Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 7 · Kapitel 2
§ 1
Früher habe ich von Glaubenslehren und von der Herrlichkeit des eingebornen Gottessohnes zu euch geredet, um nämlich Denjenigen den Mund zu schließen, die ihn seiner Ehre berauben und dem Vater entfremden wollen. Heute dagegen soll sich meine Rede mehr auf dem Gebiet der Sittenlehre halten und sollen alle meine Ermahnungen sich auf einen christlichen Lebenswandel beziehen. Doch gehört, im Grunde genommen, der Gegenstand meiner Rede nicht bloß der Sittenlehre, sondern auch der Glaubenslehre an; ich bin nämlich gewillt, die Lehre von der Auferstehung zu erörtern.
Diese Lehre hat verschiedene Seiten: sie bildet eine Richtschnur für unsern Glauben, sie regelt zugleich unser sittliches Verhalten, und sie entkräftet alle Anklagen gegen die göttliche Vorsehung.
Die ungläubige Verwerfung dieser Lehre würde unser Leben zu Grunde richten, anfüllen mit unzähligen Übeln und alle Ordnung umkehren; ihre gläubige Annahme dagegen gibt uns Klarheit über die göttliche Vorsehung, spornt 158 uns an zum eifrigen Streben nach Tugend wie zur sorgfältigen Meidung der Sünde und erfüllt Alles mit Ruhe und Frieden. Denn wer nicht glaubt, daß er auferstehen wird und über Alles, was er auf Erden gethan hat, Rechenschaft ablegen muß; wer da meint, daß unser Dasein über das gegenwärtige Leben nicht hinausreicht und jenseits des Grabes Nichts mehr ist, der wird sich weder der Tugend befleissen noch vor dem Laster in Acht nehmen. Wie sollte er es auch, da er für seine Mühen keinen Lohn und für seine bösen Werke keine Strafe erwartet? Er wird sich deßhalb den sündhaften Begierden vollständig hingeben und so im Laster jeder Art versinken. Wer sich dagegen überzeugt hält, daß er einst zur Verantwortung gezogen wird; wer jenes furchtbare Gericht vor Augen hat und die Rechenschaft, der sich Niemand entziehen, den Spruch des Richters, den Niemand täuschen kann: der wird sich auf alle mögliche Weise bemühen, Enthaltsamkeit und Gerechtigkeit und die andern Tugenden zu üben, Ausschweifungen aber und Vermessenheit und jedes andere Laster zu fliehen; der wird auch im Stande sein, auf Grund dieser Lehre die Ankläger der göttlichen Vorsehung mit leichter Mühe verstummen zu machen.
Warum klagen nämlich manche Menschen gegen die göttliche Vorsehung? Weil sie sehen, daß friedfertige, mäßige, gerechte Menschen in drückender Armuth leben, mißhandelt und verleumdet werden, daß sie kaum nothdürftig zu essen und zu trinken haben, oft auch durch lange und schwere Krankheiten geplagt werden und ganz schutz- und hilflos sind; daß dagegen Menschen, die mit dem Teufel im Bunde stehen, die im Sündenschmutz verkommen und sich allen Lastern ergeben haben, daß solche Menschen im Überflusse schwimmen, ein schwelgerisches Leben führen, prächtige Kleider tragen, einen Schwarm von Bedienten mit sich führen, angestaunt werden, obrigkeitliche Ämter bekleiden und beim Kaiser großes Vertrauen besitzen. Dann erheben also manche Leute deßhalb Klage gegen die Vor- 159 sehung und sagen: Wo ist denn hier eine Vorsehung, wo ein gerechtes Gericht wahrzunehmen? Der enthaltsame, gerechte Mann im Unglück, der zügellose, lasterhafte Mensch ein Kind des Glückes; dieser wird bewundert, jener verachtet; dieser schwelgt in Freuden und Vergnügungen, jener darbt in Armuth und äusserster Noth! Auf solche Anklagen wird Derjenige, der an dem künftigen Leben zweifelt, schweigen müssen und gar Nichts zu sagen wissen. Wer aber die Lehre von der Auferstehung glaubt und gründlich kennt, wird mit leichter Mühe jenen Gotteslästerungen Einhalt thun. Zu jenen Menschen, welche über solche Wahrnehmungen in Verzweiflung gerathen möchten, wird er sagen: „Lasset doch ab, gegen den Gott, der euch erschaffen hat, eure Lästerzunge zu spitzen! Denn mit dem gegenwärtigen Leben sind unsere Geschicke nicht abgeschlossen; wir eilen einem andern Leben zu, das weit länger dauert, ja sogar ohne Ende ist. Dort wird unfehlbar dieser Arme, der gerecht lebt, den Lohn für seine Leiden und Beschwerden erhalten, der Zuchtlose aber, der Verbündete des Teufels, für seine Lasterhaftigkeit und seine sündhaften Genüsse seine Strafe bekommen. — Laßt uns deßhalb bei unserem Urtheile über die göttliche Vorsehung nicht allein das gegenwärtige, sondern auch das zukünftige Leben in Betracht ziehen! Das gegenwärtige Leben ist die Stätte des Kampfes und der Kampf selbst; im zukünftigen Leben erwarten uns die Belohnungen, die Krone und die Kampfpreise. Muß nicht der Kämpfer auf dem Kampfplatz mit Schweiß und Staub und großer Hitze, mit Beschwerden und Schmerzen kämpfen? So muß auch der Gerechte hier auf Erden Vieles erdulden und muß Alles unverzagt ertragen, wenn er die strahlende Krone dort oben erlangen will. Und daß es den lasterhaften Menschen so wohl ergeht, Das bringt Manche in Verwirrung. Sie sollten doch bedenken, daß auch Diebe, Grabschänder, Mörder, Seeräuber, ehe sie in die Hände der Gerechtigkeit fallen, herrlich und in Freuden leben, indem sie sich durch fremdes Unglück bereichern, ungerechtes Gut in Masse an sich ziehen 160 und sich berauschen jeden Tag. Sind sie aber einmal dem Urtheil des Richters unterstellt, dann müssen sie für Dieß alles ihre Strafe leiden. Die jetzt unzüchtige Dirnen kaufen, sybaritische Gastmähler veranstalten, hochmüthige Blicke um sich werfen, auf dem Forum einher stolziren und die Armen unterdrücken, Diese werden einst, wenn der eingeborne Sohn Gottes mit seinen Engeln herabkommen wird, wenn er auf seinem Richterstuhl sitzen und die ganze Menschheit um sich versammeln wird, dann werden Diese nackt und bloß, ihres äussern Glanzes vollständig beraubt, herangeschleppt werden; kein Helfer oder Anwalt wird für sie eintreten, und ohne Erbarmen werden sie verstoßen und in den Feuerstrom hinabgestürzt. Darum hüte dich wohl, sie wegen ihrer Erdenfreuden glücklich zu preisen; beweine sie vielmehr wegen der Strafen, die ihnen bevorstehen, und hüte dich ebenso, die Gerechten wegen ihrer irdischen Bedrängnisse zu bedauern; nein, preise sie glücklich wegen der herrlichen Güter, die ihrer dort oben warten. Präge deiner Seele die Lehre von der Auferstehung recht tief ein, damit du, wenn du tugendhaft bist und Anfechtungen zu erleiden hast, die Probe bestehest und noch stärker werdest, indem du aus den Hoffnungen auf die Zukunft immer größern Muth schöpfest, und damit du, wenn du in Sünden bist, dem Laster entsagest, indem du dich aus Furcht vor den künftigen Strafen zu größerer Selbstbeherrschung anschickest.
§ 2
Das ist es auch, warum uns Paulus die Lehre von der Auferstehung fortwährend vorhält. Noch heute habet ihr gehört, wie er uns zuruft: „Denn wir wissen, daß wir, wenn dieses unser irdisches Zelthaus abgebrochen wird, ein Haus aus Gott haben, ein ewiges, in den Himmeln.“ Doch ich will etwas weiter ausholen, damit wir sehen, wie Paulus auf die Lehre von der Auferstehung zu reden kommt. 161 Denn es ist kein Zufall, es hat vielmehr seinen guten Grund, daß er diese Lehre fort und fort behandelt. Er wollte damit eine Unterweisung geben über Das, was uns bevorsteht, und wollte zugleich Diejenigen stärken, welche um ihres frommen Lebens willen Kämpfe zu bestehen hatten. Jetzt erfreuen wir uns nämlich durch die Gnade Gottes eines tiefen Friedens. Jetzt leben auch Könige fromm und gottesfürchtig, Herrscher haben die christliche Wahrheit erkannt und anerkannt, ganze Nationen, Städte und Völkerschaften haben dem Irrthum entsagt und beten Christum an. Damals aber, wo die Predigt des Evangeliums erst begann, wo der Same der Frömmigkeit erst seit Kurzem überhaupt ausgestreut ward, da gab es viele und verschiedene Kämpfe von mancherlei Art. Gegen die Gläubigen wurde Krieg geführt von Herrschern und Königen, auch von Hausgenossen und Verwandten, kurz von Jedermann. Selbst die Bande der Natur ließ man bei diesem Kriege nicht mehr gelten. Denn manchmal hat der Vater sein Kind, die Mutter ihre Tochter, der Herr seinen Knecht verrathen. So kämpften nicht bloß Städte und Staaten, sondern vielfach auch die Bewohner eines einzigen Hauses gegen einander. Die Bedrängnisse der damaligen Zeit waren ärger als der schlimmste Bürgerkrieg. Raub des Vermögens und Verrath der Freiheit waren etwas Gewöhnliches; selbst das Leben schwebte in Gefahr. Und nicht Barbaren waren die Angreifer und Peiniger, nein gerade Diejenigen, die man für Vorsteher und für Träger der gesetzlichen Gewalt ansehen mußte, wütheten gegen ihre Untergebenen ärger als ausgesprochene Feinde. Das erklärt der heilige Paulus selbst, indem er sagt: „Ihr habet einen großen Leidenskampf bestanden, indem ihr einerseits durch Beschimpfungen und Bedrängnisse ein Schauspiel, andererseits aber Genossen der also Wandelnden geworden seid. Denn ihr habt sowohl mit mir in meinen Fesseln das Leid getheilt, als auch den Raub eures Besitzthums mit Freude hingenommen.“ 162 Und an die Galater schrieb er: „So Vieles habt ihr erduldet vergeblich; wenn doch nur vergeblich!“ Auch den Thessalonichern und Philippern und überhaupt Allen, an die er schreibt, gibt er an vielen Stellen dasselbe Zeugniß.
Aber nicht Das allein war das Schlimme, daß ein heftiger und andauernder Krieg von äussern Feinden gegen die Kirche geführt ward, sondern daß auch unter den Gläubigen selbst Ärgernisse, Streitigkeiten, Zank und Eifersüchteleien entstanden. Auch Das sagt uns Paulus, und zwar mit den Worten: „Von aussen Kämpfe, von innen Befürchtungen.“ Und dieser Kampf war noch härter und schwieriger, sowohl für die Untergebenen als für die Lehrer und Meister. Paulus fürchtete nicht in dem Grade die Nachstellungen der Feinde als die Niederlagen innerhalb der Kirche, die Vergehungen der Gläubigen. Als bei den Korinthern ein Christ Unzucht getrieben hatte, hat Paulus ihn die ganze Zeit hindurch betrauert. Es zerriß sein Herz und preßte ihm bittere Klagen aus. — Noch eine Schwierigkeit — und sie war nicht geringer als die beiden eben genannten — verursachte den Gläubigen große Mühen. Sie lag in dem Wesen des Christenthums, das ihnen der Natur der Sache nach viel Mühe und Schweiß kosten mußte. Denn der Weg, auf dem die Apostel sie führten, war keineswegs bequem und geebnet: nein, er war rauh, war schwer einzuhalten und erforderte allenthalben Weisheit, Wachsamkeit und Vorsicht. Daher hat ihn auch Christus einen engen und schmalen Weg genannt. Jetzt durfte man nicht mehr leichtsinnig dahinleben, wie bei den Heiden, nicht in Unzucht, Trunkenheit, Unmäßigkeit, Schwelgerei und Überfluß; jetzt mußte man den Zorn bezwingen, die sinnlichen Begierden beherrschen, das Geld verachten, die irdische Ehre unter die Füße treten, Neid und Mißgunst überwinden. Was Das aber für Mühe kostet, das weiß Jeder, der gegen 163 diese Leidenschaften täglich ankämpft. Denn was ist lästiger als die bösen Begierden, die uns gleich einem wüthenden Hunde fortwährend angreifen, täglich beunruhigen und darum eine unablässige Wachsamkeit erheischen? Was ist bitterer als der Zorn? Freilich, am Beleidiger sich rächen ist süß, aber Das war eben nicht gestattet. Ja, damit sage ich noch viel zu wenig; denn die Pflicht gebot sogar Kränkungen mit Wohlthaten, Fluch mit Segen zu vergelten und den Feind nicht einmal mit einem heftigen Worte anzufahren. Man mußte ferner Enthaltsamkeit üben, nicht bloß in Werken, sondern auch selbst in Gedanken. Denn man muß sich nicht allein von unzüchtigen Handlungen, sondern sogar von Blicken solcher Art enthalten; man darf sich nicht am Anblick schöner Weiber wollüstig ergötzen, da man auch für dieses Anschauen die schwersten Strafen zu erwarten hat.
Heftig war also damals der Kampf mit äussern Feinden, groß die Furcht vor den Feinden im Innern, und nicht klein waren die Mühen und Beschwerden, welche die Übung der Tugend erforderte. Dazu kam noch ein Viertes, nämlich die Unerfahrenheit Derjenigen, welche diesen gewaltigen Kampf bestehen sollten. Die Menschen nämlich, mit denen die Apostel zu thun bekamen, hatten keineswegs die Gottesfurcht von ihren Vorfahren schon geerbt. Sie waren vielmehr in Weichlichkeit und sinnlichen Genüssen, in Trunkenheit, Wollust und Zuchtlosigkeit groß geworden. Das trug aber zur Schwierigkeit der Kämpfe nicht wenig bei, daß man in der christlichen Tugend und Weisheit nicht von Alters her, nicht von den Eltern und Ahnen erzogen war, sondern sich erst jetzt zu diesen Kämpfen rüsten mußte.
§ 3
Weil also bei diesen Kämpfen so ausserordentliche Schwierigkeiten zu überwinden waren, darum hält der Apostel den Christen unaufhörlich die Lehre von der Auferstehung vor: er will sie dadurch in ihren Beschwerden trösten und ermuthigen. Doch nicht bloß dadurch, sondern auch durch Aufzählung seiner eigenen Leiden sucht er die Kämpfer auf- 164 zurichten und zu stärken. Deßhalb zählt er sein Leiden auf, ehe er von der Auferstehung zu reden anfängt. Er sagt nämlich: „In Jeglichem sind wir bedrängt, aber nicht geängstigt, sind wir in Nöthen, aber nicht ausser Fassung, sind verfolgt, aber nicht verlassen, niedergeworfen, aber nicht verloren.“ Mit diesen Worten weis’t er auf ihr tägliches Sterben hin, daß sie nämlich gleich Lebendig-Todten einhergingen, indem sie täglich dem Tode überliefert wurden. Nachdem er also auseinandergesetzt, was gegen sie unternommen wurde, erklärt er die Lehre von der Auferstehung: „Denn wir glauben,“ sagt er, „daß Derjenige, welcher unsern Herrn Jesum Christum auferweckt hat, auch uns durch Jesum auferwecken und darstellen wird sammt euch. Deßhalb verlieren wir den Muth nicht,“ indem wir als großen Trost in den Kämpfen die Hoffnung auf das Zukünftige haben. Er sagt zu ihnen nicht: „Deßhalb verlieret den Muth nicht,“ sondern — wie sagt er? „Deßhalb verlieren wir den Muth nicht;“ so sagt er, um zu zeigen, daß auch er selbst fort und fort im Kampfe begriffen ist. Bei den olympischen Wettkämpfen ist es anders: auf der Arena ringt der Kämpfer, aber der Lehrmeister sitzt weit entfernt und steht ihm nur mit Worten bei. Er kann dem Kämpfer nur infoweit Hilfe leisten, als durch Rufen und Schreien überhaupt zu helfen ist; aber in seiner Nähe zu stehen und ihm auch durch die That hilfreiche Hand zu leisten, Das erlaubt dem Meister kein Gesetz. Nicht so geht es bei den Kämpfen der Frömmigkeit: da ist derselbe Mann Lehrmeister und Kämpfer zugleich. Daher steht er nicht ausserhalb des Kampfplatzes, daher stürzt er sich selbst in den Kampf hinein und stärkt seine Mitstreiter: „Darum“, sagt er, „verlieren wir den Muth nicht.“
Er sagt auch nicht: „Darum verliere ich den Muth nicht,“ sondern: „Darum verlieren wir den Muth nicht,“ 165 um sie durch sein Lob aufzurichten; „sondern,“ sagt er weiter, „wenn auch unser äusserer Mensch zu Grunde gerichtet wird, so wird doch der inwendige erneuert Tag für Tag.“ Beachte die Weisheit des Apostels. Er hat sie ermuthigt durch den Hinweis auf ihre Leiden: „In Jeglichem werden wir bedrängt, aber nicht geängstigt;“ dann ermuthigt auf Grund der Auferstehung Jesu: „Der Jesum auferweckt hat, wird auch uns auferwecken.“ Jetzt sucht er sie wieder auf eine andere Weise zu trösten. Weil nämlich die meisten Menschen etwas kleinmüthig, schwach und elend sind und trotz ihres festen Glaubens an die Auferstehung ob der langen Zeit, die bis dahin noch vergehen muß, den Muth sinken lassen und dann wanken und stürzen, darum zeigt ihnen der Apostel noch einen andern Lohn, eine andere Vergeltung, und zwar für die Zeit vor der Auferstehung. Was für ein Lohn ist Das? „Wenn auch der äussere Mensch zu Grunde gerichtet wird, so wird doch der inwendige erneuert Tag für Tag.“ Unter dem äussern Menschen versteht er den Leib, unter dem inwendigen die Seele. Er will ungefähr Dieses sagen: Auch vor der Auferstehung, vor dem Genusse der ewigen Herrlichkeit empfängst du für deine Mühen schon hienieden einen nicht geringen Lohn. Denn eben durch die Trübsal wird deine Seele erneuert; sie nimmt zu an Weisheit, Frömmigkeit, Ausdauer, Kraft und Standhaftigkeit. Den Ringkämpfer machen seine Übungen gesunder und kräftiger und bewahren ihn vor Krankheiten aller Art; so bringen sie ihm schon für sich allein reichen Lohn ein, auch ehe er seine Kränze und Preise empfängt. Und ebenso wird unsere Seele durch das Ringen nach Tugend erstarken in christlicher Weisheit; Das ist der große Lohn, den wir schon vor dem Eintritt in den Himmel, vor der Ankunft des Sohnes Gottes und vor der vollkommenen Vergeltung erhalten. Ist nicht auch dem Kaufmanne eine weite Reise über Meer von großem Nutzen, selbst ehe er seines Handelsgewinnes froh wird? Denn nachdem er das weite Meer durchfahren, oft mit gewaltigen Fluthen gerungen, mit vielen Ungeheuern gekämpft und 166 viele Stürme mitgemacht hat, dann hat er eben dadurch gewonnen an Muth und Unerschrockenheit, er nimmt es jetzt ohne Zagen mit dem Meere und seinen Gefahren auf und läßt sich ohne Furcht, ja mit Lust und Freuden zu solchen überseeischen Fahrten bereit finden. Ebenso wird Demjenigen, der um Christi willen viele Trübsale erduldet und viele Leiden ertragen hat, auch schon im gegenwärtigen Leben und vor der Aufnahme in das Himmelreich ein großer Lohn zu Theil: denn dadurch wird er mit Gott dem Herrn schon hienieden innig vertraut, dadurch wird seine Seele edel und hochsinnig, so daß er nunmehr alle Leiden verachten kann. Damit euch Das deutlicher wird, will ich es euch an einem Beispiele klar machen. Gerade der heilige Paulus, von dem wir reden, hatte zahllose Leiden erduldet und dafür auch schon reichen Lohn empfangen. Denn er war jetzt im Stande, der Tyrannen zu lachen, gegen wüthende Volkshaufen sich zu behaupten, alle denkbaren Strafen zu verachten. Nichts mehr konnte ihn schrecken, weder wilde Thiere, noch Schwerter, noch die Tücken des Meeres, noch steile Abhänge, noch Verfolgungen oder Nachstellungen, noch irgend eine andere Gefahr. Was könnte man mit einer solchen Verfassung der Seele vergleichen? Wer noch Nichts gelitten, wer sich im Leiden noch nicht geübt hat, der wird durch jede Kleinigkeit ausser Fassung gebracht, und nicht bloß die Widerwärtigkeiten selbst, sondern schon ihr fernes Drohen, ja was sage ich? selbst Schatten setzen einen solchen Menschen in Furcht und Angst. Wer sich aber von Allem entäussert, sich in die Kampfe hineingestürzt und vieles Furchtbare mitgemacht hat, Der ist für die Folge über alles Ungemach erhaben, und Der verachtet Drohungen gerade so wie das Gekrächze der Raben. Wenn man solchergestalt durch Nichts, was dem Menschen widerfahren kann, zu betrüben und zu erschüttern ist, wenn man mit leichter Mühe verachtet, was Andern furchtbar scheint, wenn man im Stande ist, über Alles zu lachen, was Andern Angst und Schrecken einjagt, indem man sich durch eine außerordentliche Standhaftigkeit zu einer Lebensweisheit 167 erschwungen hat, wie sie den himmlischen Mächten eigen ist: so hat man wahrlich einen Preis errungen, der sehr ansehnlich, einen Lohn, der keineswegs gering ist. Wir halten einen Menschen für beneidenswerth, wenn sein Körper in Kälte und Hitze, in Hunger und Mangel, auf weiten Reisen und bei andern Beschwerden mit leichter Mühe und ohne Schaden zu nehmen ausdauert; müssen wir nicht Denjenigen noch weit glücklicher preisen, dessen Seele mit Muth und Standhaftigkeit allen Stürmen der Leiden widersteht und unter allen Umständen ihre Freiheit und Unabhängigkeit bewahrt? Ein solcher Mann ist ein König, und zwar mehr König als ein Herrscher dieser Erde. Denn diesem können seine Lanzenträger, seine Freunde und Feinde durch Ränke und Nachstellungen viel Leid anthun; wer aber eine solche Seele besitzt, wie ich eben sagte, Dem kann gar Niemand Schaden zufügen, weder ein König noch Knecht oder Leibwächter, noch Freund oder Feind, noch selbst der Teufel. Es ist gar nicht möglich, weil er durch Übung gelernt hat, Nichts von alle Dem für schrecklich zu halten, was insgemein als schrecklich gilt.
§ 4
So ein Mann war der heilige Paulus. Darum konnte er sagen: „Wer wird uns trennen von der Liebe Christi? Trübsal oder Bedrängniß oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“ so wie geschrieben ist: „Deinetwegen werden wir ertödtet den ganzen Tag, sind erachtet gleich Schafen zum Schlachten. Aber in all’ Diesem überwinden wir um dessen willen, welcher uns geliebt hat.“ Dasselbe deutet er an unserer Stelle an, indem er sagt: „Wenn auch unser äusserer Mensch zu Grunde gerichtet wird, so wird doch der inwendige erneuert Tag für Tag.“ Der Leib wird schwächer, will er sagen, die Seele aber stärker, kräftiger und behender. 168 Es geht dem Christen wie einem Kriegsmann. Ein Krieger, den seine Rüstung sehr beschwert, mag noch so tapfer und kampfgeübt sein, er wird den Feinden nicht besonders furchtbar werden. Denn die schwere Last der Rüstung hindert ihn, seine Füße schnell und leicht zu bewegen und seine Fertigkeit im Kampfe gehörig zu verwerthen. Sobald er sich aber mit leichten und handlichen Waffen versehen hat, wird er sich so behend und geschickt, als ob er Flügel hätte, auf seine Feinde stürzen. So darf auch der Christ seinen Leib nicht durch Trunksucht beschweren, nicht durch Weichlichkeit und Wollust allzu üppig werden lassen; er muß seinen Leib vielmehr durch Fasten und Beten, sowie durch ausdauernde Sündhaftigkeit in Bedrängnissen leichter und fügsamer machen; dann wird er sich mit Kraft und Gewandtheit, so wie ein Vogel aus der Höhe herabfährt, auf die Schlachtreihen der bösen Geister stürzen und wird diese Mächte, die ihm gegenüber stehen, mit Leichtigkeit zu Boden werfen und unter seine Füße bringen.
Paulas war einst, nachdem er zuvor viele Geißelhiebe erhalten hatte, in den Kerker eingesperrt und in den Block festgeschlossen worden. Da war sein Leib durch diese Mißhandlungen sehr geschwächt, aber stark und muthvoll blieb seine Seele. So stark war er, der Gefesselte, daß seine Stimme die Grundfesten des Kerkers zum Wanken brachte, den Kerkermeister, den doch keine Ketten oder Bande fesselten, wie gefesselt zu seinen Füßen legte und die verschlossenen Thüren aufspringen machte. Also muß uns denn die Versicherung des heiligen Paulus, daß wir durch Anfechtungen an christlicher Tugend und Weisheit zunehmen, auch schon vor der Auferstehung einen nicht geringen Trost bereiten. Deßwegen sagt er: „Die Bedrängniß bewirkt Standhaftigkeit, die Standhaftigkeit aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung, die Hoffnung aber macht nicht zu Schanden.“ 169 Und wieder ein Anderer sagt: „Ein Mann, der nicht versucht ist, ist nicht erprobt, und der nicht erprobt ist, ist keines Wortes werth.“ So bringt uns denn die Trübsal auch vor der Auferstehung nicht geringen Nutzen, daß nämlich die Seele dadurch erprobt, daß sie weiser, verständiger und von aller Furchtsamkeit befreit wird. Deßhalb sagt der heilige Paulus „Wenn auch unser äusserer Mensch zu Grunde gerichtet wird, so wird doch der innere erneuert Tag für Tag.“ Sage mir: wie wird er denn erneuert? Die Feigheit wird vollständig verbannt, die sinnliche Begierde ausgelöscht, Habsucht und Ehrgeiz und überhaupt jede andere sündhafte Leidenschaft ertödtet. Leicht wird Derjenige ein Knecht dieser Leidenschaften, der in Müssiggang und Sorglosigkeit gemächlich dahinlebt; und ebenso unzweifelhaft wird Derjenige, der fortwährend um ein frommes und tugendhaftes Leben kämpft, nicht einmal Muße haben, an jene sündhaften Begierden zu denken, weil die Bemühungen um den Sieg in seinen Kämpfen ihn weit davon entfernt halten. Deßhalb sagt Paulus: „Er wird erneuert Tag für Tag.“ Dann sucht er wieder von Neuem die schwachen Seelen, die über ihre Leiden klagen und in der christlichen Weisheit noch unbewandert sind, durch die Hoffnung auf den zukünftigen Lohn aufzurichten und sagt, wie folgt: „Denn das gegenwärtig Leichte der Drangsal wirkt überschwenglich und über die Maßen ewige Last der Herrlichkeit für uns, die wir nicht schauen auf Das, was gesehen wird, sondern auf Das, was nicht gesehen wird. Denn Das, was gesehen wird, ist zeitweilig, was aber nicht gesehen wird, ewig.“ Er will etwa Dieses sagen: Zwar bringt uns die Trübsal auch hier auf Erden großen Nutzen, indem 170 sie unsere Seele weiser und christlicher macht; aber ausserdem wird sie uns im künftigen Leben Güter und Freuden ohne Zahl verschaffen, Güter und Freuden, die nicht etwa unsern Anstrengungen bloß die Wage halten, sondern an Zahl und Größe weit überlegen sind. Um uns also Beides klar zu machen, vergleicht Paulus die Gefahren in ihrer ganzen Größe mit der Überschwenglichkeit des Lohnes und stellt dem Augenblicklichen das Ewige entgegen, dem Leichten die schwere Last, der Trübsal die Herrlichkeit. Die Trübsal, sagt er, ist zeitweilig und leicht; die Ruhe aber — doch er sagt nicht Ruhe, sondern Herrlichkeit, und Das ist weit mehr — ist ewig, unaufhörlich und überaus groß. Das Wort Last [Last der Herrlichkeit, βάρος δόξης] steht hier nicht zur Bezeichnung des Lästigen und Beschwerlichen, sondern des Werthvollen und Kostbaren, wie ja auch die Leute aus dem Volke Alles so zu nennen pflegen, was von grossem, bedeutendem Werthe ist. Wenn der Apostel also von Last der Herrlichkeit redet, so meint er die Größe der Herrlichkeit. Du sollst, will er sagen, nicht bloß deiner Geißelstreiche und deiner Verbannung gedenken, sondern auch der Siegeskränze und Belohnungen und sollst wissen, daß diese weit größer und herrlicher sind als das Gegenwärtige, und daß sie ohne Maß und ohne Ende sind. Aber Jenes, sagt er, fühlen und erfahren wir jetzt, Dieses hoffen wir; Jenes ist sichtbar, Dieses unsichtbar und schwebt noch hoch über uns. Allein obgleich unsichtbar, ist es doch sichtbarer als Das, was man sieht. Warum sage ich: es ist sichtbarer? Weil du es in der That besser sehen kannst. Denn es ist bleibend, während Das, was man gewöhnlich sichtbar nennt, vorübergeht. Deßhalb fügt Paulus hinzu: „Die wir nicht schauen auf Das, was gesehen wird, sondern auf Das, was nicht gesehen wird. Denn Das, was gesehen wird, ist zeitweilig, was aber nicht gesehen wird, ewig.“
§ 5
Aber wie ist Das möglich, sagst du vielleicht, daß ich aus das Unsichtbare schaue und nicht schaue auf Das, was hier und jetzt vorhanden ist? Ich will versuchen, dich 171 durch Beispiele aus dem gewöhnlichen Leben von dieser Möglichkeit zu überzeugen. Es werden nämlich auch jene irdischen Arbeiten und Beschäftigungen, wie sie in der Welt vorkommen, kaum jemals in Angriff genommen, ohne daß man auf das [noch] Unsichtbare eher als auf das Sichtbare hinschaut. Der Kaufmann z. B. harrt in allen Stürmen, beim Aufruhr der Fluthen, bei Schiffbrüchen und tausend andern Fährlichkeiten geduldig aus; aber seines Reichthums kann er sich erst freuen, wenn alle Stürme vorüber sind, wenn er seine Waaren absetzt und daraus großen Gewinn erzielt. Die Stürme gehen vorher, dann kommt der Handel; wenn er vom Hafen ausläuft, dann sieht er das Meer und die Wogen vor Augen, die Geschäfte aber nicht; darauf ist erst seine Hoffnung gerichtet. Und doch muß er zuerst auf den Gewinn schauen, der [noch] unsichtbar und gar nicht da ist, den er nicht in den Händen, sondern erst in der Hoffnung hat; sonst wird er sich von dem Meere und den Fluthen, die ihm vor Augen liegen, ruhig fern halten. Mit dem Landmanne ist es nicht anders. Wenn er die Ochsen einspannt, den Pflug führt und tiefe Furchen zieht, wenn er den Samen ausstreut und Alles hinwirft, was er davon besitzt, wenn er Kälte, Reif und strömenden Regen und so manches Andere erträgt, was recht lästig und mühevoll ist: dann ist nur erst seine Erwartung, seine Hoffnung darauf gerichtet, nach allen Mühsalen grünende Saatfelder und gefüllte Scheuern zu sehen. Siehst du? auch hier kommt zuerst die Arbeit, dann der Lohn. Und vom Lohn ist [noch] Nichts zu sehen, die Arbeit aber liegt unmittelbar vor Augen. Den Lohn hat man erst in der Hoffnung, die Arbeit hat man unter Händen. Und doch muß auch der Landmann zuerst und zunächst auf den Lohn seiner Arbeit sehen, der [noch] unsichtbar und nicht zu entdecken und mit leiblichen Augen nicht wahrzunehmen ist: sonst wird er weder die Ochsen einspannen noch den Pflug führen noch den Samen ausstreuen, ja er wird sich zu diesen Arbeiten nicht einmal von der Stelle bewegen.
172Nun seht, welche Thorheit! Bei den Arbeiten und Geschäften dieses Lebens sieht man zunächst auf das Unsichtbare und dann auf Das, was vor Augen liegt; man unterzieht sich den Beschwerden, ehe man den Lohn empfängt; man läßt sich die Last gefallen, und dann erst erwartet man den Gewinn, und aus der Hoffnung auf das Unsichtbare schöpft man Muth, um die mühevollen Arbeiten der Gegenwart in angriff zu nehmen: ist es nun nicht Thorheit, wenn Jemand bei den Arbeiten für Gott den Herrn zagt und zweifelt, den Lohn bereits vor den Mühen fordert und sich kleinmüthiger beweis’t, als Schiffsleute und Bauern sind?
Wir stellen uns in der That tiefer als diese Leute, indem wir unzufrieden sind, daß wir auf unsern Lohn warten müssen. Aber auch und nicht minder in einer andern Beziehung. Nämlich: die Kaufleute und Landleute sind über den endlichen Erfolg ihrer Arbeiten keineswegs sicher; aber Das schreckt sie von den Beschwerden nicht zurück. Du hast aber für die Krone, die deiner wartet, einen ganz zuverlässigen Bürgen, und dennoch willst du ihre Ausdauer nicht nachahmen. Nachdem der Landmann den Samen ausgestreut, den Acker wohl bestellt und auch die grünenden Saaten schon gesehen hat, wird er nicht selten durch Hagel, Mehlthau, Heuschrecken oder irgend eine andere Plage der Früchte seiner Arbeit beraubt und muß dann trotz aller vergossenen Schweißtropfen mit leeren Händen nach Hause gehen. Und schon mancher Handelsmann, der das weite Meer durchfahren hatte und nun mit reichbeladenem Schiffe der Heimath zusteuerte, ist gerade am Eingänge des Hafens durch plötzlichen Sturm an einen Felsen gestrandet, so daß er zufrieden sein mußte, das nackte Leben noch aus der Gefahr zu retten. Überhaupt, bei allen irdischen Unternehmungen muß man sich darauf gefaßt machen, von einem solchen Unglücksfall betroffen zu werden, wenn man schon dem Ziele nahe ist. Aber mit deinen Kämpfen [um das Himmelreich] ist es nicht also. Wer recht gekämpft, wer 173 Frömmigkeit gesäet und viele Mühseligkeiten ertragen hat, der muß nothwendig — es kann gar nicht anders sein — auch an das Ziel gelangen. Denn Gott der Herr hat den Lohn für diese Mühen nicht den Launen der Witterung, nicht der Gewalt der Stürme preisgegeben. Dieser Lohn ist dort oben hinterlegt, in den himmlischen Schatzkammern, die kein Räuber plündern kann. Darum sagt der heilige Paulus: „Die Trübsal bewirkt Ausdauer, die Ausdauer aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung, die Hoffnung aber macht nicht zu Schanden.“
Sage also nicht, daß das Zukünftige unsichtbar ist. Ja, bei genauer Betrachtung wirst du sogar finden, daß es weit sichtbarer ist, als was wir in Händen haben. Auch Das deutet uns wieder der heilige Paulus an, indem er das Zukünftige ein Ewiges, das Gegenwärtige ein Zeitweiliges nennt und mit dem Worte „zeitweilig“ auf die Vergänglichkeit hinweis’t. Ehe es noch recht sichtbar geworden, ist es dahin; ehe es feststeht, ist es entwichen; schnell geht sein Wechsel von Statten, und unsicher ist sein Besitz. So ist es, wie Jeder leicht sehen kann, mit Reichthum, Ehre und Macht, mit Wohlgestalt und Körperkraft und mit den andern Gütern dieser Welt. Darum spottet der Prophet über Diejenigen, die ein schwelgerisches Leben führen, die auf Geld und äussern Prunk versessen sind; er sagt: „Sie haben diese Dinge als feststehende und nicht als fliehende angesehen.“ So wenig wie einen Schatten kannst du die Güter dieser Erde festhalten. Die Einen zergehen bei deinem Tode, die Andern fließen schon eher vorüber, schneller als zur Winterszeit der reissende Strom. Nicht so die zukünftigen Güter. Für sie gibt es keinen Wechsel und keinen Umschlag; hier droht kein Alter und keine Veränderung. 174 Sie blühen fort und fort und behalten stets dieselbe Schönheit. Will man also von unsichtbaren, trügerischen, unzuverläßigen Dingen reden, dann soll man die Dinge dieser Welt so nennen, die ihrem Besitzer nicht verbleiben, sondern ihren Herrn immer wechseln und jeden Tag von diesem auf jenen und dann wieder auf einen dritten übergehen. Nachdem Paulus uns Das alles an jener Stelle gelehrt und deßhalb das Gegenwärtige ein Zeitweiliges, das Zukünftige ein Ewiges genannt hat kommt er auf die Auferstehung zu reden und sagt: „Wir wissen, daß wir, wenn unser irdisches Haus des Zeltes aufgelöst wird, ein Haus aus Gott haben, das nicht mit Händen gemacht ist, ein ewiges in den Himmeln.“
§ 6
Beachte auch hier, wie bezeichnend der Apostel seine Worte wählt, und wie schon durch die Ausdrücke der Sinn seiner Gedanken angedeutet ist. Nicht ohne Grund nennt er den Leib ein Zelt, sondern um uns an die Vergänglichkeit dieses Lebens zu erinnern und uns eine Veränderung zum Bessern anzukündigen. Es ist fast, als ob er sagte: Warum seufzest und weinst du, mein Lieber, daß du geschlagen, verjagt und in den Kerker geworfen wirst? Warum klagst du über diese Widerwärtigkeiten, die doch deinen Leib nur an einzelnen Theilen oder in einigen Beziehungen übel zurichten? Du solltest doch bedenken, daß du die vollständige Auflösung deines Leibes dir gefallen lassen mußt — doch nein, nicht des Leibes schlechthin, sondern der Verweslichkeit am Leibe. Um nämlich zu zeigen, daß die Unbilden der gedachten Art uns durchaus nicht betrüben, sondern sogar mit Freude erfüllen müßten, stellt er jene vollständige und endgiltige Zerstörung des Leibes, seine Auflösung durch den Tod sogar als einen Gegenstand unserer Sehnsucht dar. So sagt er: „Denn auch in diesem Zelte seufzen wir, mit unserer Wohnung, die aus dem Himmel ist, überkleidet zu werden sehnlich verlangend.“ Wenn er hier den Leib Haus des Zeltes nennt, so will er mit beiden Ausdrücken dieselbe Sache bezeichnen; oder aber er versteht 175 unter „Haus des Zeltes“ die Häuser, in denen wir wohnen, die Städte und überhaupt die Äusserlichkeiten des gegenwärtigen Lebens. Er sagt nicht einfach: ich weiß, sondern: wir wissen, um auch die Überzeugung der Hörer in seine Rede hineinzuziehen. Das sind keine bestrittenen oder ungekannten Wahrheiten, will er sagen, sondern Wahrheiten, die ihr schon durch den Glauben an die Auferstehung des Herrn gläubig angenommen habet. Deßhalb nennen wir auch die Leiber der Hingeschiedenen Zelte (σκηνώματα). Und nun sieh zu, wie bezeichnend er seine Worte wählt. Er sagt nicht: das Haus des Zeltes wird zerstört, oder: vergeht, sondern: es wird aufgelös’t, um anzudeuten, daß der Leib nach seiner Auflösung glänzender und strahlender wieder auferstehen soll. So wie er ferner den Lohn mit der Arbeit verglichen hat nach seiner Beschaffenheit, Dauer und Größe, ebenso verfährt er auch hier. Den sterblichen Leib nennt er ein Zelt, den auferstandenen ein Haus, und zwar nicht einfach ein Haus, sondern ein ewiges, und nicht bloß ein ewiges, sondern ein himmlisches Haus. Dadurch zeigt er, wie sehr dieser Leib über unsern gegenwärtigen Leib erhaben ist, sowohl was die Dauer seines Bestandes als den Ort seines Aufenthaltes angeht. Denn der eine ist irdisch, der andere himmlisch; der eine besteht nur eine Zeit lang, der andere ist ewig. Überdieß haben wir jetzt wegen der Schwäche unseres Fleisches ausser dem Leibe auch noch Wohnungen nöthig; dann aber wird der Leib uns zugleich Wohnung sein und wird weder eines Hauses noch einer Umhüllung bedürfen, weil ihm seine Unverweslichkeit und Verklärung für Alles genügt. Alsdann zeigt uns der Apostel die überschwengliche Fülle der Güter, die für den Leib hinterlegt sind: „Denn auch in diesem Zelte seufzen wir“ — er sagt nicht: seufze ich, sondern er stellt diese Überzeugung als eine gemeinsame dar. „Denn auch in diesem Zelte,“ sagt er, „seufzen wir;“ so sucht er sie zu seiner erhabenen Anschauung hinaufzuziehen und zu Theilnehmern an seinem Urtheile zu machen. „Denn auch in diesem [Zelte] seufzen wir, sehnlich verlangend, mit unserer Wohnung, die 176 aus den Himmeln ist, überkleidet zu werden.“ Er sagt nicht einfach: bekleidet, sondern: über- kleidet zu werden, und fügt hinzu: „Wenn wir anders bekleidet, nicht nackt werden erfunden werden.“ Das scheint dunkel zu sein, aber es wird klarer durch das Folgende: „Denn auch wir,“ fährt er fort, „die in dem Zelte sind, seufzen belastet, weil wir nicht wollen entkleidet, sondern überkleidet werden.“ Siehst du wohl, wie er sich nicht vergißt, und wie er diesen Leib nicht ein Haus, sondern wieder ein Zelt nennt? „Weil wir nicht wollen entkleidet, sondern über- kleidet werden.“ Das sind Worte, durch welche die Lästerer der Natur des Leibes, die Ankläger unseres Fleisches vollständig geschlagen werden. Weil er nämlich gesagt hat: „Wir seufzen, und wir wollen nicht entkleidet werden,“ sucht er uns durchaus vor der Meinung zu bewahren, daß er den Leib als etwas Böses, als Ursache der Sünde, als einen Feind und Widersacher verabscheue. Merkt auf, wie er diesem Argwohn zuvorkommt: dadurch zunächst, daß er sagt: „Wir seufzen, sehnlich verlangend, über- kleidet zu werden mit unserer Wohnung, die aus den Himmeln ist.“ Denn wer über- kleidet wird, der zieht wirklich über das Eine noch ein Anderes, ein Zweites an. Dadurch ferner, daß er sagt: „Wir seufzen belastet, weil wir nicht wollen entkleidet werden, sondern sehnlich verlangend, überkleidet zu werden.“ Was er damit sagen will, ist etwa Dieses: Wir wollen uns nicht des Fleisches entledigen, sondern der Verweslichkeit, nicht des Leibes, sondern des Todes. Ein Anderes ist der Leib, ein Anderes die Verweslichkeit; ein Anderes der Leib, ein Anderes der 177 Tod. Weder fällt der Leib mit der Verweslichkeit noch die Verweslichkeit mit dem Leibe in Eins zusammen. Verweslich ist der Leib, aber nicht Verweslichkeit; sterblich ist der Leib, er ist nicht der Tod. Vielmehr ist der Leib ein Werk Gottes; Verweslichkeit und Tod dagegen sind erst durch die Sünde entstanden. Was mir fremd ist, sagt Paulus also, dessen will ich mich entkleiden, nicht dessen, was mir eigen ist. Ein Fremdes ist uns aber nicht der Leib, sondern die Verweslichkeit. Deßhalb sagt er: Weil wir nicht wollen entkleidet werden — nämlich des Leibes — sondern über- kleidet werden — mit der Unverweslichkeit über dem Leibe. Der Leib liegt nämlich gleichsam in der Mitte zwischen Verweslichkeit und Unverweslichkeit. Er wird also der Verweslichkeit entkleidet und überkleidet mit Unverweslichkeit. Er wirft ab, was er durch die Sünde bekommen, und nimmt in Besitz, was die Gnade Gottes gegeben hat. Damit ihr nun recht einsehet, daß er nicht des Leibes, sondern der Verweslichkeit und des Todes entkleidet werden will, hört nur, was gleich darauf folgt. Nachdem er gesagt hat: „Wir wollen nicht entkleidet, sondern überkleidet werden,“ sagt er nicht etwa so: damit der Leib verschlungen werde von der Leiblosigkeit; sondern — wie sagt er? „Damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben,“ d. h. damit es vergehe, zerstört werde. So redet er denn keineswegs von einer Zerstörung des Leibes, sondern des Todes und der Verweslichkeit. Denn das Leben, das alsdann beginnen soll, wird nicht den Leib zerstören oder verzehren, sondern was sich dem Leibe später angehängt hat: Verweslichkeit und Tod. Der Apostel seufzt also nicht wegen des Leibes, sondern wegen der Verweslichkeit, mit welcher der Leib behaftet ist. Denn daß der Leib uns beschwerlich, daß er uns eine drückende Last ist, Das rührt nicht von seiner Natur, sondern von der Sterblichkeit her, die ihm später eigen geworden ist. Doch ist der Leib im Grunde nicht verweslich, sondern unverweslich. Denn er ist von so edler Art, daß selbst in der Verweslichkeit seine eigentliche Würde zu Tage tritt. Haben doch die 178 Schatten der Apostel selbst mächtige Geister in die Flucht geschlagen! Ihr Staub, ihre Asche hat den Teufel besiegt, und die Kleider, welche sie an ihrem Leibe getragen hatten, haben Krankheiten vertrieben und die Gesundheit hergestellt.
§ 7
Versuche dagegen nur Niemand einen Einwand zu erheben durch den Hinweis auf Schleim und Galle, Schweiß und Unreinigkeit und die andern Dinge, von denen die Ankläger des Leibes so gern reden. Denn Das gehörte nicht zur Natur des Leibes, sondern zur Verweslichkeit, die erst später über ihn kam. Willst du aber seine Vorzüge kennen lernen, dann betrachte einmal die Gestaltung aller einzelnen Glieder, ihre Formen, ihre Kräfte, und sieh, wie schön sie zu einander passen. Dann wirst du finden, daß unter ihnen eine solche Ordnung, so genaue und richtige Verhältnisse obwalten, wie man sie in einer noch so gut verwalteten und von lauter Philosophen bewohnten Stadt nicht antreffen würde. Wenn man aber daran hartnäckig vorbeieilt und nur das Verwesliche und Sterbliche hervorkehrt, nun auch dann sind wir nicht verlegen, unsern Glauben zu vertheidigen. Daß nämlich diese Beschaffenheit des Leibes für das Menschengeschlecht durchaus nicht von Schaden, sondern vielmehr von großem Nutzen ist, geht aus folgender Erwägung hervor. Alle Heiligen haben, während sie in diesem Fleische wandelten, jenes engelgleiche Leben geführt, und aus seiner Verweslichkeit ist ihnen bei der Übung der Tugend nicht der geringste Nachtheil erwachsen. Von der andern Seite aber hatten Diejenigen, die der Gottlosigkeit nachgingen, gerade in dieser Verweslichkeit ein nicht geringes Hinderniß, das ihnen einen weitern Fortschritt in der Bosheit verwehrte. Denn haben nicht viele Menschen, obgleich mit diesem verweslichen und leidensfähigen Leibe bekleidet, sich eingebildet, Gott gleich zu sein, und viele Mühe aufgeboten, sich mit dem Glanze der Gottheit zu umgeben? Wenn sie nun nicht einen leidensfähigen und verweslichen Leib gehabt hätten, der sie ihrer Schwachheit überführte, würden sie dann nicht alle Unverständigen getäuscht haben?
179Ist demnach diese Beschaffenheit des Leibes für die Bestrebungen der Gottlosigkeit, welche der Gipfel aller Bosheit ist, offenbar ein Hinderniß, und gibt sie ferner den Heiligen Gelegenheit, die Stärke ihrer Seele zu bewähren, wahrlich, dann verdienen die Tadler und Lästerer des Leibes keinerlei Entschuldigung. Und Das ist nicht Alles, was ich darüber zu sagen hätte; ich kann auch darauf hinweisen, daß der Leib uns die Kenntniß Gottes vermittelt. Denn wenn sein [Gottes] Unsichtbares seit der Schöpfung der Welt durch das Geschaffene wahrgenommen und angeschaut wird, und wenn der Glaube vom Hören kommt, dann ist wohl klar, daß die Seele gleichsam durch die Augen und Ohren zur Kenntniß Gottes, der sie erschaffen hat, geführt wird. Darum liebt Paulus den Leib und ruft und verkündigt: Wir wollen ihn nicht ausziehen, sondern über ihn anziehen die Unsterblichkeit.
Sage mir Niemand: Wie kann denn der Leib wieder auferstehen und unverweslich werden? Denn wenn die Macht Gottes wirkt, dann soll uns das Wie keine Sorge machen. Doch warum rede ich nur von der Macht Gottes? Dir selbst, o Mensch, hat er die Macht gegeben, eine Auferstehung zuwege zu bringen. Das zeigt sich bei der Bestellung der Saaten, beim Betrieb der Künste und bei der Behandlung der Metalle. Wenn nicht das Samenkorn zuvor stirbt, verfault und zergeht, so gebiert es keine Ähre. Sieht man nun, daß das Korn verwes’t und sich auflöst, so zweifelt man deßhalb nicht an seiner Auferstehung; im Gegentheil, gerade darin sieht man für die Auferstehung eine sichere Bürgschaft. Denn wenn das Korn nicht verwes’t und verfault, so wird es niemals auferstehen. Ebenso denke auch über deinen Leib! Siehst du die Verweslichkeit, dann besonders denke an die Auferstehung. Denn der Tod ist nichts Anderes als die vollständige Zerstörung der Ver- 180 weslichkeit. So ist es: der Tod verzehrt nicht eigentlich den Leib, sondern nur die Verweslichkeit des Leibes. — Bei den Metallen trifft Dasselbe zu, wie man leicht sehen kann. Die goldhaltige Erde wird von kundigen Leuten gesammelt und in den Schmelzofen gebracht: so erzielen sie reines Gold. Sie mischen Sand und andere Substanzen und machen daraus reines Glas. Was meint ihr nun, soll die Gnade Gottes nicht vermögen, was die Kraft des Feuers zu Stande bringt? Niemand, der auch nur ein wenig Verstand hat, wird Das behaupten wollen. Bedenke doch, wie er dich im Anbeginn erschaffen hat, und dann zweifle nicht mehr an der Auferstehung! Hat er den menschlichen Leib nicht aus Erde gebildet? Was ist denn schwerer, aus Erde den ganzen Leib zu erschaffen, also Fleisch, Adern, Haut, Knochen, Muskeln, Sehnen, Arterien, die Sinneswerkzeuge und die einfachen Glieder, Augen, Ohren, Nase, Füße und Hände, und jedes einzelne mit seinen Kräften und Fähigkeiten auszurüsten, den besondern sowohl als den allgemeinen, oder aber den verweslich gewordenen Leib unsterblich zu machen? Siehst du nicht, daß bezüglich der Kräfte, Farben, Substanzen und in jeder Beziehung die Erde nur von einer Art, der Leib aber vielerlei und mannigfach ist? Wie kannst du also an dem Zukünftigen zweifeln? — Und warum rede ich nur von der Schöpfung der Leiber? Wie hat Gott denn die unzähligen geistigen Mächte, die Heerschaaren der Engel, die Erzengel und die noch höhern Ordnungen der Himmelsbewohner erschaffen? Sage es mir, wenn du kannst. Ich kann dir die Art und Weise seines Schaffens nicht beschreiben; aber ich weiß, daß sein Wollen schon genügte. Der nun so große Heere von unkörperlichen Wesen geschaffen hat, soll Der nicht einen verwes’ten Menschenleib wieder neu umschaffen und auf eine höhere Stufe des Daseins erheben können? Wer ist so unverständig, daß er daran zweifeln und also die Auferstehung leugnen möchte? Denn wenn der Leib nicht aufersteht, wird auch der Mensch nicht auferstehen. Ist doch der Mensch nicht Seele allein, sondern Seele und Leib. 181 Wenn also die Seele allein aufersteht, dann wird das Menschenwesen nur zur Hälfte und nicht in seiner Ganzheit auferstehen. Übrigens aber kann von einer Auferstehung der Seele im eigentlichen Sinne nicht einmal die Rede sein. Denn auferstehen kann nur, was darniederliegt, was aufgelös’t ist; die Auflösung trifft aber nicht die Seele, sondern den Leib. — Was bedeutet aber Dieses. „Wenn wir anders bekleidet und nicht nackt erfunden werden?“ Hier wird uns ein großes, unaussprechliches Geheimniß angedeutet. Was ist das denn für ein Geheimniß? Dasselbe, von dem er auch in dem [ersten] Briefe an die Korinther redet, wo er sagt: „Wir werden alle auferstehen, aber Jeglicher in der ihm zukommenden Ordnung.“ Das soll heissen: Auch die Heiden, Juden und Ketzer, kurz alle Menschen, die in diese Welt gekommen sind, werden an jenem Tage auferstehen. Dasselbe lehrt der Apostel in den Worten: „Alle werden wir zwar nicht entschlafen, aber alle verwandelt werden in einem Moment, in einem Augenblicke, bei der letzten Posaune.“
§ 8
Ist also die Auferstehung eine ganz allgemeine und den frommen wie den gottlosen, den bösen wie den tugendhaften Menschen gemeinsam, so darf man daraus keineswegs auf ein ungerechtes Gericht schließen wollen. Du darfst also nicht zu dir selber sagen: Was ist denn Das? Ich, der rechtschaffene Mann, der so viel gearbeitet und gelitten hat, ich werde auferstehen — und der Heide, der Gottlose, der Götzendiener, und wer Christum gar nicht gekannt hat, die werden auch gleichermaßen auferstehen und der gleichen Ehre theilhaftig werden? Damit du nicht also denkest und nicht in Verwirrung gerathest, höre, was Paulus sagt: „Wenn wir anders bekleidet und nicht nackt erfunden werden.“ Aber wie ist Das möglich, wendet man 182 ein, daß Jemand nackt erfunden wird, der doch mit Unverweslichkeit und Unsterblichkeit bekleidet ist? Wie Das möglich ist? Wenn wir der Ehre [in Gottes Augen] ermangeln und der Freundschaft mit ihm beraubt sind. Denn auch die Leiber der Sünder werden als unverwesliche und unsterbliche auferstehen, aber diese Ehre wird an ihnen ein Mittel zur Strafe und Züchtigung; denn als unverwesliche werden sie auferstehen, um ewig zu brennen. Weil nämlich jenes Feuer unauslöschlich ist, darum gehören dazu auch Leiber, die nie vom Feuer verzehrt werden. Deßhalb heißt es: „Wenn wir anders bekleidet, nicht nackt erfunden werden.“ Denn nicht darum allein handelt es sich, daß wir auferstehen und Unsterblichkeit anziehen, sondern daß wir nach der Auferstehung, und bekleidet mit Unsterblichkeit, nicht von Ehre und Freundschaft mit Gott entblößt erfunden werden, damit wir nicht dem Feuer überliefert werden. Deßhalb sagt er: „Wenn wir anders bekleidet, nicht nackt erfunden werden.“
Was jetzt folgt, soll die Lehre von der Auferstehung noch glaubwürdiger machen. Nachdem Paulus nämlich gesagt hat, daß das Sterbliche von dem Leben verschlungen werde, fügt er hinzu: „Der uns aber eben dazu erschaffen hat, ist Gott.“ Der Sinn seiner Worte ist dieser: Von Anfang an hat er den Menschen nicht dazu gebildet, daß er vernichtet werde, sondern, daß er zur Unverweslichkeit fortschreite. Deßhalb war es auch, indem er den Tod zuließ, seine Absicht, daß du durch die Strafe zur Einsicht kommen, daß du dich bessern solltest und wieder zur Unsterblichkeit gelangen könntest. Gleich von Anfang an war diese Absicht, dieser Rathschluß bei Gott dem Herrn von entscheidender Wichtigkeit; Das war schon sein Beschluß, als er den ersten Menschen erschuf. Das hat er uns gleich an der Schwelle der Geschichte schon zu verstehen gegeben. Denn hätte er uns nicht von Anbeginn an die Thür öffnen wollen, durch die wir zur Unsterblichkeit eingehen sollten, dann hätte er damals den Abel nicht erleiden lassen, was 183 er wirklich erlitten hat; denn Abel war mit allen Tugenden ausgestattet und war ihm lieb geworden. Aber Gott wollte uns zeigen, daß wir auf der Wanderung zu einem andern Leben begriffen sind, daß es noch eine andere Welt gibt, in welcher für die Gerechten die Belohnungen und die Siegeskränze hinterlegt sind. Darum ließ er den ersten Gerechten von dieser Erde scheiden, ohne ihm hienieden den Lohn für seine Mühen entrichtet zu haben. Gerade durch sein hartes Geschick ruft dieser Mann allen Menschen zu: Es gibt nach diesem Erdenleben eine Vergeltung, Belohnung und Entschädigung. Darum hat Gott auch den Henoch hinweggenommen und den Elias entrückt, um uns die Wahrheit von der Auferstehung nahe zu legen.
Es reicht nun zwar die Schöpfermacht Gottes hin, um uns über diese Wahrheit volle Sicherheit zu geben. Wenn aber Jemand schwach im Glauben ist und einen andern Beweis, ein Unterpfand für die zukünftige Auferstehung begehrt, — nun, auch Das hat uns der Herr mit großer Freigebigkeit zur Verfügung gestellt, und zwar durch reichliche Ausgießung der Gnaden des heiligen Geistes. Das ist es auch, was Paulus jetzt erwähnt. Nachdem er die Lehre von der Auferstehung begründet hat durch den Hinweis auf die Auferstehung Christi und durch den Hinweis darauf, daß Gott es ist, der sie bewirkt, fügt er auch dieses Wort noch hinzu: „Denn er hat uns auch ein Pfand gegeben, nicht in Geld, in Gold oder Silber, sondern das Pfand des Geistes.“ Das Pfand aber [eigentlich: Angeld] ist ein Theil des Ganzen und gibt Sicherheit für das Ganze. So wie man im Handelsverkehr nach Empfang des Angeldes auch fest darauf rechnet, das Ganze zu erhalten, ebenso darfst auch du, nachdem du in den Gnadengaben des heiligen Geistes das Angeld empfangen hast, jene Güter nicht mehr in Zweifel ziehen, welche uns hinterlegt sind. Der du Gestorbene auferweckest, Blinde heilest, Teufel austreibst, Aussätzige reinigst, Krankheiten vertreibst, die Fesseln des Todes lösest, und zwar in deinem hinfälligen, sterb- 184 lichen Leibe so großartige Dinge zu wirken vermagst: wie darfst du noch an der Auferstehung zweifeln? Dann wärest du in der That nicht zu entschuldigen. Denn wenn uns Gott schon jetzt, noch ehe die Zeit der Vergeltung gekommen ist, noch während unseres Kampfes mit solchen Siegeskronen belohnt: was für Herrlichkeiten wird er dir dereinst verleihen, wenn die Kampfpreise vertheilt werden! Wenn mir aber Jemand einwenden sollte: Wir sehen gar nicht, daß jetzt diese Wunder geschehen, und wir besitzen eine so große Macht nicht, — dann möchte ich zur Antwort geben, daß es Nichts verschlägt, ob Das alles jetzt geschieht oder in frühern Zeiten geschehen ist. Daß nämlich diese Wunder vor Zeiten von den Aposteln gewirkt worden sind, Das bezeugen die Kirchen auf der ganzen Welt, die Völker, Städte und Nationen, welche zu den ungebildeten Fischern hingeeilt sind. Diese ungelehrten, armen, ganz mittellosen und gewöhnlichen Männer hätten wahrlich die Welt nicht erobert, wenn die Wunder ihnen nicht geholfen hätten.
Übrigens fehlen auch dir die Gnaden des heiligen Geistes nicht. Auch jetzt sind von diesen Geschenken noch viele Wahrzeichen zu finden, die weit großartiger und wunderbarer sind als selbst diejenigen, die ich eben aufgezählt habe. Denn nicht auf gleicher Linie steht die Auferweckung eines Todten mit der Rettung einer in Sünden erstorbenen Seele aus diesem Verderben — und so geschieht es durch die Taufe. Es ist ein geringeres Werk, leibliche Krankheiten zu vertreiben, als die Last der Sünden abzulegen. Es ist etwas Kleineres, ein blindes Auge zu öffnen, als eine umdüsterte Seele mit Licht zu erfüllen. Wenn wir nicht auch jetzt noch das Pfand des Geistes besaßen, dann würde keine Taufe bestehen und keine Nachlassung der Sünden, keine Rechtfertigung und Heiligung; wir würden weder der Kindschaft Gottes noch der heiligen Geheimnisse theilhaftig geworden sein; denn das geheimnißvolle Fleisch und Blut kommt ohne die Gnade des heiligen Geistes nimmer zu Stande. Wir hatten auch keine Priester gehabt; denn diese 185 Weihe kann unmöglich ohne die Herabkunft des heiligen Geistes ertheilt werden. Noch viele andere Beweise für die Gnaden des heiligen Geistes ließen sich beibringen. Also besitzest denn auch du das Pfand des Geistes, du bist von dem Tode der Seele und von der geistigen Blindheit befreit und hast dem unreinen Lebenswandel entsagt. Haben wir also ein so herrliches Unterpfand erhalten, so läßt uns auch Das, was in Zukunft unser wartet, nicht in Zweifel ziehen! Laßt uns vielmehr, nachdem wir allenthalben die Lehre von der Auferstehung bewährt gefunden haben, auch ein Leben führen, das dieser Wahrheiten würdig sei, damit wir auch in den Besitz jener unverlierbaren Güter gelangen, die über alle menschlichen Vorstellungen und Begriffe erhaben sind. Möchten wir doch alle dieser Güter theilhaftig werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus. Durch ihn und mit ihm sei Ehre dem Vater und zugleich dem heiligen Geiste in alle Ewigkeit. Amen.
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