Von den Ackerbautreibenden nämlich hat nicht bloß jener, der aussät, sondern auch jener, der erntet, viel Plage zu ertragen: er muß mit Schmutz und Staub und vielerlei Ungemach kämpfen. Dann aber, zu jener Zeit, findet nichts dergleichen statt, meint er. Er spricht dies auch ganz offen aus: „Denn zu seiner Zeit werden wir ohne Mühe ernten.“ — Von dieser Seite her ermuntert und lockt er sie; von der anderen Seite aber drängt und treibt er, indem er sagt: „Laßt uns also, solange wir noch Zeit haben, das Gute wirken!“ Denn wie es nicht allezeit bei uns steht zu säen, so nicht allezeit, Erbarmen zu üben. Sind wir einmal von hinnen geschieden, so 148 können wir nichts mehr vollbringen, auch wenn wir es tausendmal wollen. Das bezeugen uns jene Jungfrauen im Gleichnisse, welche trotz allen Eifers vom Brautgemache ausgeschlossen wurden, weil sie ohne reichliches Almosen in den Händen dahingegangen waren. Das (bezeugt) auch jener Reiche, der sich um Lazarus nicht kümmerte; auch er fand, weil er dieser Hilfe entbehrte, mochte er jammern und bitten, so viel er wollte, weder bei dem Patriarchen noch bei einem andern Erbarmen, sondern mußte, von jeglicher Verzeihung ausgeschlossen, für immer und ewig im Feuer der Hölle braten. Deswegen schreibt (Paulus): „Solange wir noch Zeit haben, laßt uns das Gute wirken an allen“, und hält sie gerade dadurch von der jüdischen Engherzigkeit fern. Denn bei diesen erstreckte sich die ganze Liebe nur auf die Stammesgenossen; die Philosophie der Gnade aber ruft Erde und Meer zumal zum Tische der Barmherzigkeit, wenn sie auch größere Sorge um die Glaubensgenossen trägt.
V. 11: „Sehet, mit was für Buchstaben ich euch eigenhändig schreibe. V. 12: Alle, welche dem Fleische nach gefallen wollen, drängen euch zur Beschneidung.“
Beachte den großen Schmerz dieser heiligen Seele! Es ergeht dem hl. Paulus wie Menschen, über die plötzlich ein Leid kam, der Verlust eines teuren Freundes oder sonst ein unerwartetes Unglück, und die nun Tag und Nacht keine Ruhe genießen, da der Kummer an ihrem Herzen nagt. Kaum hat er ein Weniges über die Sittenlehren gesprochen, so kehrt er wieder zum früheren Thema zurück, das seine Seele am meisten verwirrte, und sagt also: „Sehet, mit was für Buchstaben ich euch schreibe.“ Hierdurch gibt er nichts anderes zu verstehen, als daß er selbst den ganzen Brief geschrieben habe, — 149 ein Zeichen seiner herzlichen Zuneigung. Denn was die übrigen betrifft, so diktierte er nur, und ein anderer schrieb; das ersehen wir aus dem Briefe an die Römer, wo es am Schlusse heißt: „Ich, Tertius, der ich den Brief geschrieben habe, grüße euch.“ Hier aber schrieb er den ganzen Brief selbst. Er tat es hier auch notgedrungen, nicht allein aus Liebe, sondern aus dem Bestreben, die bösen Vorurteile aus dem Wege zu schaffen. Es wurden ihm nämlich Dinge in die Schuhe geschoben, die ihm gänzlich ferne lagen; es wurde behauptet, er predige die Beschneidung und stelle sich nur so, als predige er sie nicht. Aus diesem Grunde sah er sich bestimmt, eigenhändig den Brief zu schreiben, und so ein geschrieben Zeugnis vorweg für sich zu hinterlegen. — „Mit was für Buchstaben.“ Dieser Ausdruck scheint mir nicht die Größe, sondern die Ungestalt der Schriftzüge anzudeuten, so fast als ob er sagen wollte: obwohl ich nicht am allerschönsten zu schreiben verstehe, sah ich mich doch veranlaßt, selber zur Feder zu greifen, um die Lästerungen zum Schweigen zu bringen.
„Alle, welche dem Fleische nach gefallen wollen, drängen euch zur Beschneidungt nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden.“ V. 13: „Denn nicht einmal sie selbst, welche sich beschneiden lassen, beobachten das Gesetz; aber sie wollen, daß ihr euch beschneiden lasset, damit sie in eurem Fleische sich rühmen.“
Indem er aufmerksam macht, daß sie nicht freiwillig, sondern gezwungen dieses auf sich nahmen, bietet er 150 ihnen (hier) Gelegenheit zum Rückzuge, verteidigt sie fast und muntert sie zu schneller Umkehr auf. — Was heißt: „gefallen dem Fleische nach“? So viel als: etwas bei Menschen gelten. Weil sie nämlich bei den Juden als Abtrünnige der väterlichen Satzungen in üblem Rufe standen, so wollen sie, meint er, um diesem Vorwurfe zu begegnen, euch verführen und mit eurem Fleische sich jenen gegenüber rechtfertigen. Er schreibt dies, um anzudeuten, daß sie nicht aus Liebe zu Gott so handelten. Gleichsam als würde er sagen: Von Gottesfurcht ist bei diesem Gehaben keine Spur, alles geschieht aus rein menschlichem Ehrgeiz. Um den Ungläubigen zu gefallen, werden die Gläubigen verstümmelt; man will lieber Gott beleidigen, als Menschen mißfallen. Das bedeutet der Ausdruck: „dem Fleische nach gefallen“. — Sodann zeigt er, daß sie noch aus einem anderen Grunde keine Verzeihung hoffen dürfen. Er beschuldigt sie nämlich (wieder), nicht bloß aus Gefallsucht, sondern auch aus Eigendünkel diese Vorschriften aufzuerlegen. Deshalb fährt er fort: „Damit sie in eurem Fleische sich rühmen“, im Gefühle nämlich, Schüler zu haben und Lehrer zu sein. Und der Beweis hierfür? „Denn nicht einmal sie selbst beobachten das Gesetz“, spricht er. Selbst wenn sie es hielten, wären sie doch ganz und gar verdammenswert; nun aber leitet sie auch noch eine schlechte Absicht!
V. 14: „Mir aber sei es ferne, mich zu rühmen, außer im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus.“
Es scheint dies eine Schmach, aber nur in den Augen der Welt und bei den Ungläubigen; in den Augen des Himmels und bei den Gläubigen ist es die größte Ehre. Denn auch die Armut gilt für eine Schande, uns aber ist sie Ruhm; und das Verachtetsein bringt den Spott der Menge, wir aber sind stolz darauf. Gleicherweise rüh- 151 men wir uns auch des Kreuzes. Er sagt nicht: ich rühme mich nicht, oder: ich will mich nicht rühmen, sondern: „mir aber sei es ferne“! Damit verwahrt er sich gleichsam feierlich gegen eine solche Torheit und ruft den Beistand Gottes an, um sein Versprechen halten zu können. — Und worin besteht der Ruhm des Kreuzes? Darin, daß Christus meinetwegen Knechtsgestalt angenommen, daß er sein ganzes Leiden gelitten hat um meinet-, des Knechtes, des Feindes, des undankbaren Sünders willen. Ja, in dem Maße hat er mich geliebt, daß er sich selber dem Fluche hingab. Kann etwas dieser Liebe gleichkommen? Wenn Sklaven auf das bloße Lob ihrer Herren, also von Leuten des gleichen Geschlechtes, stolz sind, wie soll man sich da nicht rühmen, wenn der Herr, der wahrhaftige Gott, um unsertwillen die Schmach des Kreuzes nicht scheute?