Und betrachte, mit welcher Sorgfalt er sich ausdrückt! Jeder Verständige konnte daraus ersehen, daß es sich nicht um einen (wirklichen) Streit, sondern um die Ausführung eines Planes handelte. Er sagt nämlich: „Als Petrus nach Antiochien gekommen war, widerstand ich ihm ins Angesicht, weil er tadelnswürdig war.“ Nicht mir, versichert er, sondern den andern. Wenn sein eigenes Urteil abfällig gewesen wäre, hätte er gewiß nicht Anstand genommen, dies auch zu sagen. Auch der Ausdruck: „Aug in Aug widerstand ich ihm“ ist bloße Redefigur. Denn bei einem wirklichen Streite würden sie schwerlich in Gegenwart der Schüler einander getadelt haben. Das hätte ja schreckliches Ärgernis gegeben. Hier aber war eine öffentliche Auseinandersetzung von wesentlichem Nutzen. Und wie Paulus ihnen in Jerusalem sich fügte, so taten sie in Antiochia. — Wie lautet nun der Vorwurf? „Bevor einige Leute aus der Umgebung des Jakobus kamen“ — dieser war nämlich Lehrer in Jerusalem —, „aß er mit den Heiden; als sie aber gekommen waren, zog er sich zurück und sonderte sich ab, da er die fürchtete, welche 71 aus der Beschneidung waren.“ Er fürchtete nicht für seine Person — denn von Anfang an unerschrocken, war er es jetzt noch viel mehr —, er fürchtete den Abfall. Schreibt ja auch Paulus an die Galater: „Ich bin in Sorge um euch, daß ich nicht etwa vergeblich gearbeitet habe;“ und bei anderer Gelegenheit: „Ich fürchte aber, daß, so wie die Schlange Eva verführt hat, so auch euer Sinn verderbt werde.“ Die Furcht vor dem Tode galt ihnen nichts, aber die Furcht, ihre Schüler möchten verlorengehen, erfüllte ihre Seele mit Schrecken. „…so daß sich sogar Barnabas von ihnen mit fortreißen ließ in die Verstellung.“ Wundere dich nicht, wenn er das Vorgehen eine Verstellung heißt. Denn den eigentlichen Grund will er, wie bereits erwähnt, zu ihrem eigenen Besten nicht enthüllen. Da sie nämlich zähe am Gesetze festhielten, deshalb nennt er die Handlungsweise (des Petrus) eine Verstellung und überschüttet ihn mit Vorwürfen, um so ihren Wahn mit der Wurzel auszurotten. Und wie Petrus dies merkt, geht er auf die Verstellung ein und heuchelt Sündhaftigkeit vor, damit durch seine eigene Beschämung jene auf bessere Wege gebracht würden. Denn wenn Paulus seine Vorwürfe gegen die Judenchristen selbst gerichtet hätte, würden sie sich mit Entrüstung abgewendet haben; sie hatten ja keine besonders günstige Meinung von ihm. Nun sie aber sahen, wie ihr Meister stillschweigend den Vorwurf sich gefallen ließ, konnten sie des Paulus Worte nicht geringschätzen noch dawiderreden.
V. 14: „Da ich nun sah, daß sie nicht geraden Fußes wandelten gemäß der Wahrheit des Evangeliums —“
Auch diese Worte dürfen euch nicht beirren. Denn nicht, um Petrus abzuurteilen, spricht er so; vielmehr 72 sind seine Worte für die Zuhörer berechnet, die durch Petri Zurechtweisung gebessert werden sollen. — „Sprach ich zu Petrus angesichts aller.“ Siehst du, wie er auf den Nutzen der anderen schaut? Er redet deswegen angesichts aller, damit sie hören und sich fürchten. — Was hast du gesagt, sprich! — „Wenn du, obgleich ein Jude, nach heidnischer und nicht nach jüdischer Weise lebst, wie magst du die Heiden zwingen, nach jüdischer Weise zu leben?“ — Aber es wurden doch nicht die Heiden von ihm mitgerissen, sondern die Juden! Warum also schmähst du ohne Veranlassung? Warum richtest du deine Worte nicht an diejenigen, welche Verstellung trieben, an die Judenchristen? Warum an die Heiden? Und weshalb machst du dem Petrus allein Vorwürfe, während doch auch die übrigen mit ihm auf die Verstellung eingingen? — Richten wir unser Augenmerk auch auf den Inhalt des Vorwurfes! „Wenn du, obgleich ein Jude, nach heidnischer und nicht nach jüdischer Weise lebst, wie magst du die Heiden zwingen, nach jüdischer Weise zu leben?“ Er hatte sich doch allein zurückgezogen! Was also will Paulus erzielen? Den Vorwurf unverfänglicher machen. Denn wenn er gesagt hätte: Du tust übel mit deiner Treue gegen das Gesetz, hätten ihm die Judenchristen vorgeworfen, er nehme sich zuviel gegen ihren Meister heraus. So aber, da er für seine eigenen Schüler, nämlich die Heidenchristen, gegen ihn auftritt, verschafft er dadurch seiner Rede willigeres Gehör; und nicht bloß dadurch, sondern auch weil er es versteht, den Tadel von der Gesamtheit ab- und ganz und gar auf den Apostel hinzulenken. „Wenn nämlich du“, sagt er, „obgleich ein Jude, nach heidnischer Weise lebst und nicht nach jüdischer.“ Schier hört man ihn da rufen: Macht es so wie euer Meister; denn seht, obgleich Jude, lebt er doch nach Art der Heiden! Freilich sagt er es nicht geradezu heraus; denn man hätte seine Aufforde- 73 rung nicht angenommen. Aber unter dem Scheine der Zurechtweisung für die Heiden(christen) offenbart er wirklich die Gesinnung Petri. — Hinwieder, wenn er gesagt hätte: Warum zwingst du die Judenchristen, jüdisch zu verfahren?, so wäre die Erörterung allzu bitter geworden. So aber tritt er als Anwalt nicht der Juden-, sondern der Heidenchristen auf und weist auf diese Weise jene zurecht. Denn Vorwürfe können dann am annehmbarsten gemacht werden, wenn sie nicht gar zu verletzend sind. Auch konnte keiner aus den Heidenchristen dem Paulus vorwerfen, daß er für die Juden Partei genommen habe. Dieser gute Erfolg aber war insgesamt ein Werk des Petrus, der stillschweigend den Schein der Verstellung auf sich nahm, um die Juden aus ihrer wirklichen Verstellung herauszureißen. — Anfangs also schleudert er den Vorwurf Petrus allein ins Gesicht, indem er sagt: „Wenn du, obgleich ein Jude…;“ im weiteren Verlaufe aber verallgemeinert er das Gesagte und schließt sich selber mit ein. Er sagt:
V. 15: „Wir sind von Geburt Juden und nicht von Heiden her Sünder.“
Auch in diesen Worten birgt sich eine Ermahnung, aber den Judenchristen zuliebe kleidet er sie in eine etwas herbe Form. Das tut er übrigens auch sonst. Unter dem Scheine, dieses oder jenes zu sagen, verfolgt er einen ganz anderen Zweck. Im Briefe an die Römer z. B. schreibt er: „Jetzt aber reise ich nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen.“ Er wollte ihnen 74 aber nicht einfachhin anzeigen, daß und warum er nach Jerusalem reise, sondern sie zum Wohltun aneifern. Denn wenn es ihm lediglich um Angabe seines Reisezweckes zu tun gewesen wäre, hätte es genügt, zu sagen: ich reise hin, um den Heiligen zu dienen. Nun aber betrachte, wie viel er noch anfügt: „Denn Mazedonien und Acheia haben beschlossen, für die Armen der Heiligen, welche zu Jerusalem sind, eine Sammlung zu veranstalten. Sie beschlossen es und sie sind auch deren Schuldner;“ und ferner: „Denn wenn die Heiden ihres Geistes teilhaftig geworden sind, so schulden sie dafür, ihnen in dem Leiblichen zu dienen.“ — Sieh nur, wie er auch hier den Hochmut der Juden auf indirektem Wege dämpft! Wie selbstbewußt klingen seine Worte: „Wir sind von Geburt Juden und nicht von Heiden her Sünder!“ Was aber heißt dies: von Geburt Juden? Es heißt: Obwohl nicht Proselyten, sondern von Jugend auf im Gesetze erzogen, haben wir gleichwohl der angestammten Sitte entsagt und sind zum christlichen Glauben übergetreten. —
V. 16: „Da wir aber wußten, daß der Mensch nicht gerechtfertigt wird aus Gesetzeswerken, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, so glaubten auch wir an Jesus Christus.“
Beachte auch hier, wie genau er alle seine Worte abwägt! Wir ließen, so sagt er nämlich, das Gesetz fahren, nicht weil es schlecht, sondern weil es nutzlos ist. Wenn nun das Gesetz keine Rechtfertigung bietet, ist die Beschneidung ein überflüssiges Ding. Soweit hier; im weiteren Verlaufe aber zeigt er, daß sie nicht bloß überflüssig, sondern auch gefährlich sei. Es ist sehr bemerkenswert, wie er anfänglich bloß sagt: „Der Mensch wird nicht gerechtfertigt aus den Gesetzeswerken“, nachher aber sich viel schärfer ausdrückt.
75 * V. 17: „Wenn wir aber, die wir suchten durch Christus gerechtfertigt zu werden, selbst auch als Sünder befunden würden, dann ist also Christus Diener der Sünde?“ *
Er meint: Wenn der Glaube an ihn die Kraft der Rechtfertigung nicht besitzt, sondern es notwendig ist, wieder zum Gesetze zu stehen, so müssen wir, die wir das Gesetz um Christi willen aufgegeben haben, ohne davon Rechtfertigung, sondern vielmehr Verdammnis zu erlangen, den als die Ursache unserer Verdammnis betrachten, um dessentwillen wir vom Gesetz zum Glauben übergegangen sind. Siehst du, mit welch zwingender Gewalt er sie schlagend widerlegt, wie scharf seine Waffen treffen? Wenn man, so folgert er, das Gesetz nicht aufgeben darf, wir es aber um Christi willen aufgegeben haben, wie kann man uns da verurteilen? — Übrigens warum gibst du dem Petrus solche Ermahnungen, der ja die Sache am allerbesten weiß? Hatte ihm nicht Gott (selbst) gezeigt, daß man einen unbeschnittenen Menschen nicht vom Standpunkte der Beschneidung aus verurteilen dürfe? Hat er nicht seit dieser Erscheinung den Juden mannhaft Widerstand geleistet, sooft der betreffende Punkt in Frage stand? Hat er sodann nicht von Jerusalem aus deutliche Vorschriften über diesen Punkt gegeben? — Nun, die Belehrung gilt auch nicht dem Petrus. Seine Rede zielte nur scheinbar auf ihn ab, in Wirklichkeit galt sie den Schülern. Und nicht bloß gegen die Galater sind diese Worte gerichtet, sondern gegen alle, die an derselben Krankheit leiden. Denn wenn sich heutzutage die Leute auch nicht mehr beschneiden lassen, so gibt es dafür gar viele, welche mit ihnen fasten und die Sabbate feiern. Diese handeln um nichts besser und berauben sich selbst der Gnade. Denn wenn schon denen, die sich beschneiden lassen, Christus nichts nützt, ermiß dann 76 die Gefahr, wenn noch Fasten und Sabbat sich dazugesellt, und statt eines Gebotes deren zwei beobachtet werden! Eine Gefahr, welche sich noch steigert, wenn wir den Zeitpunkt bedenken. Jene taten also im Anfang, als die Stadt noch bestand und der Tempel und alles übrige: Diese aber sehen das Strafgericht, das an den Juden sich vollzog, sehen die Zerstörung der Stadt und beobachten dabei noch mehr Vorschriften. Welche Entschuldigung könnten sie da vorbringen, sie, die zu einer Zeit an der Beobachtung des Gesetzes festhalten, wo die Juden selber trotz allen Eifers es nicht mehr befolgen können? Christus hast du angezogen, ein Glied des Herrn bist du geworden, ein Bürger der himmlischen Stadt, und du kriechst immer noch vor dem Gesetze? Wie kannst du da des Reiches teilhaftig werden? Höre des Paulus Wort: Das Evangelium wird verkehrt durch die Beobachtung des Gesetzes. Und wenn du wissen willst inwieferne, so vernimm es und zittere und fliehe den Abgrund! Weshalb hältst du mit ihnen Sabbat und Fasten? Offenbar weil du das Gesetz fürchtest, weil du fürchtest, von seinem Buchstaben abzufallen. Du würdest aber den Abfall vom Gesetze nicht fürchten, wenn du nicht vom Glauben verächtlicherweise annähmest, er sei ohne Kraft und unvermögend, für sich allein zu rechtfertigen. Du nimmst Anstand, den Sabbat zu übertreten. Also fürchtest du offenbar das Gesetz als noch verbindlich. Bedarf man aber des Gesetzes, so sicherlich des ganzen Gesetzes und nicht bloß eines Teiles oder gar nur eines einzigen Gebotes. Wenn aber des ganzen, dann — is’s in Bälde geschehen um die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt. Denn wenn du die Sabbate hältst, warum läßt du dich nicht auch beschneiden? Und läßt du dich beschneiden, warum bringst du nicht auch Opfer dar? Muß man das Gesetz halten, so muß man es ganz halten; muß man es aber nicht ganz, dann auch nicht zum Teile. Wenn du fürchtest, wegen Übertretung des Teiles zu sündigen, so mußt du erst recht fürchten 77 wegen (Übertretung) des Ganzen. Wenn das Ganze im Übertretungsfalle nicht Strafe nach sich zieht, dann offenbar auch nicht der Teil; wenn aber der Teil, dann um so mehr das Ganze. Heißt es das Ganze halten, so heißt es Christus entsagen. Umgekehrt wer auf Christus hört, der muß mit dem Gesetze brechen. Wofern das Gesetz verpflichtende Kraft besitzt, sind diejenigen Frevler, welche es übertreten, und als dieses Frevels Urheber stellt sich uns Christus dar; denn er hat das Gesetz, das solches gebietet, gelöst und es zu lösen befohlen.