8. so sehnsüchtig hingen wir an euch und waren freudig bereit, euch nicht nur das Evangelium Gottes, sondern selbst unser Leben hinzugeben, weil ihr uns überaus lieb geworden seid. „Wir haben uns schonend unter euch benommen.“ Das will sagen: In unserem Benehmen lag nichts Beschwerliches, nichts Aufdringliches, nichts Lästiges, nichts Anmassendes. „Unter euch“ d. h. wie einer von euch, nicht wie einer, der einen höheren Rang einnimmt. „Wie eine Mutter ihrer Kinder pflegt.“ Fürwahr, 565 so muß ein Lehrer gesinnt sein. Schmeichelt etwa die Mutter dem Säugling, auf daß sie von ihm geehrt werde? Verlangt sie Geld von dem Kinde? Wird sie ihm überlästig und beschwerlich? Müssen die Lehrer nicht noch liebreicher sein als die Mütter? — Hier gibt der Apostel seine mütterliche Liebe zu ihnen kund. „So sehnsüchtig hingen wir an euch.“ Damit will er sagen: So sehr lieben wir euch, so sehr hängen wir an euch, daß wir nicht nur Nichts von euch nahmen, sondern daß wir uns auch nicht geweigert hatten, unser Leben für euch hinzugeben. Sage nur, sind das Eingebungen bloß menschlichen Sinnes! Wer wäre so thöricht, Solches zu behaupten!
Wir waren freudig bereit, euch nicht nur das Evangelium Gottes, sondern selbst unser Leben hinzugeben.
Sonach ist das letztere etwas Größeres als das erstere. „Aber,“ wendet man vielleicht ein, „was nützt denn Das? Das Evangelium bringt doch Nutzen!“ Ganz richtig. Allein die Hingabe des Lebens ist doch etwas Größeres hinsichtlich des Opfers, das gebracht werden muß. Denn das Evangelium predigen und das Leben hingeben, diese beiden Dinge stehen einander nicht gleich. Das erstere nämlich hat größeren Werth , das letztere Erfordert ein größeres Opfer . Wir wollten, sagt der Apostel, wenn es sein sollte, sogar das Leben für euch hinopfern. Weil er sie nun vielfach gelobt hat und noch lobt, darum sagt er ausdrücklich: „Dieß thun wir aber nicht aus Gewinnsucht oder Ehrgeiz oder aus Schmeichelei.“
Der Apostel mußte den Gläubigen zu Thessalonich, weil sie so viele Kämpfe bestanden, außerordentliches Lob spenden, um ihren Muth anzufeuern. Dieses große Lob konnte aber den Verdacht der Schmeichelei erwecken. Um diesen zu beseitigen, spricht er von den Gefahren. Damit es aber wieder nicht scheine, als rede er von Gefahren, um 566 auf seine Mühen hinzuweisen und auf seine Ansprüche auf Ehrenbezeigungen, so fügt er, nachdem er von den Gefahren gesprochen, hinzu: „Weil ihr uns überaus lieb geworden seid,“ d. h. darum hätten wir gerne unser Leben für euch hingegeben, weil unser Herz an das eure gekettet ist. Das Evangelium verkünde ich euch auf Geheiß Gottes, mein Leben aber würde ich für euch, wenn es sein sollte, hinopfern aus Liebe.
Ja, die Liebe des wahren Freundes muß so beschaffen sein, daß er sogar das Leben hinzuopfern sich nicht weigert, wenn dieß von ihm gefordert wird! Doch, was sag’ ich, wenn es gefordert würde! Er muß darnach selbst als nach einer Gunst eifrig streben. Es gibt nichts Beglückenderes als eine solche Liebe. Denn da kann Nichts vorkommen, was Betrübniß verursachte. Ein wahrhaft treuer Freund ist die Würze des Lebens, ist eine mächtige Schutzwehr. Was vollbringt nicht ein ächter Freund! Welches Glück bereitet er! Welchen Gewinn, welchen Vortheil verschafft er! Nenne mir tausend Schätze, keiner kann einem ächten Freunde an Werth gleichkommen.
Reden wir zuerst von dem Glücke der Freundschaft . Beim Anblick des Freundes wallt das Herz des einen frohlockend auf, er umarmt den andern, und das bereitet dem Herzen unaussprechliche Freude. Sogar der bloße Gedanke an den Freund verleiht der Seele höheren Schwung. Ich rede von den wahrhaften Freunden, die eines Herzens sind, die für einander in den Tod gehen, die einander heiß und innig lieben. Ihr dürft nun nicht, um meine Worte zu entkräften, an die alltäglichen Freundschaften, an Tischgenossen, an bloße Namenfreunde denken. Wer einen solchen Freund hat, wie ich meine, der versteht meine Worte ganz gut. Er wird seines Anblickes nicht satt, und wenn er ihn alle Tage sieht. Er wünscht ihm Alles, was er sich selber wünscht. Ich kenne Einen, der, als er einst heilige Män- 567 ner um ihre Fürbitte anging, sie hat, zuerst für seinen Freund, dann erst für ihn selbst zu beten. Von solcher Bedeutung ist uns ein guter Freund, daß wir seinetwegen sogar Orte und Zeiten liebgewinnen. Denn gleichwie leuchtende Körper ihren Glanz ausstrahlen auf die in ihrer Nähe befindlichen Orte, so tragen auch die Freunde den Liebreiz ihrer Person auf die Orte über, au denen sie geweilt, und oft haben wir, wenn wir ohne die Freunde an solchen Orten waren, geweint und geseufzt, eingedenk jener Tage, an welchen wir mit jenen zugleich uns daselbst befanden. Doch mit Worten läßt sich nicht schildern, welche Lust und Freude die Gegenwart der Freunde bereitet. Nur Diejenigen wissen es, welche es erfahren haben. Unbesorgt magst du von dem Freunde einen Dienst verlangen oder eine Gefälligkeit dir erweisen lassen. Wenn die Freunde von uns Etwas verlangen, so ist uns das nur angenehm; getrauen sie sich nicht, uns um Etwas anzusprechen, so ist uns das leid. Was wir besitzen, ist zugleich auch ihr Eigenthum. Oft haben wir uns losgesagt von allen irdischen Dingen, der Freunde wegen aber möchten wir nicht von hinnen scheiden. Ja, der wahre Freund ist ein kostbareres, begehrenswertheres Gut als selbst das Licht der Augen.