Marcellus, um 314 Bischof von Anchra, hatte sich durch die entschiedene Vertheidigung der Wesensgleichhheit des Sohnes Gottes mit dem Vater auf dem Concil in Nicäa den Haß der Arianer und Eusebianer zugezogen, nachdem dieselben schon unter Anderen den hl. Athanasius auf der Synode von Tyrus im J. 335 für abgesetzt erklärt hatten, dachten sie Dasselbe auch dem Marcellus zu, um so mehr, als er stets gegen Arius und für Athanasius sich erklärt hatte. Sie fanden sogar für ihren Plan einen Anhaltspunkt in der von Marcellus gegen den Arianer Asterius 127 verfaßten Gegenschrift, in welcher nicht bloß ungenaue, sondern auch solche Ausdrücke vorkamen, welche eine Anklage auf sabellianische Häresie ermöglichten. Dieses Buch „von der Unterwerfung des Herrn Christus" (so betitelt mit Bezug auf I. Cor. 15, 24-28) wurde von den Eusebianern schon zu Jerusalem untersucht und auf der gleich darauf erfolgenden Synode zu Constantinopel (335) dazu benützt, ihn häretischer Lehrsätze anzuklagen: daß der Sohn Gottes einen Anfang genommen und sein Reich wieder ein Ende haben werde; es wurde seine Absetzung ausgesprochen und Eusebius von Cäsarea beauftragt, die Lehre des Marcellus zu widerlegen, was dieser auch in den 3 Büchern „gegen Marcellus" und in den 3 „von der kirchlichen Theologie" that. Gelang es den Eusebianern auch nicht, für ihre Absetzungsdecrete die orthodoxen Bischöfe zu gewinnen, welche dieselben schon deßhalb nicht anerkennen konnten, weil sie von Synoden erlassen waren, denen über jene Bischöfe keine Jurisdiction zustand, so brachten sie es doch dahin, daß Marcellus, gleich dem hl. Athanasius, vom Kaiser, welchen sie geschickter Weise zugleich durch politische Klagen gegen ihre Feinde zu erbittern wußten, in’s Exil geschickt wurde. Als nach dem Tode Constantin’s (337) Beide in ihre Diözesen zurückkehrten, wandten sich die Eusebianer mit ihren Klagen gegen Jene an den Papst Julius; an ihn aber appellirten auch Diese und giengen (340) persönlich nach Rom. Der weitere Vorgang ist aus dem obigen Schreiben des P. Julius und dessen Einleitung bekannt; es ist kein Grund zur Bestreitung der Annahme, daß dieser unser Brief eben jenes Glaubensbekenntniß sei, auf welches Julius sich in seinem Schreiben an die Eusebianer beruft; hieraus ergiebt sich auch das Abfassungsjahr des Schreibens; wir verdanken dasselbe dem hl. Epiphanius, welcher es in seinem Werke de haeresibus c. 72. n. 2. anführt. Über die Orthodoxie des Marcellus herrschten unter den Vätern schon zu dessen Lebzeiten verschiedene Urtheile; P. Julius sprach ihn frei, auf der Synode von Sardica wurde er als für unschuldig abgesetzt erklärt; als später sein Schüler Pho- 128 tinus von Sirmium offen Häresie lehrte, wurde auch er von Vielen als Häretiker angesehen, und nach Hilarius hätte ihm schon vor d. J. 349 der hl. Athanasius die Kirchengemeischaft gekündet; später aber scheint er ein neues Glaubensbekenntniß verfaßt und dem hl. Athanasius zugeschickt zu haben, weil dieser (372) die Gemeinschaft mit ihm wieder aufnahm, so daß Marcellus höchst wahrscheinlich im Frieden mit der Kirche starb (374). Wie Hefele sagt, ist es schwer über Marcellus ein entscheidendes Urtheil zu fällen, da sein einziges Werk verloren gegangen und nur abgerissene Theile desselben in den Gegenschriften des Eusebius erhalten und auch diese nicht frei von Entstellungen und Verdrehungen, manchmal wohl auch mit Worten des Eusebius verwechselt worden sind. Hefele schließt sich dem von Theodor Zahn in dessen Schrift „Marcellus von Ancyra“ (Gotha 1867) aufgestellten Urtheile an, wonach Marcelllus eine wichtige Erscheinung in der Geschichte der Theologie sowohl als in der Entwicklung des Dogmas war und an dem Hauptinhalte des Glaubens festhaltend dessen Formulirung nicht für maßgebend erachten zu müssen glaubte. Schon das sardicensische Concil warf den Eusebianern vor, daß sie das, was Marcellus nur untersuchend ausgesagt hatte, verleumderisch als Behanptung hingestellt haben.
Dem seligsten Amtsgenossen Julius (entbietet) Marcellus (seinen) Gruß im Herrn.
Nachdem Einige von denen, welche wegen Irrgläubigkeit schon früher verurtheilt waren, die (auch) ich (später) auf der Synode zu Nicäa widerlegte, gegen mich Dir, Gotteffürchtiger, zu schreiben wagten, als ob ich nicht recht nach (der Lehre) der Kirche (über den Glauben) dächte, sich bemühten, ihr Verbrechen auf mich zu übertragen, hielt ich es deßhalb für nothwendig, nach meiner Ankunft in Rom Dich zu erinnern, daß du Jene, welche gegen mich schrieben, hieher rufest und sie während der persönlichen Verhandlung darüber in beiden Puncten überführt werden, sowohl das, was sie gegen mich geschrieben, sich als lügenhaft erweise, als auch daß sie auch jetzt noch bei ihrem heren Irrthume beharren und Böses ersonnen gegen die Kirchen Gottes, wie gegen uns, deren Vorsteher. Nachdem sie aber beschlossen haben, nicht zu kommen, obgleich du Priester an sie absandtest und ich ein Jahr und drei volle Monate in Rom zugebracht habe, hielt ich es, im Begriffe hier abzureisen, für nothwendig, dir ein schriftliches Bekenntniß meines Glaubens, welches ich mit voller Aufrichtigkeit eigenhändig geschrieben habe, zu übergeben, wie ihn (den Glauben) lernte, in ihm aus den göttlichen Schriften unterrichtet worden bin, und dich an das von ihnen mit böser Absicht Gesagte zu erinnern, damit du wissest, mit welchen auf Täuschung ihrer Zuhörer berechneten Worten sie die Wahrheit zu verhüllen trachten.
Sie sagen nemlich, daß der Sohn des allmächtigen 130 Gottes, unser Herr Jesus Christus, nicht das eigentliche und wahrhafte Wort sei, sondern daß ein anderes Wort und eine andere Weisheit und Kraft dessen (des Vaters) sei; dieser von ihm Gezeugte sei (von ihm) Wort, Weisheit und Kraft (nur) genannt worden; und da sie also denken, sagen sie, daß es eine andere vom Vater verschiedene Wesen heitsei. Überdieß geben sie dadurch, daß sie schreiben, der Vater sei vor dem Sohne vorhanden, deutlich zu kennen, daß dieser nicht wahrhaft Sohn aus Gott sei; aber wenn sie auch sagen „aus Gott," so sagen sie so, wie (sie es sagen) bezüglich alles (Übrigen). Überdieß wagen sie auch zu sagen, daß es (einen Moment) gab, wo er nicht war, daß er ein Geschöpf und gemacht sei, und trennen ihn so vom Vater. Daß daher Jene, die Solches sagen, von der katholischen Kirche ferne sind, bin ich überzeugt.
Ich aber, der hl. Schrift folgend, glaube, daß ein Gott ist, und daß dessen eingeborener Sohn der Logos ist, welcher immer mit dem Vater ist und nie einen Anfang seines Seins gehabt hat, welcher wahrhaft aus Got ist, nicht erschaffen, nicht gemacht, sondern immer seiend, immer mit Gott und dem Vater zugleich herrschend, „dessen Reiches nach dem Zeugnisse des Apostels kein Ende sein wird." Dieser (ist) der Sohn, Dieser die Kraft, Dieser die Weisheit, Dieser der eigene und wahrhafte Logos Gottes unser Herr Jesus Christus, die untheilbare Kraft Gottes, 131 durch welchen alles Geschaffene geschaffen ist, wie es das Evangelium bezeugt mit den Worten: “Jm Anfange war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos. Alles ist durch ihn gemacht und ohne ihn ist Nichts gemacht worden.” Dieser ist der Logos, von welchem der Evangelist Lukas bezeugt:„Wie uns Diejenigen überlieferten, welche vom Anfange an Augenzeugen und Diener des Logos waren;" von welchem auch David sagte: „Meinem Herzen entströmte ein guter Logos." So lehrt uns auch unser Herr Jesus Christus, wenn er im Evangelium sagt: „Ich bin vom Vater ausgegangen und komme." Diessr ist es, welcher am Ende der Tage zu unserem Heile herabkam und geboren aus der Jungfrau Maria den Menschen annahm.
Ich glaube also an den allmächtigen Gott und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, geboren aus dem hl. Geiste und Maria der Jungfrau, unter Pontius Pilatus gekreuziget und begraben, am dritten Tage auferstanden von den Todten, aufgefahren in die Himmel und sitzend zur Rechten des Vaters, von wo er kommt zu richten die Lebenden und die Todten. Und an den heil. Geist, eine heil. Kirche, Nachlaß der Sünden, Auferstehung des Fleisches, ein ewiges Leben. Daß die Gottheit des Vaters und des Sohnes untheilbar sei, haben wir aus der hl. Schrift gelernt; denn wenn Jemand den Sohn, das ist den Logos des allmächtigen Gottes trennt,so muß er entweder glauben, daß es zwei Götter gibt, was doch offenbar von der göttlichen Lehre abweicht, oder er muß bekennen, daß der Logos nicht Gott ist, was ebenso deutlich von dem rechten Glauben abweicht, weil das Evangelium sagt: „Und 132 Gott war der Logos.„ Ich aber habe bestimmt gelernt, daß der Sohn die untheilbare und unzertrennliche Kraft des Vaters ist; denn der Heiland, unser Herr Jesus Christus selbst sagt:"In mir ist der Vater und ich (bin) in dem Vater,“ und: „Ich und der Vater sind Eins„ und: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“
Diesen Glauben, welchen ich aus der hl. Schrift angenommen und von meinen Vorfahren in Gott gelernt habe, verkündige ich ebenso in der Kirche Gottes, wie ich ihn jetzt dir niedergeschrieben habe. eine Abschrift davon bei mir behaltend. Ich bitte dich, die Abschrift desselben, dem Briefe an die Bischöfe beizufügen, damit nicht Einige von Denen, welche uns nicht genau kennen, getäuscht werden, indem sie dem von JenenGeschriebenen Glauben schenken. Lebet wohl!