Also dürfen auch wir uns seiner unaussprechlichen Fürsorge nicht schämen. Er hat sich nicht geschämt, für dich gekreuzigt zu werden, und du wolltest dich seiner grenzenlosen Fürsorge schämen? Das wäre geradeso, wie wenn ein Gefangener, der vordem sich des Königs nicht schämte, nunmehr, nachdem derselbe das Gefängnis betreten und eigenhändig die Fesseln gelöst hat, sich deshalb seiner schämen würde. Das ist doch die allergrößte Verblendung; denn gerade darin liegt der größte Grund, sich zu brüsten.
„Durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.“
Unter Welt versteht er hier nicht den Himmel oder die Erde, sondern die irdischen Dinge, als da sind Menschenlob, äußere Macht, Ruhm, Reichtum und alles dergleichen, was glänzend zu sein scheint. Dieses nämlich ist für mich tot. — Also muß der Christ beschaffen sein, dieses Wort muß immerdar in seinen Ohren ertönen. — Es genügte ihm nicht die erste Art der Abtötung, son- 152 dem er führte noch eine zweite an, indem er sagte; „und ich der Welt“. Er deutet (damit) an, daß die Abtötung eine zweifache ist, nämlich: jene Dinge sind für mich tot, und ich für sie; und weder können sie mich verlocken und verführen, weil sie einmal tot sind, noch kann ich ihrer begehren, weil auch ich tot bin für sie. Diese Abtötung ist das Seligste, was sich denken läßt; denn sie ist die Grundlage für das Leben der Seligkeit.
V. 15: „Denn weder Beschneidung hat Wert noch Vorhaut, sondern eine neue Schöpfung. V. 16: Und alle, welche nach dieser Richtschnur wandeln werden, — Friede über sie und Barmherzigkeit, und über das Israel Gottes.“
Siehst du die Macht des Kreuzes, zu welcher Höhe sie ihn emporgeführt hat? Nicht bloß alle irdischen Dinge hat ihm das Kreuz ertötet, es hat ihn auch emporgehoben hoch über sein früheres Leben. Was kommt dieser Macht gleich? Ihn, der bereit war, für die Beschneidung sich töten zu lassen und andere hinzuschlachten, ihn bestimmte das Kreuz, Beschneidung ebenso wie Vorhaut zu verlassen und fremden, seltsamen, überirdischen Dingen nachzustreben. Eine neue Schöpfung nennt er es, dieses unser Leben, wegen der Vergangenheit und wegen der Zukunft. Wegen der Vergangenheit, weil unsere Seele, die in der Sünde ganz ergraut war, auf einmal durch die Taufe verjüngt wurde, als wäre sie neu erschaffen worden; deshalb wird von uns ein neues, himmlisches Leben verlangt. Wegen der Zukunft aber, weil Himmel und Erde und die ganze Schöpfung zugleich mit unserem Leibe Unverweslichkeit empfangen werden. Rede mir also, meint er, hinfort nichts mehr von der Beschneidung, der kraftlosen! Wie kann von ihr die Rede sein, wenn alles solche Verwandlung erfährt? Strebe vielmehr nach dem, was die Gnade Neues gebracht! Die nach diesem streben, werden Friede und Freundschaft 153 genießen und in Wahrheit den Namen Israel verdienen; wer aber die gegenteilige Gesinnung hegt, mag er auch ein Sproß Israels sein und dessen Namen tragen, der hat all das verloren, die Verwandtschaft, den Namen. Denn wahre Israeliten können nur diejenigen sein, welche die obige Richtschnur beachten, das Alte verlassen und der Gnade anhängen.
V. 17: „Fortan bereite mir keiner Beschwernis.“
Nicht Erschöpfung, nicht Schwäche liegt diesen seinen Worten zugrunde. Er, der bereit ist, für seine Schüler alles zu tun und alles zu leiden, wie sollte er jetzt zittern und zagen? Er, der schreibt: „Dringe darauf, es sei gelegen oder ungelegen“, der schreibt: „Ob ihnen nicht Gott Erkenntnis der Wahrheit verleihe und sie sich ernüchtern aus den Stricken des Teufels.“ Warum also gebraucht er jene Wendung? Er will sie aus ihrem Leichtsinn aufrütteln, ihnen Besorgnis einflößen, seine Weisungen bekräftigen, ihrem steten Wankelmute wehren. —
„Denn ich trage die Malzeichen unseres Herrn Jesus Christus an meinem Leibe.“
Er sagt nicht: ich habe, sondern: „ich trage“, wie einer stolz ist auf Trophäen und königliche Insignien; obzwar auch dieses wieder schimpflich zu sein scheint. Aber er gefällt sich in seinen Wunden; und wie die Fahnenträger bei den Soldaten, so prunkt auch er mit den Narben, die er trägt. — Warum aber bringt er dieses vor? Keine Rede, meint er, kein Wort kann mich so glänzend verteidigen als dies. Das spricht lauter denn Trompetenschall wider meine Gegner, wider diejenigen, so mir Heuchelei im Glauben vorwerfen und im Predigen Buhlen um Menschengunst. Es kann ja auch keiner den Soldaten, den er mit Blut und Wunden über und über be- 154 deckt aus der Schlachtlinie kommen sieht, der Feigheit und des Verrates bezichtigen, da er an seinem Leibe den Beweis seiner Mannhaftigkeit trägt. Also, spricht Paulus, laßt auch bei mir dies Urteil gelten! Wer meine Verteidigung vernehmen, meine Gesinnung kennenlernen will, der schaue auf die Wunden; diese sprechen für mich beredter als Wort und Schrift. Zu Anfang des Briefes begründete er seine Aufrichtigkeit durch seine plötzliche Umwandlung, am Schlusse durch die (ihm) daraus erwachsenen Gefahren. Damit keiner sagen könne: seine Umkehr geschah wohl in rechter Absicht, doch blieb er seinem Entschlusse nicht getreu, führt er als Zeugen (seiner Treue) die Mühen, die Gefahren, die Mißhandlungen auf. — Nachdem er so allseits mit klaren Worten sich verteidigt und gezeigt hat, daß keines seiner Worte aus Haß und Feindschaft hervorgegangen sei, sondern sein Herz ihnen unwandelbar gehöre, bestätigt er dies aufs neue und schließt seine Darlegung mit einem Wunsche, der tausendfältigen Segen in sich birgt, nämlich mit den Worten:
V. 18: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geiste, Brüder! Amen.“
Mit diesem Schlußworte besiegelte er alles Frühere. Er sagt nicht wie sonst einfach: „mit euch“, sondern: „mit eurem Geiste“, da er sie vom Fleischlichen abkehren, ihnen überall die Güte Gottes zeigen und die Gnade in Erinnerung rufen will, deren sie teilhaftig geworden, (und) die ihn befähigte, sie allem jüdischen Irrwahne zu entreißen. Denn daß sie den Geist empfingen, war nicht ein Werk der Bettelhaftigkeit des Gesetzes, sondern der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben stammt; und daß sie den Geist behielten, war wiederum nicht eine Frucht der Beschneidung, sondern der Gnade. Darum schließt er seine Ermahnung mit einem Segenswunsche, worin er an Gnade und Geist erinnert, sie zugleich auch Brüder nennt und Gott bittet, daß sie stets im Genusse dieser 155 Güter bleiben möchten. So schützte er die Leute auf doppelte Weise. Denn Gebet und Belehrung, dies war das Drum und Dran seiner Ausführungen, das wie eine doppelte Mauer sie schützen sollte. Die Belehrung rief ihnen die Größe der empfangenen Wohltaten ins Gedächtnis zurück und erhielt sie so leichter im Glauben der Kirche; das Gebet aber brachte die Gnade, bestimmte sie zur Ausdauer und ließ nicht zu, daß der Geist von ihnen weiche. Wenn aber dieser bei ihnen blieb, so verwehte, dem Staube gleich, das ganze Blendwerk jener Irrlehren.