Johannes Chrysostomus · In epistulam ad Philemonem argumentum et homiliae 1-3 · Buch 3 · Kapitel 4
Wäre es denn nicht absurd, wenn wir uns darüber nicht aufhalten würden, daß die Herren ihre Diener schlagen, in dem Gedanken, sie würden schon zur rechten Zeit aufhören, da dieselben ihr Besitzthum seien, daneben aber 527 denken würden, daß Gott, wenn er einmal straft, keine Schonung mehr kennt? Dieß hat auch Paulus angedeutet mit den Worten: „Wir mögen leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ Gott will seinen Reichthum nicht mindern, er weiß, wie er zu strafen hat, er straft ja seine eigenen Kinder. Niemand verfährt schonender mit uns als er, der uns aus dem Nichts in’s Dasein gerufen hat, der die Sonne aufgehen, der regnen läßt, der uns eine Seele einhaucht, der seinen eigenen Sohn für uns hingegeben hat. Aber wie ich sagte, und was ich mit meiner ganzen Rede bezwecke: Laßt uns in der rechten Weise demüthig sein, laßt uns in den rechten Schranken bleiben! Möge Das nicht ein Anlaß zur Überhebung werden. Du bist demüthig, ja der Demüthigste aller Menschen? Sei deßhalb nicht stolz, schmähe nicht auf Andere, damit du nicht jeden Anlaß zum Stolze verlierst! Deßwegen bist du ja demüthig, damit du der Hoffart ferne bleibst. Führt dich die Demuth zur Hoffart, so wäre sie besser gar nicht vorhanden. Vernimm, was Paulus sagt: „Ist also das Gute mir zum Tode geworden? Das sei ferne. Sondern die Sünde, damit sie als Sünde erschien.“ Wenn es dir einfiele, dich selbst wegen deiner Demuth zu bewundern, dann betrachte Gott, den Herrn, wie der sich herabgelassen hat, dann wirst du für dich selber keine Bewunderung mehr empfinden, dir kein Lob spenden, sondern vielmehr über dich selber lachen, da du so gar Nichts geleistet. Halte dich durchaus für einen Schuldner! Was du auch thun magst, halte dich an jenes Gleichniß: „Wenn Einer von euch einen Diener hat, wird er ihm beim Eintreten sagen: Lege dich nieder? Nein, sage ich euch, sondern: 528 „Bleib stehen und bediene mich!“ Sprechen wir Dienern unsern Dank aus, wenn sie uns bedienen? Nein, durchaus nicht. Aber Gott weiß uns Dank, nicht wenn wir ihm einen Dienst leisten, sondern wenn wir thun, was zu unserem eigenen Vortheil ist. Übrigens dürfen wir nicht, weil er uns Dank weiß, es darauf anlegen, daß er uns noch mehr Dank wisse, sondern einfach darauf, daß wir unsere Schuldigkeit thun. Denn wahrhaftig um eine Schuldigkeit handelt es sich, und Alles, was wir thun, ist unsere Schuldigkeit. Denn wenn wir uns Diener um Geld kaufen und dann verlangen, daß sie bloß uns leben, und daß all ihr Besitz unser Besitz sei, um wie viel mehr kann Gott Dieß verlangen, der uns aus dem Nichts in’s Dasein gerufen und dann mit seinem kostbaren Blute erkauft hat? Er hat einen Preis für uns bezahlt, wie Keiner ihn je für sein Kind bezahlen konnte, sein Blut hat er vergossen. Wenn wir tausend Leben hätten und sie alle hinlegen würden, hätten wir ein Äquivalent gegeben? Keineswegs. Warum? Weil Gott uns Das nicht als Schuldner gethan, sondern Alles aus Gnade, wir dagegen sind Alles schuldig. Er als Gott ist ein Knecht geworden; dem Tode nicht Unterthan hat er sich ihm Unterthan gemacht im Fleische. Wenn dagegen wir unser Leben für ihn hinopfern, so thun wir es bloß nach dem Gesetze der Natur; etwas später müßten wir es ohnehin verlassen. So ist’s auch beim Gelde: wenn wir es nicht um Gottes willen hergeben, so zwingt uns der Tod, es herzugehen. Und so ist es auch mit der Demuth: wenn wir uns nicht seinetwegen demüthigen, dann werden wir durch Bedrängnisse, Unglücksfälle und durch Höherstehende gedemüthigt werden.
529 Siehst du also, wie groß auf seite Gottes die Gnade ist? Er hat nicht gesagt: „Was haben denn die Martyrer Großes gethan? Wären sie nicht meinetwegen gestorben, so hätten sie jedenfalls noch sterben müssen.“ Im Gegentheil, er wußte ihnen vielen Dank dafür, daß sie freiwillig opferten, was sie später nach dem natürlichen Laufe der Dinge unfreiwillig hätten opfern müssen. Er sagte nicht: „Was thun Diejenigen Großes, die ihren Geldsäckel für die Armen ausleeren? Sie müßten von ihrem Gelde auch unfreiwillig lassen.“ Nein, auch ihnen weiß er großen Dank und steht nicht an, vor Allen zu bekennen, daß der Herr von den Sklaven sein Essen bekomme. Denn auch das ist ein Ruhm für den Herrn, wenn er dankbare Diener hat; auch das ist ein Ruhm für den Herrn, wenn seine Diener ihn so lieben; auch das ist ein Ruhm für den Herrn, wenn er das Ihrige als das Seinige annimmt; und auch das ist ein Ruhm für den Herrn, wenn er Dieß vor Allen ohne Bedenken eingesteht.
Haben wir also Ehrfurcht vor der so großen Liebe Christi, erglühen auch wir vor Liebe. Mag auch Jemand niedrigen und gemeinen Standes sein, hören wir aber, daß er uns liebt, so wenden wir ihm unsere ganze Liebe zu und schenken ihm unsere ganze Achtung. Ja, wir fassen Liebe zu ihm; aber Gott der Herr liebt uns in so hohem Maaße, und wir bleiben stumpf? Ach, ich bitte euch, seien wir nicht so leichtsinnig in Bezug auf das Heil unserer Seelen, sondern lieben auch wir ihn nach allen unseren Kräften, geben wir Alles hin für seine Liebe, Leben, Vermögen, Ehre, kurz Alles mit Freude, mit Wonne, mit Bereitwilligkeit, nicht als ob wir Gott Etwas anböten, sondern uns selber! Das ist die Art der Liebenden: sie glauben Wonne zu empfinden, wenn sie für die Geliebten Etwas zu leiden haben. So wollen auch wir uns ver- 530 halten gegen Gott, unsern Herrn, damit wir der ewigen Seligkeit theilhaftig werden in Christus Jesus, unserem Herrn, mit welchem dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ehre jetzt und alle Zeit und in alle Ewigkeit. Amen.
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