Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 3 · Kapitel 2
§ 1
Ihr alle seid am heutigen Tage voll Freude, ich allein bin traurig. Denn wenn ich auf diese Schaar von Gläubigen hinschaue, die sich groß und weit wie das Meer vor meinen Blicken ausdehnt, auf diesen unermeßlich reichen Schatz der heiligen Kirche, dann muß ich zugleich daran denken, daß diese Schaar [für lange Zeit] hinweggeeilt und verschwunden sein wird, sobald das Fest vorüber ist; und dieser Gedanke ist es, der mein Herz mit Wehmuth und Trauer erfüllt. Warum kann sich doch die Kirche, die so viele Kinder geboren hat, nur an Festtagen, und 57 warum nicht bei jeder gottesdienstlichen Versammlung dieser Kinder freuen? Welch eine heilige Freude, welch eine Wonne, welch eine Ehre für Gott den Herrn, und welch ein Gewinn für die Seelen, wenn wir bei jedem Gottesdienste die Räume der Kirche so gefüllt sähen wie heute! Aber ach, während die Seefahrer alle ihre Kräfte aufbieten, um ihre Fahrt über das weite Meer möglichst schnell zu Ende zu führen, sind wir darauf bedacht, auf hoher See allenthalben hin und her zu irren; wir segeln fortwährend auf den stürmischen Wogen weltlicher Geschäfte, treiben uns auf den öffentlichen Plätzen und in den Gerichtsstuben umher; und hier erscheinen wir kaum einmal oder zweimal im ganzen Jahre! Wißt ihr denn nicht, daß nach Gottes Plan und Absicht in den Städten die Kirchen Dasselbe sein sollen, was im Meere die Häfen? daß wir aus den Stürmen und Wirren dieses Lebens uns hierher zurückziehen sollen, um hier der größten Ruhe und Sicherheit zu genießen? Hier hat man nicht zu fürchten die brausende Fluth, nicht räuberische Angriffe oder heimtückische Nachstellungen, nicht die Gewalt des Orkans, nicht die Bosheit gefährlicher Raubthiere. Denn ein Hafen ist die Kirche, in welchem man gegen alle diese Gefahren gesichert ist, ein Hafen im geistigen Sinne, ein Hafen für die Seelen. Das könnt ihr bezeugen; denn wenn irgend Einer von euch jetzt sein Inneres untersucht, so wird er darin eine große Stille finden. Er wird jetzt nicht beunruhigt vom Zorn, nicht erhitzt von der Begierlichkeit, nicht gequält von Mißgunst, nicht aufgebläht von Hochmuth, nicht gestachelt von Sucht nach eitler Ehre. Alle diese wilden Thiere sind jetzt gezähmt; denn die Worte der heiligen Schrift, die man hier hört und in das Herz aufnimmt, sind wie ein göttlicher Zaubergesang, der diese unsinnigen Leidenschaften einschläfert. Wenn man es nun gleichwohl unterläßt, die Kirche, die gemeinsame Mutter aller Gläubigen, andauernd und regelmäßig zu besuchen und zu seinem Aufenthalte zu erwählen, trotz der Aussicht, hier solche Weisheit zu lernen und solche Seelenruhe zu verkosten, — ist Das nicht ein überaus 58 großes Unglück? Wie könntest du die Zeit denn besser verwenden? wo einer nützlichern Zusammenkunft beiwohnen? Und was hindert dich denn, hier zu verweilen? Jedenfalls wirst du sagen, deine Armuth erlaube dir nicht, an dieser herrlichen Versammlung Theil zu nehmen. Allein das ist keine rechtmäßige Entschuldigung. Sieben Tage hat die Woche, und diese sieben Tage hat Gott mit uns getheilt. Er hat aber nicht etwa für sich den größern Theil behalten und uns den kleinern gegeben, ja er hat nicht einmal zu gleichen Theilen mit uns getheilt, er hat nicht drei für sich genommen und drei abgegeben; nein er hat dir sechs zugewiesen und sich einen vorbehalten. Du aber willst dich nicht dazu verstehen, an diesem einen Tage dich ganz von weltlichen Geschäften abzukehren, und du scheust dich nicht, diesen Tag in derselben Weise zu mißhandeln, wie ein Kirchenräuber das Heiligthum, an dem er sich vergreift! Denn du raubst diesen geheiligten und der Anhörung des göttlichen Wortes geweihten Tag, um ihn zu weltlichen Sorgen zu mißbrauchen. Doch was rede ich von dem ganzen Tage? Bringe dem Herrn doch wenigstens einen geringen Bruchtheil dieses Tages zum Opfer, ähnlich dem kleinen Almosen, das die Wittwe gespendet hat! Wie jene Wittwe zwei Heller geopfert und sich dadurch Gottes Wohlgefallen in hohem Grade erworben hat, so leihe auch du Gott dem Herrn zwei Stunden, dann wirst du einen Gewinn mit nach Hause nehmen, der tausend Tage aufwiegt. Willst du Das nicht, dann sieh wohl zu, daß du nicht die Früchte jahrelanger Arbeiten verlierest, weil du dich weigerst, dich einmal einen geringen Theil des Tages hindurch vom irdischen Gewinne abzuwenden. Denn wenn man Gott den Herrn verachtet, dann weiß er uns auch die schon gesammelten Güter wieder zu entziehen. Das hat er einst den Juden angedroht, weil sie die Sorge um seinen Tempel vernachläßigten: „Ihr habt sie (die Güter) in eure Häuser zusammengetragen, ich blase sie hinaus,“ spricht der Herr. 59 Wenn du dich bloß einmal oder zweimal im Jahre bei uns einfindest, sag’ an, was können wir dich dann lehren von jenen Wahrheiten, die man doch nothwendig wissen muß? über die Seele, den Leib, die Unsterblichkeit, das Himmelreich, die Strafe, die Hölle, die Langmuth Gottes, die Verzeihung, die Buße, die Taufe, die Nachlassung der Sünden, die himmlische und die irdische Schöpfung, die Natur des Menschen, die Engel, die Bosheit der verworfenen Geister, die Ränke des Teufels, das christliche Leben, die Gebote, den rechten Glauben, die Irrthümer der Ketzereien? Das und noch manches Andere muß der Christ wissen, von alle Dem muß er Rechenschaft geben, wenn er gefragt wird. Ihr aber, die ihr bloß einmal des Jahres und zwar nur so ganz flüchtigen Sinnes euch hier versammelt, nicht aus frommer Gesinnung, sondern weil eben das Fest es so mit sich bringt, ihr könnt jene Wahrheiten auch nicht zum geringsten Theile kennen lernen. Denn wie sehr könnte man schon zufrieden sein, wenn auch nur diejenigen Christen, die ganz regelmäßig an unsern Versammlungen Theil nehmen, sich alle jene Lehren gehörig zu eigen machten!
Viele von euch, die ihr hier zugegen seid, haben Sklaven oder Söhne; wenn ihr diese einem Meister in die Lehre geben wollt, dann verwehrt ihr ihnen unbedingt den Zutritt zu eurem Hause, nachdem ihr sie vorher mit Kleidung und Unterhalt und allem Nöthigen versorgt habt; ihr laßt sie bei dem Meister wohnen und verbietet ihnen, euer Haus zu betreten. Das thut ihr, damit sie durch den fortwährenden Aufenthalt in dem Hause des Meisters seine Kunst besser und gründlicher lernen und durch keine Sorge in ihrer Erlernung gestört werden. Und was ihr hier lernen sollt, nicht irgend eine gewöhnliche und alltägliche Kunst, sondern die größte von allen Künsten, wie man nämlich Gott gefällt und in den Himmel kommt, — Das meint ihr trotz aller Flüchtigkeit und Leichtfertigkeit gehörig lernen zu können? Das ist ja ein Unverstand ohne Gleichen! Dieses Lernen ist wahrlich eine Sache, welche viel Fleiß und Aufmerk 60 samkeit erheischt. Höre nur, was der Herr sagt „lernet von mir, denn ich hin sanftmüthig und demüthig von Herzen.“ Und was der Prophet sagt: „Kommet, ihr Kinder, höret auf mich; die Furcht des Herrn will ich euch lehren.“ Und wiederum: „Verweilet und erkennet, daß ich der Herr bin.“ Es ist also viel Zeit und Mühe vonnöthen, wenn man sich diese christliche Weisheit aneignen will.
§ 2
Doch ich will nicht die ganze Zeit mit Vorwürfen gegen Diejenigen verbringen, die in der Regel abwesend sind. Was ich eben gesagt habe, um sie aus ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln, mag also genügen, und wir wollen jetzt zu einigen Erwägungen über das heutige Fest übergehen. Denn viele Christen begehen die Feste und kennen die Namen derselben, ohne über ihre Veranlassung und Entstehung unterrichtet zu sein. Daß das Fest, welches wir heute feiern, Fest der Erscheinung genannt wird, Das wissen Alle; welche Erscheinung aber und ob eine oder zwei Erscheinungen gemeint sind, Das wissen sie nicht. Jahr für Jahr feiern sie das Fest und kennen gleichwohl den Gegenstand und die Veranlassung der Feier nicht: Das ist sehr beschämend und lächerlich zugleich. Zuerst muß ich euch nun sagen, daß es nicht bloß eine, sondern zwei Erscheinungen des Herrn gibt. Die eine ist diejenige, welche schon geschehen ist; die andere ist die zukünftige, die sich am Ende der Welt in großer Herrlichkeit vollziehen wird. Von beiden Erscheinungen habt ihr heute den heiligen Paulus in seinem Briefe an Titus reden hören. Von der schon geschehenen Erscheinung sagt er: „Erschienen ist die Gnade Gottes, die heilwirkende, allen Menschen, uns unterweisend, daß wir absagend der Gottlosigkeit und den weltlichen Begierden, besonnen und gerecht und fromm leben in dieser Gegen 61 wart,“ und dann von der künftigen: Erwartend die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus.“ Und der Prophet sagt von derselben, wie folgt: „Die Sonne wird in Finsterniß verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und glänzende.“ Warum wird nun aber nicht der Tag der Geburt des Herrn, sondern der Tag seiner Taufe als seine Erscheinung gefeiert? Der heutige Tag ist nämlich derjenige, an dem er getauft worden ist und die Natur des Wassers geheiligt hat. Darum, weil heute das Wasser geheiligt worden ist, pflegt man allgemein in der Mitternachtsstunde des heutigen Festes Wasser zu schöpfen, um es zu Hause sorgfältig aufzuheben und dann ein ganzes Jahr zu verwahren; und es geschieht durch ein offenbares Wunder, daß dieses heut geschöpfte Wasser nicht verdirbt, sondern ein ganzes Jahr, ja oft zwei und drei Jahre lang frisch und unversehrt bleibt, so daß es nach Ablauf dieser langen Zeit mit dem soeben an der Quelle geschöpften Wasser vollständig den Vergleich aushält. Warum also wird dieser Tag Fest der Erscheinung genannt? Weil der Herr nicht bei seiner Geburt, sondern erst bei seiner Taufe allgemein bekannt wurde; denn bis zu diesem Tage war er der großen Masse des Volkes unbekannt. Daß ihn nämlich die Menge nicht kannte und nicht wußte, wer er war, Das sagte Johannes der Täufer. Höre seine Worte: „In eurer Mitte steht er, den ihr nicht kennt.“ Was Wunder übrigens, wenn die Andern ihn nicht kannten, da auch der Täufer selbst ihn bis zu diesem Tage nicht kannte? Denn so sagte er: „Und ich kannte ihn nicht, aber Der, welcher mich geschickt hat zu taufen in Wasser, Er sprach zu mir: Auf welchen du den Geist niedersteigen siehest und weilen auf ihm, Dieser ist es, welcher tauft im heiligen Geiste.“
62Aus dem bisher Vorgetragenen ist nun ersichtlich, daß es eine zweifache Erscheinung des Herrn gibt. Es ist aber noch aus einander zu setzen, weßhalb Christus zur Taufe gekommen und was das für eine Taufe ist, zu der er gekommen ist; denn auch Das muß man wissen. Beides muß ich euch erklären, und zwar zuerst, was für eine Taufe er empfangen hat; denn daraus werden wir die Ursache seiner Taufe ersehen.
Eine Taufe gab es bei den Juden: diese reinigte von leiblichen [levitischen] Befleckungen, nicht von dem Sündenschmutz der Seele. Denn wenn Jemand einen Ehebruch begangen oder einen Diebstahl verübt oder eine andere Sünde solcher Art gethan hatte, konnte ihn diese Taufe nicht von der Schuld entlasten. Wenn man aber Todtengebeine berührt, wenn man verbotene Speisen genossen hatte, wenn man von einem verwesenden Leichnam herkam, wenn man mit Aussätzigen zusammen gewesen war, dann mußte man sich waschen, war darauf bis zum Abend unrein, und dann war man rein. Denn so heißt es: „Er soll seinen Leib in reinem Wasser waschen und unrein sein bis zum Abend, und dann wird er gereinigt sein.“ Das war nämlich nicht eigentlich Sünde und Unreinigkeit; aber Gott bildete die Juden, die noch sehr unvollkommen waren, durch dergleichen Vorschriften und Übungen zu größerer Frömmigkeit heran und bereitete sie schon früh zur Beobachtung wichtigerer Gebote vor.
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§ 3
Die Reinigungen bei den Juden befreiten also nicht von Sünden, sondern nur von leiblicher Beflecktheit. Unsere Taufe dagegen ist nicht von dieser Art, sondern ist weit erhabener und enthält einen großen Reichthum an Gnaden. Denn sie befreit von Sünden, wäscht die Seele rein und stattet sie aus mit den Gaben des heiligen Geistes. Die Taufe des Johannes war einerseits viel höhern Ranges als die Waschungen bei den Juden, aber andererseits geringer als unsere Taufe. Sie war zwischen beiden Arten von Reinigungen gleichsam eine Brücke, die von der einen zur andern hinüberführte. Denn Johannes hielt seine Zuhörer keineswegs zur Beobachtung jener körperlichen Reinigungen an; davon sah er vielmehr ganz ab. Dagegen ermahnte er sie eindringlich, sich von der Sünde abzuwenden und zur Tugend zu bekehren, auf gute Werke und nicht auf die verschiedenen Waschungen und Reinigungen die Hoffnung des Heiles zu gründen. Denn er sagte nicht: Wasche deine Kleider, wasche deinen Leib, und du wirst rein sein; wie sagte er vielmehr? „Bringet würdige Früchte der Buße!“ Demgemäß war also die Taufe des Johannes höhern Ranges als die Waschungen bei den Juden. Unserer Taufe aber steht sie nach. Denn die Taufe des Johannes konnte weder den heiligen Geist verleihen noch Verzeihung durch die Gnade gewähren. Er mahnte zur Buße, aber er hatte nicht die Gewalt, Sünden nachzulassen. Deßhalb sagte er auch: „Ich taufe euch in Wasser, Jener aber wird euch im heiligen Geiste und im Feuer taufen.“ Daraus geht hervor, daß er selbst nicht mit dem heiligen Geiste taufte. Was bedeuten aber die Worte: im heiligen Geiste und im Feuer? Erinnere dich hier an jenen Tag, wo den Aposteln zertheilte Zungen wie Feuer erschienen und es auf einem jeden von ihnen sich niederließ. Daß die Taufe des Johannes unvollkommen war, indem sie weder die Gaben des heiligen Geistes noch 64 Verzeihung der Sünden mittheilte, geht auch aus Folgendem hervor. Paulus traf einst einige Jünger an und fragte sie: Habt ihr, nachdem ihr gläubig geworden, den heiligen Geist empfangen? Sie aber sprachen: Wir haben nicht einmal gehört, ob ein heiliger Geist sei. Er aber sagte zu ihnen: Auf was seid ihr denn getauft worden? Und sie erwiderten: Auf die Taufe des Johannes. Paulus aber sprach: Johannes ertheilte eine Taufe zur Buße (zur Buße! nicht zur Verzeihung! und weßwegen taufte er?), indem er dem Volke sagte, an Denjenigen, der nach ihm komme, sollten sie glauben, das ist an den Herrn Jesus. Und als sie Das gehört hatten, wurden sie auf den Namen des Herrn Jesus getauft. Und nachdem Paulus ihnen die Hände aufgelegt hatte, kam der heilige Geist auf sie herab. Siehst du, wie unvollkommen die Taufe des Johannes war? Denn wäre sie es nicht, dann hätte Paulus diese Jünger nicht wieder getauft, hätte ihnen nicht die Hände aufgelegt. Da er nun aber Beides gethan hat, so hat er damit gezeigt, daß die apostolische Taufe eine höhere Würde besitzt, und daß die Taufe des Johannes tief unter ihr steht.
Daraus haben wir nun gelernt, wie die einzelnen Arten der Taufe sich unterscheiden. Jetzt muß ich noch erklären, warum Christus sich taufen läßt, und welche Taufe er empfängt. Das war weder eine Taufe nach Art der jüdischen Reinigungen, die schon vordem in Gebrauch waren, noch unsere Taufe, die erst später angeordnet wurde. Denn erstens hatte er keine Sündenvergebung nothwendig, (wie wäre es auch möglich, daß er der Verzeihung bedürfte, da er ja keine Sünde hatte? „Eine Sünden heißt es, „hat er nicht gethan, und kein Trug ist in seinem Munde gefunden worden.“ Und wiederum: „Wer von euch kann mich einer Sünde beschuldigen?“) und zweitens war dieser Leib keineswegs des heiligen Geistes baar; denn wie 65 wäre Das möglich, da er gleich von vornherein aus dem heiligen Geiste gebildet ward? Wenn also dieser Leib weder des heiligen Geistes entbehrte noch der Sünde unterworfen war, weßhalb ließ er sich denn taufen? Doch vorher müssen wir noch erfahren, welche Taufe er empfangen hat; dann wird uns der Grund seiner Taufe besser einleuchten. Welche Taufe hat er also empfangen? Nicht eine jüdische, nicht die unsrige, sondern die Taufe des Johannes. Und warum hat er diese empfangen? Damit du eben aus dem Wesen und Charakter dieser Taufe ersehest, daß weder Sündenschuld noch Mangel an Gnaden des heiligen Geistes der Grund seiner Taufe war. Denn die Taufe des Johannes konnte diese nicht verleihen, konnte jene nicht tilgen, wie ich schon gezeigt habe. Daraus geht nun klar hervor, daß der Herr nicht etwa deßhalb zum Jordan kam, um Nachlassung von Sünden zu erhalten, und auch nicht, um mit dem heiligen Geiste ausgestattet zu werden. Und damit Niemand von den Anwesenden vermeinen sollte, er komme als Büßer, wie die Andern, kam Johannes diesem Irrthum schon durch seine Anrede zuvor. Während er zu den Andern sagte: „Bringet würdige Frucht der Buße!“ höre, wie er zu diesem spricht: „Ich habe nöthig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?“ Das sagte er, um zu zeigen, daß Jesus nicht auf Grund derselben Nothwendigkeit wie die Masse des Volkes zu ihm gekommen war, daß er nicht im Entferntesten zu demselben Zwecke die Taufe empfange, und daß er vielmehr weit größer und unvergleichlich reiner sei als der Täufer selbst. Weßhalb ließ sich denn nun der Herr taufen, wenn seine Taufe weder eine Bußtaufe war noch die Verzeihung von Sünden noch die Gnadenwirkungen des heiligen Geistes zum Zwecke hatte? Aus zwei andern Ursachen. Die eine erwähnte der Jünger, die andere bezeichnete er selbst in den Worten, die er an Johannes richtete. Was gibt also Johannes als 66 Grund für diese Taufe an? Es sollte dadurch den Leuten bekannt gemacht werden, daß Johannes, wie auch Paulus sich ausdrückte, eine Bußtaufe ertheilte, damit sie an Denjenigen der nach ihm käme, glauben möchten. Das war es, was die Taufe bewirken sollte. [Wie hätte auch die Aufforderung zum Glauben an ihn besser und zweckmäßiger geschehen können?] Sollte Johannes etwa mit dem Heilande an allen Häusern vorüberziehen und dann an jeder Thüre sagen und rufen: Dieser ist der Sohn Gottes? Das hätte Veranlassung gegeben, sein Zeugniß zu bemängeln, und wäre überdieß äusserst umständlich gewesen. Oder sollte er mit ihm in die Synagoge gehen und da auf ihn hinweisen? Auch Das hätte wiederum gegen sein Zeugniß Verdacht erregt. Hier aber waren die Umstände der Art, daß sie das Zeugniß des Johannes über jeden Verdacht erheben mußten: während das ganze Volk aus allen Städten am Jordan versammelt war und sich an den Ufern des Flusses aufhielt, kam auch Jesus, um getauft zu werden, und da erhielt er zugleich das Zeugniß aus dem Himmel, durch die Stimme des Vaters und durch die Erscheinung des heiligen Geistes in Gestalt einer Taube. Daher sagte auch Johannes: „Und ich kannte ihn nicht,“ um nämlich sein Zeugniß glaubhaft zu machen. Weil sie nämlich dem Fleische nach mit einander verwandt waren (denn von der Mutter des Johannes sagte der Engel zu Maria: „Siehe, Elisabeth, deine Verwandte, auch sie hat einen Sohn empfangen;“ wenn aber die Mütter, so waren offenbar auch die Söhne mit einander verwandt), weil sie also verwandt waren, mußte auch der Schein vermieden werden, als gebe Johannes sein Zeugniß zu Gunsten Christi wegen ihrer Verwandtschaft. Deßhalb fügte es das gnadenvolle Walten des heiligen Geistes, daß Johannes seine ganze Jugendzeit in der Wüste verbrachte, damit es nicht den Anschein hätte, als gründe sich sein Zeugniß etwa auf 67 Freundschaft oder auf irgend eine Verabredung, damit er vielmehr als ein Zeuge auftreten könnte, den Gott selbst belehrt hatte. Deßhalb sagte er: „Und ich kannte ihn nicht — wodurch hast du ihn denn kennen gelernt? — der mich gesandt hat, in Wasser zu taufen, der hat mir gesagt: — was hat er dir gesagt? — auf welchen du den Geist herabsteigen sehen wirst wie eine Taube und bleiben auf ihm, der ist es, der im heiligen Geiste tauft.“ Siehst du wohl, daß der heilige Geist — nicht als wäre er überhaupt erst jetzt auf den Herrn herabgekommen — zu dem Zwecke erschienen ist, um durch sein Schweben über ihm gleichsam mit dem Finger auf Denjenigen, der durch die Predigt des Johannes angekündigt ward, hinzuweisen und ihn dadurch für Alle kenntlich zu machen?
Das war es also, weßhalb der Herr zur Taufe kam. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, und den bezeichnete er selbst. Was für ein Grund ist das? Als Johannes sagte: „Ich habe nöthig von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?“ gab der Herr zur Antwort: „Laß es jetzt geschehen; denn also geziemt es uns, jegliche Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Siehe da, wie fromm gesinnt der Diener, wie demüthig der Herr ist! Was bedeutet Das aber, jegliche Gerechtigkeit erfüllen? Die Gerechtigkeit besteht in der Erfüllung aller Gebote. In diesem Sinne heißt es: „Beide waren gerecht, indem sie wandelten nach den Geboten des Herrn, untadelhaft.“ Weil nun alle Menschen verpflichtet waren, diese Gerechtigkeit zu erfüllen, und doch Keiner sie vollkommen erfüllte, deßhalb ist Christus gekommen und hat diese Gerechtigkeit erfüllt.
§ 4
Wie kann aber das Getauftwerden als Gerechtigkeit gelten? Die Gerechtigkeit bestand in dem Gehorsam gegen den Propheten. So wie der Herr sich beschneiden ließ, wie 68 er Opfer darbrachte, den Sabbath hielt, die jüdischen Festgebräuche beobachtete, so fügte er auch zu alle Dem hinzu, was noch fehlte: er gehorchte dem Propheten, der die Taufe ertheilte. Es war nämlich der Wille Gottes, daß sich damals Alle sollten taufen lassen. Höre nur, wie Johannes sagte: „Der mich gesandt hat, in Wasser zu taufen;“ und wie Christus sagte: „Die Zöllner und das Volk haben Gott gerechtfertigt, indem sie getauft wurden mit der Taufe des Johannes; die Pharisäer und Schriftgelehrten aber haben den Willen Gottes verachtet, indem sie sich nicht von ihm taufen ließen.“ Wenn also in dem Gehorsam gegen Gott die Gerechtigkeit besteht, und wenn ferner Gott den Johannes gesandt hatte, um das Volk zu taufen, dann hat Christus, indem er sich taufen ließ, ein Gebot erfüllt, wie er eben auch alle andern Vorschriften des Gesetzes erfüllte.
Denke dir die Vorschriften des Gesetzes als zweihundert Denare! Diese Schuld mußte unser Geschlecht bezahlen. Wir haben sie nicht bezahlt. So lange diese Schuld auf uns lastete, standen wir unter der Herrschaft des Todes. Als nun Christus kam, fand er uns in diesem Zustande der Knechtschaft; da hat er die Schuld bezahlt, unsere Verpflichtungen erfüllt und uns, die wir nicht zahlen konnten, gerettet. Deßhalb sagte er nicht: Es ziemt sich, daß ich Dieses oder Jenes thue, sondern: alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Für mich, sagt er, für den Herrn, der zahlen kann, ziemt es sich zu zahlen statt Derjenigen, welche es nicht können. Das ist die Ursache seiner Taufe; es sollte gezeigt werden, daß er das ganze Gesetz erfüllte. Dieser Grund reiht sich dem andern an, den ich eben besprochen habe. Aus diesem Umstande erklärt sich auch, weßhalb der heilige Geist in Gestalt einer Taube vom Himmel herabkommt. Wo nämlich der Mensch mit Gott versöhnt wird, da erscheint die Taube. Zur Arche Noe’s kam die Taube, welche 69 einen Ölzweig trug als Sinnbild der Güte Gottes und der Rettung nach der Sündfluth. So kommt auch hier der heilige Geist in Gestalt einer Taube (nicht in einer körperlichen Taube, Das muß man mit Bestimmtheit wissen und festhalten), um der Erde das Erbarmen Gottes zu verkünden und zugleich anzudeuten, daß der Mensch, soll der Geist Gottes in ihm herrschen, schuldlos, aufrichtig, frei von Bosheit sein muß. Sagt ja auch Christus: „Wenn ihr euch nicht bekehret und werdet wie die Kindlein, dann könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“ Jene Arche blieb auf Erden, nachdem die Stürme der Sündfluth beschwichtigt waren; diese Arche dagegen, der reine und makellose Leib des Herrn, ward in den Himmel erhoben, nachdem der Zorn Gottes beschwichtigt war, und thronet nun zur Rechten des Vaters.
Doch—da ich eben den Leib des Herrn erwähnt habe, muß ich noch ein Weniges über diesen Leib zu euch reden, ehe ich schließe. Ich weiß, daß Viele unter uns, weil sie es eben an dem Festtage so in der Gewohnheit haben, zu diesem heiligen Tische hineilen werden. Allein, anstatt sich Festtage zum Empfange der heiligen Kommunion zu bestimmen, sollte man vielmehr die Seele reinigen und als dann dieses heilige Opfer genießen. Das habe ich auch früher schon oftmals gesagt. Wer unrein und mit Schuld beladen ist, der ist auch an Festtagen nicht in der rechten Verfassung, um sich dieses heiligen Leibes, der tiefe Ehrfurcht erheischt, theilhaftig zu machen. Wer aber rein ist und durch fleissige Buße seine Sünden abgewaschen hat, der ist an Festtagen und ist jederzeit würdig, an den göttlichen Geheimnissen Theil zu nehmen, und verdient es, sich der Gnade Gottes zu erfreuen. Aber Das wird leider von Manchen ausser Acht gelassen. Wenn sie sehen, daß das Fest herankommt, dann ist es, als ob das Fest sie drängt und treibt; und mögen sie auch mit tausend Sünden belastet 70 sein, nehmen sie gleichwohl Theil an den heiligen Geheimnissen, die sie ob ihrer Sündhaftigkeit nicht einmal anschauen dürften. Diejenigen, welche ich als Solche kenne, werde ich selbst durchaus abweisen; die ich aber nicht kenne, die überlasse ich dem Urtheil Gottes, der die Herzen Aller kennt bis in ihre geheimsten Falten.
Demjenigen Fehler wenigstens, der ganz allgemein und öffentlich begangen wird, will ich heute versuchen entgegenzuwirken. Was für ein Fehler ist das? Daß man nicht mit tiefer Ehrfurcht hinzutritt, sondern vielmehr voll Zorn und Aufregung, schlagend und mit den Füßen stoßend, unter Schreien und Schimpfen, die Zunächststehenden drängend und überhaupt in großer Unordnung. Das habe ich oft gesagt, und nie werde ich ablassen es zu sagen. Habt ihr noch nie bei den olympischen Spielen gesehen, welch’ eine Ordnung herrscht, wenn der Kampfrichter in seiner Amtstracht, den Kranz auf dem Haupt, den Stab in der Hand, über das Forum daherschreitet, und wenn dann der Herold ruft, man solle Ruhe und Anstand beobachten? Ist Das nun nicht ganz unsinnig, daß eine solche Stille herrscht, wo der Teufel seine Triumphe feiert, dagegen Lärm und Durcheinander, wo uns Christus zu sich ruft? auf dem Markte Schweigen, in der Kirche Geschrei? auf dem hohen Meere Ruhe und im Hafen tobende Wogen? Warum bist du so aufgeregt, du Mensch? Warum eilest du? Rufen dich durchaus nothwendige Geschäfte? Wie? Weißt du denn überhaupt in diesem Augenblicke, daß du Geschäfte hast? Denkst du überhaupt daran, daß du auf Erden bist? Glaubst du unter Menschen zu sein? In diesem Augenblicke glauben, auf der Erde zu sein und nicht in dem Reigen der Engel, mit denen du jenes heilige Lied emporgesandt, mit denen du dem Herrn jenen Siegesgesang dargebracht, — Das verräth wahrlich ein Herz von Stein. Adler hat uns der Herr genannt, indem er sagte: „Wo der Leichnam ist, da versammeln sich die Adler.“ So hat er 71 uns genannt, damit unser Wandel im Himmel sei, damit wir uns hoch erheben auf den Schwingen des Geistes. Wir aber kriechen am Boden und fressen Staub wie die Schlangen. Soll ich euch sagen, woher der Lärm und das Schreien entsteht? Daher, daß wir nicht während des ganzen Gottesdienstes die Thüren verschlossen halten und euch nicht verwehren, daß ihr euch vor dem letzten Dankgebet entfernet und nach Hause geht, — was auch wieder ein Zeichen von großer Geringschätzung ist. Was machst du, o Mensch? Während Christus zugegen ist, die Engel ihm zur Seite stehen, während dieses heilige Gastmahl, dem man nur mit tiefer Ehrfurcht nahen darf, uns noch vorgesetzt ist, während deine Brüder noch zu den heiligen Geheimnissen hinzugeführt werden, eilest du von dannen! Gesetzt, du seist zu einem Gastmahle geladen, dann erlaubst du dir nicht, magst du immerhin schon vorher gesättigt sein, während die Übrigen noch zu Tische sitzen, vor den Freunden wegzugehen; und während hier die wahrhaft furchtbaren Geheimnisse Christi gefeiert werden, während der heilige Dienst noch fortdauert, nachdem Alles erst halb vollendet ist, scheidest du aus und gehst fort? Wie könnte ein solches Thun billiger Weise Nachsicht finden? Wie wäre es auch nur zu entschuldigen? Soll ich euch sagen, in wessen Fußtapfen Diejenigen eintreten, welche sich vor dem Schluß entfernen und nach dem heiligen Mahle die Danksagungspsalmen nicht beifügen? Vielleicht ist es hart, was ich sagen will, aber es muß gesagt werden wegen der vielfach einreissenden Lauigkeit. Es war Judas, der nach der Theilnahme am letzten Abendmahle in jener letzten Nacht, während alle Andern noch zu Tische saßen, sich früher entfernte und hinwegging; ihm also ahmen auch jene Christen nach, welche vor dem letzten Dankgebet hinwegeilen. Wäre er nicht hinausgegangen, so wäre er nicht zum Verräther geworden; hätte er nicht die Mitapostel verlassen, so wäre er nicht zu Grunde gegangen; hätte er sich nicht von der Heerde abgesondert, so würde ihn der Wolf nicht ohne Schutz und Begleitung gefunden und zerrissen haben, und 72 hätte er sich nicht vom Hirten getrennt, so würde er nicht eine Beute der Raubthiere geworden sein. Daher hielt sich Dieser zu den Juden, die andern Apostel aber gingen mit dem Herrn unter Psalmengesang hinaus. Siehst du? Was hier geschah, davon sieht man jedesmal ein neues Abbild beim Schlußgebet nach dem heiligen Opfer. Und nun, meine Theuern, laßt uns Das wohl erwägen und beherzigen und das Gericht fürchten, das einer solchen Sünde wartet. Er gibt dir sein Fleisch — und du willst ihm nicht einmal mit Worten vergelten? Du dankest nicht einmal für Das, was du empfangen hast? Wenn du Leibesnahrung zu dir nimmst, dann verrichtest du nach Tisch ein Gebet; wenn dir aber diese Seelenspeise gereicht wird, welche die ganze sichtbare und unsichtbare Schöpfung an Würde und Erhabenheit weit überragt, während du doch nur ein Mensch d. h. ein geringes und hinfälliges Geschöpf bist, dann wartest du nicht, um in Worten und Werken zu danken? Das verdient in der That eine äusserst strenge Strafe. Dieß sage ich nun aber nicht, damit ihr mir bloß Lob spendet und lauten Beifall ruft, sondern damit ihr seiner Zeit an diese Worte denket und die geziemende Ordnung beobachtet. Ein Geheimniß wird dieses heilige Mahl genannt, und ein Geheimniß ist es auch; wo aber Geheimnisse gefeiert werden, da herrscht eine große Stille. Laßt uns deßhalb in tiefem Schweigen, in gehöriger Ordnung, mit geziemender Ehrfurcht an diesem heiligen Opfer Theil nehmen, damit wir im Wohlgefallen Gottes steigen, unsere Seelen ganz entsündigen und der ewigen Güter theilhaftig werden. Möchten wir alle in den Besitz dieser Güter gelangen durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus! Ihm und zugleich dem Vater und dem heiligen Geiste gehört die Herrlichkeit, Macht und Anbetung, jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.
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