Siehst du, was die Judenfreunde bezwecken? Christus, für uns Urheber der Gerechtigkeit, diesen verdächtigen sie als Urheber der Sünde, wie auch Paulus schreibt: „Dann ist also Christus der Sünde Diener.“ — Nachdem er so die Sache in ihrem Widersinn bloßgelegt, bedurfte es keines weiteren Aufwandes von Gegengründen, sondern es genügte die einfache Verneinung: „Das sei ferne!“ Bei allzu unverschämten und törichten Behauptungen nämlich bedarf es keiner Gegengründe; da reicht die einfache Verneinung hin.
V. 18: „Denn wenn ich das, was ich niedergebrochen habe, wiederum aufbaue, mache ich mich selbst zum Übertreter.“
Siehe die Klugheit des Apostels! Jene wollten beweisen, daß ein Übertreter sei, wer das Gesetz nicht beobachte. Er aber verkehrte den Beweis ins gerade Gegenteil und zeigt, daß ein Übertreter sei, wer das Gesetz beobachte, und zwar (ein Übertreter) nicht bloß des Glaubens, sondern auch eben dieses Gesetzes. „Denn wenn ich das, was ich niedergebrochen habe, wiederum aufbaue“; damit meint er das Gesetz. Der Sinn seiner Worte ist folgender: Das Gesetz ist zu Ende; wir haben dies eingestanden, indem wir es verließen und unsere Zuflucht zum Heile nahmen, das aus dem Glauben 78 fließt. Wenn wir also eifern wollten, es (wieder) aufzurichten, so würden wir gerade dadurch zu Übertretern, indem wir mit Hartnäckigkeit festhielten, was von Gott gelöst worden ist. — Sodann zeigte er auch, wie es gelöst wurde.
V. 19: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetze gestorben.“
Das gibt einen doppelten Sinn. Entweder versteht er unter Gesetz das Gesetz der Gnade, denn er pflegt auch dieses mitunter Gesetz zu nennen, z. B. wenn er schreibt: „Das Gesetz des Geistes befreite mich.“ Oder er versteht hier unter Gesetz das alttestamentliche und zeigt, daß er durch das Gesetz selber dem Gesetze abstarb; d. h. das Gesetz selber brachte mich dazu, es hinfort nimmer zu halten. Wenn ich es also halten wollte, würde ich gerade dadurch es übertreten. Wieso und inwieferne? Moses spricht: „Einen Propheten wie mich wird euch Gott der Herr aus der Mitte eurer Brüder erwecken; den sollt ihr hören.“ Er redet von Christus. Wer also diesen nicht hört, übertritt das Gesetz. — Man kann aber die Worte: „durch das Gesetz bin ich dem Gesetze gestorben“ auch noch in einem anderen Sinne verstehen. Das Gesetz befiehlt nämlich, alle Vorschriften zu beobachten, und bestraft den Ungehorsam. Folglich sind wir ihm alle abgestorben, da keiner es (ganz) erfüllt hat. — Beachte auch hier die Zurückhaltung, mit der er gegen das Gesetz ankämpft! Er sagt nicht: das Gesetz ist mir gestorben, sondern: ich bin dem Gesetze gestorben. Der Sinn seiner Worte ist der: Wie ein Toter, ein Leichnam nicht imstande ist, auf die Vorschriften des Gesetzes zu hören, ebensowenig bin ich es, der ich durch den Fluch desselben gestorben bin. Denn durch seinen Ausspruch bin ich dem Tode verfallen. Also soll es auch nimmer dem Toten gebieten, den es selber hinweggerafft hat mit dem Tode nicht bloß des Leibes, sondern auch der Seele; 79 denn durch letzteren hat es ersteren herbeigeführt. — Daß er es wirklich so meint, beweist er durch die folgenden Worte: „Damit ich“, sagt er, „für Gott lebe, bin ich mit Christus gekreuzigt.“ Er hatte nämlich gesagt: „Ich bin gestorben.“ Damit nun nicht einer frage: Wie also lebst du da?, fügt er gleich die Ursache des Lebens bei und führt aus, das Gesetz habe den Lebenden getötet, Christus hingegen aus Erbarmen durch seinen Tod dem Toten das Leben wiedergegeben. Paulus weist auf ein doppeltes Wunder hin: 1. daß er den Toten zu neuem Leben erweckte; 2. daß er das Leben schenkte durch den Tod. Er nennt hier den Tod Leben. Das bedeutet der Ausdruck: „damit ich für Gott lebe, bin ich mit Christus gekreuzigt worden.“ — Es könnte nun jemand einwenden: Wie ist’s möglich, daß einer, der noch lebt und atmet, mitgekreuzigt worden ist? Daß Christus gekreuzigt wurde, ist gewiß; inwiefern aber bist du mitgekreuzigt worden und dabei noch am Leben? Sieh, wie er auch das erklärt, indem er sagt:
V. 20: „Doch nicht mehr ich lebe; Christus lebt in mir.“
Durch die Worte: „mit Christus bin ich gekreuzigt worden“, spielt er an auf die Taufe; durch die Worte aber: „doch nicht mehr ich lebe“ auf den darauffolgenden Lebenswandel, der unsere Glieder abtötet. Was aber besagt der Zusatz: „Christus lebt in mir?“ Er will sagen: Nichts geschieht meinerseits gegen Christi Willen. Wie er nämlich unter Tod nicht den gewöhnlichen Tod versteht, sondern den der Sünde, so versteht er auch unter Leben die Befreiung von derselben. Gott leben kann nur, wer der Sünde abgestorben ist. Wie also Christus dem Tode des Leibes sich unterzog, so ich mich dem Tode hinsichtlich der Sünde. Denn: „Ertötet eure irdischen Glieder, als da sind Hurerei, Unzucht, Ehebruch;“ und 80 wiederum: „Der alte Mensch in uns ist gekreuzigt.“ Das geschah im Bade der Taufe. Wenn du hinfür der Sünde tot bleibst, lebst du Gott; wenn du sie aber wiederum erweckst, hast du das Leben vernichtet. Aber Paulus tat nicht also, sondern blieb tot (der Sünde) ganz und gar. Wofern ich nun, spricht er, Gott lebe, ein Leben verschieden von dem des Gesetzes, und wofern ich tot geworden bin für das Gesetz, kann ich das Gesetz in keinem Stücke mehr erfüllen.