Betrachte die Strenge seiner Lebensführung und sinke bewundernd in den Staub vor dieser heiligen Seele! Er sagt nicht: ich lebe, sondern: Christus lebt in mir. Wer darf es wagen, diese Sprache zu führen? Da er sich nämlich ganz in den Dienst Christi gestellt und alles Zeitliche verlassen hatte, um in allem nach Christi Willen zu verfahren, sagte er nicht: ich lebe Christus, sondern was viel mehr ist: Christus lebt in mir. Wie nämlich, wenn die Sünde herrscht, eigentlich diese es ist, die da lebt und die Seele nach ihrem Willen leitet, so ist, wenn nach ihrem Ersterben der Wille Christi geschieht, ein solches Leben nicht mehr menschliches Leben, sondern er selbst lebt, d. h. wirkt und waltet in uns. Weil aber des Apostels Worte: „Ich bin mitgekreuzigt“ und „Ich lebe nicht mehr“, sondern bin tot, vielen ungereimt vorkamen, setzte er bei: „Mein jetziges Leben im Fleische ist ein Leben im Glauben an den Sohn Gottes.“ Das bisher Gesagte, meint er, bezog sich auf das geistige Leben. Wenn man aber genauer zusieht, gilt es auch vom sinnlichen; auch dieses wurde mir zuteil um meines Glaubens an Christus willen. Denn was mein Vorleben und das Gesetz betrifft, so verdiente ich die strengste Strafe und wäre schon lange verloren. „Alle sündigten wir und wurden der göttlichen Glorie verlustig;“ und: da wir unter der Verdammnis lagen — denn wir waren insgesamt dem Tode verfallen, und wenn wir ihn auch nicht wirklich erlitten, 81 so waren wir doch verurteilt dazu —, und da wir den Todesstreich erwarteten, als das Gesetz anklagte und Gott verurteilte: da kam Christus, und durch seine Hingabe in den Tod entriß er uns alle des Todes Rachen. Daher „mein jetziges Leben im Fleische ist ein Leben im Glauben“. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so wären wir alle unvermeidlich zugrunde gegangen, geradeso, wie es bei der Sintflut geschah. Aber Christi Ankunft beschwichtigte den Zorn Gottes und gab uns das Leben durch den Glauben. Zum Beweise, daß er es also meint, höre das folgende: Nach den Worten nämlich: „Mein jetziges Leben im Fleische ist ein Leben im Glauben“, fährt er fort: „Im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selber für mich hingegeben hat.“ — Wessen unterfängst du dich, Paulus? Du maßest dir an, was allen gehört, und eignest dir zu, was für die ganze Welt geschah? Er sagt nämlich nicht: Der uns geliebt, sondern der mich geliebt hat. — Der Evangelist schreibt doch: „So sehr hat Gott die Welt geliebt,“ und du selber sprichst: „Der des eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn hingegeben hat“ nicht für dich, sondern „für alle“. Ferner: „Damit er sich erschaffe ein eigenes Volk.“ — Warum nun spricht er hier also? Er gedenkt der verzweifelten Lage des Menschengeschlechtes und der unaussprechlichen Fürsorge Christi, der Übel, von denen er uns befreit, der Gnaden, die er uns geschenkt hat, und, entflammt von Liebessehnsucht, bricht er in diese Worte aus; wie auch die Propheten des öfteren den Gott aller sich allein zueignen, z. B. mit den Worten: „Gott, mein Gott, zu dir erwache ich am frühen Morgen.“ Außerdem will (Paulus) zeigen, daß ein jeder von uns, strenge genommen, Christus ebensoviel Dank schulde, als wenn er seinetwegen allein gekommen wäre. Er hätte wirklich nicht gezögert, auch eines einzigen wegen das ganze Heils- 82 werk zu verrichten. So (also) liebt er jeden einzelnen mit demselben Maße der Liebe, mit dem er die ganze Welt liebt. Das Opfer ist wohl für alle dargebracht worden und reichte hin, alle zu erretten, aber der Wohltat teilhaftig werden doch nur die Gläubigen allein. Gleichwohl schreckte der Gedanke, daß nicht alle kommen werden, ihn nicht von der Ausführung seines Vorhabens zurück; sondern gleichwie das Mahl im Evangelium zwar allen bereitet worden war, da aber die Geladenen nicht kommen wollten, der (Hausvater) die Tafel nicht abtragen, vielmehr andere rufen ließ, so tat (Christus) auch hier. War es auch nur ein einziges von den neunundneunzig Schäfchen, das sich verirrte, gleichwohl verachtete er es nicht. Das nämliche deutet Paulus auch an, wenn er von den Juden ungefähr also spricht: „Denn wie, wenn einige nicht geglaubt haben? Wird etwa ihr Unglaube die Glaubhaftigkeit Gottes abtun? Das sei ferne! Gott aber soll sich als wahrhaft erweisen und jeder Mensch als Lügner.“ — Also: er hat dich so innig geliebt, daß er sich selber dahingab und dich, dem kein Rettungsschimmer leuchtete, zur Höhe und Fülle des eigenen Lebens erhob; du aber willst nach solchen Wohltaten zum Alten zurückkehren? — Nachdem Paulus dergestalt an Vernunftgründen beigebracht hatte, was er vermochte, bricht er endlich in die erregten Worte aus:
V. 21: „Ich werfe die Gnade Gottes nicht hinweg!“
Mögen es die Judengenossen und Gesetzesbeflissenen unserer Tage hören; denn auch für sie gelten diese Worte. — „Denn wenn es durch das Gesetz Gerechtigkeit gäbe, so ist Christus ohne Ursache gestorben.“ Kann es etwas Beschämenderes geben als diese Worte? Wenn Christus starb, geschah es offenbar, weil das Gesetz uns nicht rechtfertigen konnte; wenn aber das Gesetz rechtfertigt, so ist 83 überflüssig Christi Tod. Wo bleibt aber die Vernunft, wenn man ein Geschehnis von solcher Bedeutung, so voll heiligen Schauers, so hoch erhaben über Menschenwitz, ein Geheimnis, so unaussprechlich, das die Patriarchen seufzend ersehnten, die Propheten weissagten, die Engel mit ehrfürchtiger Bewunderung schauten, ja den Gipfel der göttlichen Fürsorge, wie alle eingestehen — wenn man dies für eitel und vergeblich Bemühen erklärt? Indem er sich so die ganze Größe des Unverstandes vergegenwärtigt, welcher darin liegt, ein Geschehnis von solcher Tragweite für überflüssig zu erklären — denn dies schloß er aus ihrem ganzen Gebaren —, greift er ihnen gegenüber selbst zum Schimpfe und sagt also: