V. 6: „Es mache aber Gemeinschaft der, welcher unterrichtet wird im Worte, mit dem, welcher unterrichtet, in allem Guten.“
Hier redet er nunmehr von den Lehrern, auf daß sie seitens der Schüler sich großer Aufmerksamkeit erfreuten. Und warum hat Christus dieses Gebot gegeben? Denn im Neuen Testamente findet sich die Vorschrift, daß, wer das Evangelium predige, auch vom Evangelium lebe; aber auch im Alten Testamente flössen gleicherweise den Leviten viele Einkünfte seitens ihrer Untergebenen zu. Warum also gab er diese Vorschrift? Um im voraus den Grund zu legen für Demut und Liebe. Weil nämlich die Lehrerwürde die damit Begnadeten 145 häufig aufbläht, dämpfte er ihren Stolz, indem er sie in die Notwendigkeit versetzte, der Schüler zu bedürfen; und diesen wieder gab er Gelegenheit, spendungsfreudiger zu werden, indem er sie durch das gegen die Lehrer bewiesene Wohlwollen übte, auch gegen die anderen milde zu sein. Das aber mußte auf beiden Seiten innige Liebe bewirken. Wäre dem nicht so, wie ich sagte, warum versetzte dann Gott die Apostel in die Notwendigkeit, zu betteln, indes er die halsstarrigen Juden mit dem Manna speiste? Ist es denn nicht klar, was er wollte? Jene großen Güter, Demut und Liebe, sollten beschafft und die Schüler von aller Scheu befreit werden, unter Leuten zu stehen, welche mit dem Scheine des Schimpflichen beladen waren. Das Betteln nämlich scheint schmachvoll zu sein; es konnte aber hinfort nicht mehr so scheinen, als die Lehrer sich ihm ohne allen Anstand unterzogen. Der Gewinn also, welchen die Schüler davon hatten, war nicht klein: sie lernten dadurch allen Ruhm verachten. Deswegen sagt er: „Es mache aber Gemeinschaft der, welcher unterrichtet wird…, mit dem, welcher unterrichtet, in allem Guten.“ D. h., er soll sich ihm gegenüber in allen Stücken freigebig erzeigen; das gibt er zu verstehen, wenn er sagt: „in allem Guten“. Nichts, meint er, soll der Schüler für sich behalten, alles soll gemeinsam sein. Denn er empfängt Größeres, als er gibt, und zwar in dem Maße Größeres, als der Himmel die Erde überragt. Diesem Gedanken verleiht er auch an einer anderen Stelle Ausdruck, wo er schreibt: „Wenn wir euch das Geistige gesät haben, ist es nichts Großes, wenn wir euer Leibliches ernten!“ Deshalb nennt er das Verhältnis auch eine „Gemeinschaft“; er zeigt, daß ein Austausch der Gaben stattfinde. Das machte aber auch ihre Liebe um vieles inniger und fester. — Wenn nun der Lehrer seinen Unterhalt bettelt, so behält er doch, auch als Almosenempfänger, die ihm eigene Würde. Denn auch das ist Lob, sol- 146 chen Eifer im Dienste des Wortes zu entwickeln, daß man am Übrigen Not leidet, in vielfacher Armut lebt und über alle Bedürfnisse des Leibes hinwegsieht. Natürlich, wer das Maß überschritte, würde sein Ansehen schädigen, aber nicht weil er nimmt, sondern weil er im Übermaß nimmt. — Sodann, damit nicht die Schlechtigkeit des Lehrers den Schüler in dieser Beziehung saumselig mache, und jener, obwohl arm, wegen seines Charakters häufig übergangen werde, mahnt er im weiteren Verlaufe: „Laßt uns nicht müde werden, das Gute zu tun.“ Hier aber kennzeichnet er den Unterschied, der zwischen diesem und dem irdischen Streben obwaltet, folgendermaßen:
V 7: „Täuschet euch nicht; Gott läßt seiner nicht spotten. V. 8: Was der Mensch sät, das wird er auch ernten. Wer auf sein Fleisch sät, wird vom Fleische Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird vom Geiste ewiges Leben ernten.“
Wie nämlich, um das Bild von den Sämereien zu nehmen, wer Erbsen sät, unmöglich Korn ernten kann — denn Same und Frucht müssen von der gleichen Gattung sein —, so ist es auch der Fall bei den Handlungen: Wer auf das Fleisch sät Üppigkeit, Trunkenheit, unsinnige Lust, der wird die Früchte desselben ernten. Welche aber sind diese? Strafe, Ahndung, Schande, Spott, Verderben. Denn das Ende der reichbesetzten Tafeln und der Würzen ist kein anderes als Verderben; sie selber verderben, und sie verderben mit den Leib. Die Früchte des Geistes aber sind nicht solcher Art, sondern in allem das gerade Gegenteil. Betrachte! Du hast Almosen gesät, — es erwarten dich himmlische Schätze und ewiger Ruhm; du hast Enthaltsamkeit gesät, — Ehre und Kampfpreis, der Jubelruf der Engel, die Kränze aus der Hand des Richters.
147 * V.9: „Laßt uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn zu seiner Zeit werden wir ohne Mühe ernten. *
V. 10: Laßt uns also, solange wir noch Zeit haben, das Gute wirken an allen, besonders aber an den Glaubensgenossen.“
Damit keiner der Ansicht sei, man brauche nur für die Lehrer und deren Unterhalt zu sorgen und dürfe die anderen außer acht lassen, dehnt er die Forderung auf alle aus und öffnet jedermann das Tor zu dieser Freigebigkeit. Ja er geht in seinem Überschwange so weit, daß er auch Juden und Heiden an der Barmherzigkeit teilhaben läßt, freilich in der geziemenden Ordnung, aber doch teilhaben läßt. Welches aber ist diese Ordnung? Vorzüglich solle auf die Gläubigen Bedacht genommen werden.
Übrigens, was er in den anderen Briefen tut, das tut er auch hier: er redet nicht bloß davon, daß man Barmherzigkeit übe, sondern auch, daß man sie gern und beständig übe. Denn das liegt in den Worten „säen“ und „nicht ermüden dürfen“ angedeutet. — Weil er aber so Großes verlangte, stellt er dann auch den Siegespreis vor Augen und gedenkt einer Ernte, ebenso neu als ungewöhnlich.