Johannes Chrysostomus · In epistulam ad Philemonem argumentum et homiliae 1-3 · Buch 3 · Kapitel 3
Das ist nicht ohne eine bestimmte Absicht niedergeschrieben, sondern zu dem Zwecke, daß wir Herren unsere Dienstboten nicht wie hoffnungslose Leute behandeln und ihnen nicht hart begegnen, sondern solchen Dienern ihre Fehler verzeihen lernen, damit wir nicht immer streng sind gegen sie, damit wir uns des dienenden Standes nicht schämen, sondern die Dienstboten, wenn sie brav sind, in Allem als gleichberechtigte Menschen ansehen. Denn wenn Paulus sich nicht geschämt hat, einen Sklaven als „Kind“, als „Herz“, als „Geliebten“ zu bezeichnen, warum sollten dann wir uns schämen? Ja, was rede ich von Paulus? Der Herr und Meister des Paulus schämt sich nicht, unsere Sklaven „Brüder“ zu nennen, und wir sollten uns dessen schämen? Sieh’, welche Ehre er uns erweist. Er nennt unsere Sklaven „Brüder“, „Freunde“ und „Miterben“. Siehe, welche Herablassung! Was sollen also wir thun, um unserer Pflicht ebenso zu genügen? Wir können es gar nicht, sondern so tief wir uns auch demüthigen, unsere Demuth reicht nicht so weit. Bedenke nur! Alles, was 524 du in dieser Richtung thust, Das thust du gegen deinen Mitknecht, dein Gott und Herr aber hat es gegen seine Knechte gethan. Höre und staune, was ich jetzt sage! Sei niemals stolz auf deine Demuth! Vielleicht kommt euch Das komisch vor, wenn die Demuth stolz wird. Aber wundert euch nicht. Die Demuth wird wirklich stolz, wenn sie keine ächte ist. Wie so, und wie kann Das sein? Wenn sie auf die Menschen und nicht auf Gott abzielt, wenn sie mit Menschenlob und Selbstüberhebung zu thun hat. Das ist die Art des Teufels. Gleichwie viele Menschen Ruhm erlangen, weil sie ihn verachten, so erscheinen auch Viele demüthig aus Hoffart. Es ist z. B. ein Bruder oder auch ein dienender Mensch zu dir gekommen, du hast ihn gut aufgenommen, hast ihm die Füße gewaschen, und gleich ist der Stolz da: „Ich habe gethan,“ sprichst du, „was noch Keiner that; ich habe einen Akt der Demuth vollbracht!“
Wie kann nun Jemand demüthig bleiben? Wenn er des Wortes Christi eingedenk ist: „Wenn ihr Alles gethan habt, dann sprechet: Wir sind unnütze Knechte.“ Und wiederum Dessen, was der Völkerlehrer sagt: „Ich glaube nicht zum Verständniß gekommen zu sein.“ Der allein kann demüthig sein, in dem sich die Überzeugung bildet, daß er nichts Großes geleistet, was er auch geleistet haben mag, der nicht glaubt, daß er am Ziele angekommen sei.
Es sind gar Manche schon aus Demuth hoffärtig geworden. Wollen wir uns davor in Acht nehmen. Du hast einen Akt der Demuth vollbracht? Denke nicht hoch davon, sonst ist Alles verloren! Ein solcher Mensch war der Pharisäer im Evangelium. Er war stolz darauf, daß er den Armen den Zehent gab, und hat damit Alles verloren. Der Zöllner handelte ganz anders. Vernimm wie- 525 derum, was Paulus spricht: „Ich hin mir zwar Nichts bewußt, aber deßwegen bin ich noch nicht gerechtfertigt.“ Siehst du, wie er sich nicht überhoben, sondern in jeder Weise sich herabgesetzt und gedemüthigt hat, er, welcher den Gipfel der Tugend erstiegen? Die drei Jünglinge standen in Flammen und mitten im Feuerofen; und was sagten sie? „Wir haben gesündigt, wir haben Unrecht gethan mit unsern Vätern.“ Das heißt „ein zerknirschtes Herz haben“; und deßhalb konnten sie sagen: „Aber mit einem zerknirschten Herzen und im Geiste der Demuth mögen wir aufgenommen werden!“ So waren sie nach dem Sturze in den Feuerofen vollkommen demüthigen Sinnes, mehr noch als vor demselben. Als sie nämlich das Wunder sich vollziehen sahen, hielten sie sich der wunderbaren Rettung für unwürdig und demüthigten sich. In der Regel gerathen wir ja dann in Verlegenheit, wenn wir sehen, daß uns ganz ohne unser Verdienst große Wohlthaten erwiesen werden. Nun, welche Wohlthaten haben denn jene drei Jünglinge ohne ihr Verdienst genossen? Sie hatten sich dem Verbrennungstode preisgegeben, sie waren während Andere sündigten, in die Gefangenschaft geführt worden, sie waren noch Jünglinge, und doch murrten sie nicht, wurden sie nicht unwillig und sagten nicht: „Nun, was haben wir jetzt davon, daß wir Gott dienten? Was nützt es uns, daß wir ihn anbeten? Dieser Mensch da ist ein Ungläubiger und ist unser Herr geworden. Mit Götzendienern werden wir von einem Götzendiener gestraft; man hat uns in die Gefangenschaft geführt, des Vaterlandes, der Freiheit, des ganzen väterlichen Vermögens beraubt, wir sind Gefangene und Sklaven geworden, wir dienen einem ausländischen Könige.“ Nichts Derartiges sprachen sie, sondern was? „Wir haben gesündigt, 526 wir haben Unrecht gethan.“ Und nicht für sich, sondern für Andere beten sie, „weil du uns,“ wie sie sagen, „einem recht feindlichen und bösen Könige überantwortet hast.“ Und Daniel, zum zweiten Male in die Löwengrube geworfen, sagte: „Gott hat sich meiner erinnert.“ Warum, o Daniel, hätte er sich deiner nicht erinnern sollen, da du ihm vor dem König die Ehre gabst mit den Worten: „Und ich rühme mich nicht in der Weisheit, welche in mir ist.“ Als du nun in die Löwengrube geworfen wurdest, weil du jenem ruchlosen Befehle nicht gehorchtest, warum hätte Gott sich deiner nicht erinnern sollen? Gerade deßhalb! Bist du denn nicht für ihn jetzt hineingeworfen worden? „Wohl,“ sagt er; „aber ich bin ein schuldiger Mensch.“
Wenn also Daniel nach einem so tugendhaften Leben also denkt, was sollen dann wir sagen? Aber vernimm auch, was David spricht: „Und wenn er zu mir sagt: Ich habe dich nicht gewollt, siehe, da bin ich. Er thue mit mir nach seinem Gefallen,“ obschon er zahllose gute Handlungen von sich hätte aufführen können. Und Heli sprach: „Er ist der Herr, er wird thun, was angenehm ist vor seinem Angesichte.“ So machen es wohlgesinnte Diener; nicht bloß in Bezug auf Wohlthaten, sondern auch in Bezug auf Strafen und Züchtigungen überlassen sie Alles dem Herrn.