Welche Quelle willst du mit diesen Tränen vergleichen? Die im Paradiese, welche die ganze Erde befeuchtete? Doch du kannst nichts nennen, was ihnen gliche; denn diese Tränenquelle befeuchtete die Seelen, nicht die Erde. Wenn man uns den hl. Paulus zeigte, wie er weint und seufzt; wäre dieses Schauspiel nicht eine viel größere Augenweide, als die von tausend und tausend fröhlich bekränzten Tänzerinnen aufgeführten Reigen? Ich will von euch nicht reden; aber wenn man einen jener Wüstlinge vom Theater und von der Bühne herabzöge, die von sinnlicher Liebe glühen und im Genusse derselben schwelgen, und ihm ein jungfräuliches Mädchen zeigte, in der herrlichsten Blüte der Jugend, das in jeder Beziehung alle Altersgenossinnen weit überträfe, nicht bloß an Ebenmaß des Wuchses, sondern namentlich durch Schönheit des Antlitzes: mit einem Auge, zart und fein, sanft in der Ruhe, sanft in der Bewegung, gewinnend, mild und heiter im Lächeln, voll Züchtigkeit, voll Anmut, rings von dunklen Wimpern beschattet, mit seelenvollem Blicke; die Stirne blendend weiß; darunter ferner eine Wange, angehaucht mit frischem Rot, weich und glatt wie Marmor — und wenn man mir dann den hl. Paulus zeigte, wie er Tränen vergießt: so würde ich jene lassen und sofort diesem Schauspiele mich zuwenden; denn aus diesen Augen leuchtet geistige Schönheit. Jener Anblick bringt die Jünglinge 406 außer sich, entzündet und entflammt; dieser aber löst die gegenteilige Wirkung aus. Dieser verschönert das Auge der Seele, unterdrückt die sinnlichen Gefühle, erfüllt mit Weisheit, weiß inniges Mitleid einzuflößen und vermag selbst eine eiserne Seele zu erweichen. Durch diese Tränen wird die Kirche befruchtet, durch diese das Wachstum der Seelen gefördert. Diese Tränen sind imstande, jegliches sinnliche und körperliche Feuer zu ersticken. Diese Tränen löschen die feurigen Pfeile des bösen Feindes aus. — Laßt uns daher seiner Tränen eingedenk bleiben: dann werden wir alles Zeitliche verachten. Solche Tränen hat Christus selig gepriesen mit den Worten: „Selig sind die, welche trauern“ und: "Selig sind die, welche weinen; denn sie werden lachen.“ Solche Tränen vergoß sowohl Isaias als auch Jeremias. Der erstere sagt: „Laßt mich, ich will bitterlich weinen“; der letztere aber spricht: „Wer gibt meinem Haupte Wasser und meinen Augen Tränen?“ — als reichte die natürliche Tränenquelle nicht hin. Nichts ist süßer als solche Tränen; sie sind süßer als das süßeste Lachen. Die Trauernden wissen, welch großer Trost damit verbunden ist. — Halten wir das nicht für etwas Unerwünschtes, sondern vielmehr für etwas sehr Wünschenswertes: nicht daß andere sündigen, sondern daß uns ihre Sünden tief zu Herzen gehen. Laßt uns dieser Tränen, dieser Bande eingedenk sein! Trotz der Bande also flossen seine Tränen. Der Gedanke an den Untergang derer, die ihn in Ketten warfen, ließ bei ihm das Gefühl der Freude über die Ketten nicht aufkommen. Denn auch um jene tat es ihm leid. War er doch ein Jünger dessen, der die Priester der Juden beweinte, nicht weil sie ihn kreuzigen wollten, sondern weil sie selbst dadurch zugrunde gingen. Und er tut dies nicht für sich allein, sondern fordert auch die andern dazu auf mit den Worten: „Weinet nicht über mich, ihr Töchter Jerusalems.“ — Diese Augen hatten das Paradies, hatten den 407 dritten Himmel geschaut; allein ich preise sie nicht so sehr um dieses Anblickes willen selig, als um der Tränen willen, durch welche sie Christus schauten. Jenes ist in der Tat eine Seligkeit. Er rühmt sich ja dessen auch selber, wenn er sagt: „Habe ich nicht unsern Herrn Jesus Christus gesehen?“ Aber eine noch größere Seligkeit sind die Tränen. Jenen Anblick haben viele gleicherweise genossen, und dennoch preist Christus mehr diejenigen selig, welche desselben nicht teilhaftig wurden, indem er spricht: „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“ Diese Seligkeit dagegen haben nicht viele erreicht. Denn wenn es für das Heil der anderen notwendiger ist, um Christi willen hier zu bleiben, als aufgelöst zu werden und bei ihm zu sein, so ist es folgerichtig auch notwendiger, ihretwegen zu seufzen, als ihn zu schauen. Wenn ja es wünschenswerter ist, um seinetwillen in die Hölle verstoßen zu werden, als bei ihm zu sein, so ist auch die Trennung von ihm um seinetwillen wünschenswerter, als die Vereinigung mit ihm. Denn dies will der Ausspruch besagen: „Ich wünschte, selbst dem Verderben geweiht zu sein, hinweg von Christus.“ Umso mehr muß das auch von den Tränen um seinetwillen gelten. „Ich habe nicht aufgehört,“ sagt er, „unter Tränen einen jeden zu ermahnen.“ Warum? Nicht weil er sich vor den Gefahren fürchtete. Sondern gleichwie jemand, der am Bette eines teuren Kranken sitzt, ohne den Ausgang der Krankheit zu kennen, Tränen der Liebe vergießt, aus Besorgnis, derselbe möchte das Leben verlieren: so weinte auch der Apostel, wenn er einen schwach werden sah, ohne imstande zu sein, durch strafende Zurechtweisung seine Besserung herbeizuführen. Dies tat auch Christus, damit die Sünder wenigstens vor seinen Tränen Scheu haben sollten. Wenn z. B. jemand sündigte, so tadelte er ihn; wenn nun der Getadelte ihn verachtete und treulos verließ, so weinte er, um ihn wenigstens so noch an sich zu ziehen.