, diese nehmen sie in Empfang. Die Braut selbst nimmt zwischen beiden eine Mittelstellung ein: sie ist weder Jungfrau noch Weib; denn aus der Zahl jener scheidet sie aus, in die Klasse dieser aber tritt sie erst ein. Allein die feilen Dirnen — was haben diese damit zu tun? Sie sollten 411 sich verhüllen, sollten in den Boden sinken vor Scham, wenn eine Hochzeit begangen wird; denn Unzucht zerstört die Ehe. Wir aber führen sie zu den Hochzeiten ein. Wenn ihr sonst etwas tut, sucht ihr selbst in Worten jede schlimme Vorbedeutung zu vermeiden, z. B. beim Säen, beim Ausschöpfen des Weines aus der Kelter wirst du gewiß jede Äußerung unterlassen, welche auf sauren Wein hindeuten könnte; hier aber, wo keusche Sittsamkeit walten sollte, führst du selbst die Säuerung herbei? Denn das und nichts anderes ist die freche Dirne. Wenn ihr eine wohlduftende Salbe bereitet, so duldet ihr nichts Übelriechendes in der Nähe. Solch einer feinen Salbe ist die Hochzeit zu vergleichen; wie magst du daher den Gestank des Kotes bei der Bereitung dieser edlen Salbe verwenden? Was sagst du? Das Mädchen tanzt nur und braucht sich vor der Jugendfreundin nicht zu schämen? Sollte sie doch züchtiger sein als diese; die Braut kommt ja aus den Armen des Bräutigams, nicht aus der Ringschule. Bei der Vermählung soll sich überhaupt kein Mädchen blicken lassen.