Von dem Begräbnisse dieses Gekreuzigten berichtet das hl. Evangelium, daß er von Joseph genommen, in Leinwand eingewickelt und in ein neues Grab gelegt worden sei. Der neue Mensch, der ohne alle Verderbniß aus einer Jungfrau geschaffen worden war, wurde in ein neues gelegt, in welches noch kein Todter gelegt worden war, mit die Heiligkeit des Jungfrauschooßes in Allem durch ein unverletztes Grab angemessen geschmückt werde. Am dritten Tage stand er von den Todten auf. Viele Heilige haben aber hierüber Vieles gedacht und ausgesprochen. Denn einige wollten die drei Tage und drei Nächte bis zum Sonntage selbst ausdehnen: sie verbanden nämlich die Zeit vom Vorabende des Freitags und den Freitag selbst zu einem Tage, ebenso die Nacht vor dem Samstage und den Samstag und dann die Nacht vor dem Sonntage und den Tag der Auferstehung selbst. Andere wollten vom Freitage selbst und von der Nacht an, die mitten am Tage erfolgte, drei Tage und drei Nächte bis zum Tage des Herrn ausrechnen wegen des im Evangelium aufgeführten Ausspruches des 442 Herrn: „Wie Jonas drei Tage und drei Nächte im Bauche des Fisches war, so muß der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Schooße der Erde sein.“ Ohne eine dieser beiden Ansichten zu verwerfen, wollen wir lieber den geistigen Sinn erforschen, warum nämlich der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Schooße der Erde gewesen sei. Die drei Tage drücken die drei Epochen aus, nämlich die Zeit vor dem Gesetze, die Zeit unter dem Gesetze und die Zeit unter der Gnade; die drei Nächte aber sinnbilden die drei Todesarten d. h. die drei Todten, welche der Herr während seiner Anwesenheit im Fleische auferweckt hat. Die Tochter des Synagogenvorstehers erweckte er in ihrem Hause, den Sohn der Wittwe draussen unter dem Thore und den schon vier Tage ruhenden Lazarus im Grabe. Denn woher kommt der Tod als von der Sünde, und was sind die Sünden als große Finsternisse, die eine schwere Nacht verursachen?
Diese mögen daher so zusammenstimmen, daß ein Tag vor dem Gesetze ist, als die Sünde noch verborgen war, und hiemit fällt jene Nacht zusammen, als das Mädchen im Hause lag, also die Sünde so zu sagen im Gewissen verborgen war. Der zweite Tag sei unter dem Gesetze, als dem Menschen gesagt wurde: „Du sollst nicht begehren“ und die Sünde in die Öffentlichkeit trat: hiezu paßt jene Nacht, als der Sohn der Wittwe ausserhalb des Thores wie die innerlich verborgene Sünde der Seele in die Öffentlichkeit trat. Der dritte Tag sei unter der Gnade, wenn 443 sich die Seele schon schwerer versündiget, weil sie den Willen ihres Herrn kennt und doch der Strafe Würdiges thut, die Fülle der Gnade vereitelt und zur Strafe ihrer Sünden schon stinkt: hiemit fällt zusammen jene Nacht des Todes des im Grabe liegenden Lazarus, ein Sinnbild einer mit Sünden bedeckten und schon stinkenden Seele! In diesen drei Tagen und Nächten war Christus im Schooße der Erde, d. h. es lag der Glaube an Christus in den Herzen der Erdenbewohner. Daher haben in diesen Tagen und Nächten die Seelen die Vorschriften des Gesetzes und die Weckstimmen zur Buße, um mit Christus auferstehen zu können. An dem Tage und in der Nacht der verborgenen Sünde ergeht das allgemein gültige Gesetz: „Thue Keinem, was du nicht willst, daß dir von einem Andern widerfahre.“ Die Bußstimme hiezu aber lautet: „Gedenke nicht der Vergehen meiner Jugend und meiner Unwissenheit!“ Auf den folgenden Tag der offenkundigen Sünde bezieht sich das Gesetz: „Du sollst nicht begehren;“ und seine Buß- 444 stimme heißt: „Dir allein habe ich gesündiget und Böses vor dir gethan!“ Zum dritten Tage und zur dritten Nacht der von der Gewohnheit der Sünde schon begrabenen Seele gehört das Gesetz: „Siehe, du bist gesund geworden, sündige nun nicht mehr;“ die Bußstimme hiezu lautet: „Herr, befreie meine Seele vom Tode.“ und : „Du hast meine Seele aus der Hölle zurückgeführt.“ Durch diese drei Zeiten als durch drei Tage werden die Seelen mit Christus auferstehen, denen durch den Propheten gesagt wird: „Die Todten werden auferstehen und die in den Gräbern sind, erweckt werden: frohlocken werden Alle, die auf der Erde sind.“ Ihnen sagt auch der Apostel: „Wache auf, der du schläfst, stehe auf von den Todten, und Christus wird dich erleuchten!“ Den Auferstandenen aber, d. h. den von Sünden Befreiten sagt er: „Wenn ihr auferstanden seid mit Christus, so suchet, was oben ist, wo Christus ist zur Rechten des Vaters sitzend,“ weil der Herr Jesus auferstanden von den Todten aufgenommen wurde in den Himmel und sitzt zur Rechten Gottes des Vaters.