Johannes Chrysostomus · In epistulam ad Philemonem argumentum et homiliae 1-3 · Buch 3 · Kapitel 2
Wer würde nicht den Kämpfer und Bekränzten mit offenen Armen aufgenommen haben? Wer würde nicht zu jedem Gefallen bereit gewesen sein, wenn er „den Gefangenen Christi“ sah?
Nachdem nun also der Apostel das Herz des Philemon im voraus mürbe gemacht hatte, nennt er auch jetzt noch nicht gleich den Namen (des Onesimus), sondern schiebt seine große Bitte noch immer auf. Ihr kennt ja die Stimmung der Herren gegen entlaufene Sklaven, zumal wenn die Sache mit einem Diebstahl zusammenhing, und ihr wißt, wie der Zorn auch bei gutmüthigen sich steigert. Diesen Zorn hat nun der Apostel durch alles Das im Voraus beschwichtigt. Und nachdem er den Philemon bereitwillig gemacht, für ihn alles Mögliche zu thun, und sein Herz zu jeder Dienstleistung willfährig war, kommt er jetzt mit seiner Bitte und sagt:
519 10. Ich bitte dich — und jetzt kommt eine Empfehlung — für mein Kind, das ich in Banden erzeugt.
Wiederum die das Herz bezwingenden Bande. Und jetzt kommt der Name. Der Apostel hat in Philemon nicht bloß den Zorn beschwichtigt, sondern auch eine günstige Stimmung hervorgerufen. Ich würde ihn ja, will er sagen, nicht mein Kind nennen, wenn er nicht ein vortrefflicher Mensch wäre. Wie ich den Timotheus ein Kind genannt habe, so auch Diesen. Und indem er seine Zärtlichkeit nach allen Seiten zeigen will, erwähnt er auch die Umstände seiner Geburt. „Als Gefangener,“ sagt er, „habe ich ihn gezeugt.“ Also auch Das soll ihm eine ehrenvolle Aufnahme sichern, daß er mitten in den Kämpfen und Drangsalen für Christus erzeugt worden ist.
„Den Onesimus.“ 11. Der dir einst unnütz war.
Wie fein berechnet! Der Apostel gesteht den Fehler seines Schützlings ein und löscht dadurch den Zorn des Philemon. Ich weiß, will er sagen, daß er unnütz war; „jetzt aber ist er dir und mir nützlich.“ Es heißt nicht: „Jetzt wird er dir nützlich sein,“ damit Philemon nicht Einsprache erhebt, sondern er macht auch seine eigene Person namhaft, damit die Hoffnungen (die er auf Onesimus setzen soll) Glauben verdienen. „Jetzt aber ist er dir und mir nützlich. Wenn er dem Paulus nützlich ist, der so strenge Forderungen stellt, dann ist er es noch viel eher seinem Herrn.
Den ich dir zurückschicke.
Auch Das trug zur Beschwichtigung des Unwillens bei Philemon bei, daß Paulus den Sklaven zurückgab. Am 520 meisten werden ja die Herren dann unwillig, wenn man sich für abwesende Sklaven bittend an sie wendet. Also diese Worte haben besänftigend gewirkt.
Du aber nimm ihn, d.h. mein Herz, gütig auf!
Abermals nennt der Apostel nicht den Namen schlechthin, sondern mit einem empfehlenden Beisatz, der dießmal noch wärmer ist als der Ausdruck „Kind“. Er hatte das Wort „Kind“, das Wort „erzeugen“ gebraucht. Es war natürlich, daß er den Onesimus so sehr liebte, weil er ihn in schwerer Zeit erzeugt hatte. Es ist ja bekannt, daß man jene Kinder mit besonders zärtlicher Liebe umfaßt, welche auf der Flucht vor Gefahren und mitten in der Gefahr der Welt gekommen sind; so z. B. wenn es in der Schrift heißt: „Wehe Barochabel.“ Und wiederum: wenn Rachel den Benjamin ruft, nennt sie ihn „Schmerzenskind“. Also:
Du aber nimm ihn, das heißt mein Herz, gütig auf!
Der Apostel gibt in diesen Worten seine große Liebe kund. Er sagt nicht: „Empfange ihn!“ oder: „Zürne ihm nicht,“ sondern: „Nimm ihn auf“ (προσλαβοῦ)! d. h. er ist nicht bloß Verzeihung, sondern auch einer achtungsvollen Behandlung werth. Weßhalb? Er ist der Sohn des Paulus geworden.
521 13. Ich meinestheils hätte ihn gerne bei mir zurückbehalten, damit er mir diene inden Banden des Evangeliums.
Siehst du, wie lange der Apostel es vorbereitet hat, damit er schließlich den Onesimus bei seinem Herrn in Kredit brachte? Und betrachte, mit welcher Feinheit er auch Das wieder bewerkstelligt hat! Betrachte, wie er einerseits den Philemon sich verpflichtet und andererseits dem Onesimus die Ehre anthut. Du hast, will er zu Jenem sagen, Gelegenheit, den Dienst, den du mir zu schulden glaubst, in ihm mir zu erweisen. Und an dieser Stelle zeigt er, daß er das Interesse des Philemon mehr im Auge hat als das seines „Sohnes“, weil er für denselben eine so große Verehrung hegt.
14. Doch ohne deine Willensmeinung habe ich Nichts thun wollen, damit nicht dein Gutes wie aus Zwang geschähe, sondern aus freiem Willem.
Das wirkt besonders umstimmend auf Denjenigen, an den man eine Bitte stellt, wenn selbst bei einer nützlichen Sache auf seine Willensmeinung Rücksicht genommen wird. Zwei Erfolge sind damit erreicht: der Eine macht einen Gewinn, der Andere wird seiner Sache sicherer.
Es heißt ferner nicht: „aus Zwang“, sondern: „wie aus Zwang“. Ich wußte, will der Apostel sagen, daß, wenn du auch die Sache nicht genauer erfährst, sondern nur im Allgemeinen davon hörst, du doch nicht zürnen würdest; aber ich habe doch des Guten etwas mehr thun wollen, damit es nicht wie ein Zwang aussieht.
522 15. Denn vielleicht ist er darum auf kurze Zeit von dir getrennt worden, damit du ihn für ewig behaltest, 16. Nicht mehr als Sklaven.
Treffend ist das „Vielleicht“; es macht den Herrn nachgiebig. Da Jener nämlich aus Unverschämtheit und verkehrter Gesinnung und nicht in einer guten Absicht entlaufen war, so sagt der Apostel „vielleicht“. Auch heißt es nicht: „Deßhalb ist er entlaufen,“ sondern: „Deßhalb ist er getrennt worden.“ Der Apostel hatte nicht zu untersuchen, ob er aus diesem oder jenem Grunde sich entfernt hatte. So sagt auch Joseph, um seine Brüder in Schutz zu nehmen, daß „Gott ihn nach Ägypten geschickt habe“, d. h. die Bosheit seiner Brüder benutzte Gott zum Guten.
„Deßhalb ist er auf kurze Zeit von dir getrennt worden.“ Der Apostel kürzt die Zeit, gesteht den Fehler zu und führt Alles auf göttliche Fügung zurück.
„Damit du ihn für ewig behaltest,“ nicht bloß in dieser Welt, sondern auch im Jenseits, damit du ihn fortwährend um dich habest, nicht als Sklaven, sondern in einer ehrenvolleren Stellung, als es die eines Sklaven ist. An ihm wirst du, da er bei dir bleibt, einen Diener haben, wohlwollender als einen Bruder, so daß du in Bezug auf die Zeit und die Qualität des Dieners nur gewonnen hast. Denn für die Zukunft wird er nicht mehr 523 davonlaufen, „damit du ihn für ewig behaltest“ (ἀπέχῃς), was hier steht anstatt „erhältst“ (ἀπολάβῃς).
Nicht mehr als Sklaven, sondern als mehr denn als Sklaven, als einen geliebten Bruder, vorzüglich mir.
Einen Sklaven hattest du für kurze Zeit verloren, einen Bruder wirst du finden für immer, einen Bruder, der es nicht nur dir, sondern auch mir ist. Das ist ein Beweis für seine große Tugend. Ist er aber mein Bruder, so brauchst auch du dich seiner nicht zu schämen. Durch die Benennung „Kind“ zeigte der Apostel seine zärtliche Gesinnung für Onesimus, durch die Benennung „Bruder“ sein Wohlwollen und seine Hochachtung, indem er sich mit ihm auf die gleiche Stufe stellt.