Kap. II.
1. Denn ihr selbst wisset, Brüder, daß unser Eingang bei euch kein fruchtloser war, 2. sondern, da wir vorher, wie ihr wisset, in Philippi Leiden und Schmach erduldet, faßten wir im Vertrauen auf unsern Gott den Muth, euch das Evangelium Gottes zu verkünden unter vielen Kämpfen.
„Groß fürwahr und herrlich ist Das, was ihr gethan habt; allein wir haben auch nicht menschliche Worte zu euch gesprochen.“ Wie schon oben, so weist der Apostel auch an dieser Stelle darauf hin, daß der göttliche Charakter des Evangeliums sich in zweifacher Beziehung zu erkennen gebe: einmal in den Wundern und Zeichen und in der Begeisterung Derer, die es verkünden, und dann aus dem Eifer und Glaubensmuthe Derjenigen, die es aufnehmen.
„Denn ihr selbst wisset, daß unser Eingang bei euch kein fruchtloser war.“ Fruchtlos will hier so Viel sagen als bloß menschlich, ganz gewöhnlich und alltäglich. Denn, soeben großen Gefahren, dem Tode und Elend entronnen, stürzte ich mich sofort aufs Neue in Gefahren.
„Sondern da wir vorher, wie ihr wisset, in Philippi Leiden und Schmach erduldet, faßten wir im Vertrauen auf Gott den Muth, — Seht ihr, wie der Apostel wieder alles Verdienst Gott zuschreibt? — euch das Evangelium zu verkünden 560 unter vielen Kämpfen.“ „Es läßt sich nicht behaupten, daß ich nur dort Gefahren bestanden, bei euch aber nicht; denn ihr selbst wisset es wohl, wie groß die Gefahr bei euch gewesen ist, und in welcher Angst ich immer schweben mußte.“ In ähnlicher Weise schreibt der Apostel an die Korinthier: „Wir waren in Schwachheit, in Mühsal, unter Furcht und Zittern bei euch.“
3. Denn unser Unterricht geschah nicht aus Trug, noch aus Unlauterkeit, noch mit List; 4. sondern wie wir von Gott bewährt erfunden worden, daß er uns das Evangelium anvertraut hat, so reden wir, nicht um Menschen, sondern um Gott zu gefallen, der unsere Herzen prüfet.
Seht ihr, daß der Apostel, wie ich schon vorher bebemerkte, den Eifer Derer, die das Wort Gottes verkünden, als einen Beweis für die Göttlichkeit des Evangeliums erklärt? Wäre es nicht göttlich, will er sagen, so wäre es Trug, und nimmermehr hätte ich für dasselbe so viele Gefahren bestanden, daß ich kaum zu Athem kommen konnte. Wenn mich nicht die Hoffnung auf die künftige Seligkeit aufrecht erhalten würde, wenn ich nicht von der unerschütterlichen Überzeugung beseelt wäre, daß diese Hoffnung nicht eitel sei, nimmermehr könnte ich so frohen Muthes sein in Bedrängnissen und Gefahren. Denn wer möchte wegen irdischer Güter so viel Leiden auf sich nehmen, wer ein so mühevolles und gefahrenreiches Leben führen! Welchen Menschen könnte man dazu vermögen! Wäre nicht der Umstand allein schon hinreichend, die Jünger abzuschrecken, wenn 561 sie sehen müssen, wie der Meister in Gefahr schwebt? Allein euch hat Das nicht abgeschreckt.
„Denn unser Unterricht, d. h. die Lehre, geschah nicht aus Trug.“
„Meine Lehre ,“ will der Apostel sagen, „ist nicht Trug und Täuschung, so daß ich darob (früher oder später) zu Schanden werden müßte. Meine Wunder haben Nichts zu schaffen mit den fluchwürdigen Werken der Zauberer.“ Denn in diesem Sinne steht hier Unlauterkeit, d. h. Verkehr mit unlauteren Geistern. „Auch habe ich nie,“ fährt der Apostel fort, „weder List noch Gewalt angewendet, wie Theudas; sondern wie wir von Gott bewährt erfunden worden, daß er uns das Evangelium anvertraut hat, so reden wir, nicht um Menschen, sondern um Gott zu gefallen.“ Seht ihr, daß keinerlei eitle Ruhmredigkeit vorhanden ist? „Sondern Gott,“ fährt er weiter, „der unsere Herzen prüfet.“
„Nichts thun wir,“ sagt der Apostel, „um den Menschen zu gefallen. Wem sollten wir denn auch zu gefallen suchen?“ Nachdem er von den Verkündern des Evangeliums gesagt, daß sie nicht den Menschen zu gefallen suchen und nicht menschliche Ehre und Anerkennung erstreben, fährt der Apostel fort:
„Sondern wie wir von Gott bewahrt erfunden worden, daß er uns das Evangelium anvertraut hat.“ Das will heißen: „Nimmer hätte mich Gott auserwählt, hätte er mich nicht losgeschält erfunden von allem Zeitlichen. Wie er mich nun erprobt hat, so bleibe ich auch.“
„Wir sind bewährt erfunden worden von Gott,“ d. h. er hat mich geprüft und mir das Evan- 562 gelium anvertraut. Wie ich nun Gott bewahrt erschien, so bleibe ich auch. Beweis dieser Bewährung ist eben der Umstand, daß mir das Evangelium anvertraut ward. Hätte Gott in mir etwas Schlechtes entdeckt, so wäre ich eben nicht als bewährt erfunden worden, so hätte mich Gott nicht erprobt. — (Dieser Ausdruck „erprobt“ oder was Dasselbe bedeutet: „er hat uns bewährt erfunden und uns das Evangelium anvertraut“ heißt hier nicht soviel als „geprüft“ . Wir Menschen müssen erst lange prüfen, bei Gott ist das ganz anders.) Darob reden wir also, wie es Denen zukommt, welche Gott geprüft und für würdig erachtet hat, des Apostelamtes zu walten.
„So reden wir nicht, um den Menschen zu gefallen,“ d. h. nicht euretwegen thun wir Dieß alles.
Der Apostel hat eben den Gläubigen zu Thessalonich großes Lob gespendet. Damit er nun nicht in den Verdacht der Schmeichelei gerathe, fährt er fort: