Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 2 · Kapitel 3
Thekla das Ideal jungfräulichen Opfertodes [19]. Selbst Bestien bezeugen der Märtyrjungfrau Hochachtung [20]. Jede Jungfrau gleich Thekla eine Schülerin des Völkerlehrers [21].
§ 19
352 So weise denn die heilige Maria den Tugendweg des Lebens: Thekla lehre den Opfertod! Die eheliche Verbindung fliehend und als Opfer der Wut ihres Bräutigams verurteilt, ließ sie selbst die Raubtiere aus Achtung vor ihrer Jungfräulichkeit ihre Natur vergessen. Bereit zur Beute für die wilden Tiere, bewirkte sie, da sie schon den Anblick männlicher Personen meiden und selbst ihr Leben dem grimmigen Löwen preisgeben wollte, daß die Lüstlinge, die ihr schamloses Auge auf sie gerichtet hatten, in Scham es abwendeten.
§ 20
Da konnte man die Bestie am Boden liegen sehen, wie sie die Füße (der Jungfrau) leckte und mit stummem Laut bezeugte, daß sie den heiligen Leib der Jungfrau nicht verletzen durfte. So erwies also die Bestie ihrer Beute Verehrung. Der eigenen Natur vergessend, nahm sie die Natur an, welche die Menschen verloren hatten. Man hätte sehen können, wie gleichsam die Naturen sich verkehrten und die Menschen tierische Wildheit annahmen und die Bestie zur Blutgier antrieben, die Bestie hingegen die Füße der Jungfrau koste und so zu erkennen gab, was Menschen geschuldet hätten. So wunderbarer Zauber liegt über der Jungfräulichkeit, daß ihr selbst Löwen ihre Bewunderung bezeugen: ob auch hungrig, der Fraß verleitete sie nicht; ob gereizt, das Ungestüm riß sie nicht fort; ob aufgestachelt, die Wut entflammte sie nicht; ob daran gewöhnt, die Gepflogenheit beirrte sie nicht; ob wild, die Natur hatte sie nicht mehr in ihrer Gewalt. Sie wurden Lehrer der Frömmigkeit, indem sie der Märtyrin huldigten, ebenso Lehrer der Keuschheit, indem sie der Jungfrau nur die Füße kosten, die Augen gleichsam aus 353 Schamhaftigkeit zur Erde gesenkt, daß nichts Männliches, und wäre es auch tierischer Art, die entblößte Jungfrau anblicke.
§ 21
[Forts. v. 353 ] Da wird einer sagen: Warum führtest du das Beispiel Marias an, als ob sich jemand finden ließe, der es der Mutter des Herrn gleichtun könnte? Warum ferner das der Thekla, die der Völkerlehrer unterwiesen hat? Gib einen solchen Lehrer, wenn du eine solche Schülerin verlangst! Ich führe euch ein solches Beispiel aus jüngster Zeit an, damit ihr daraus erseht, daß der Apostel nicht nur der Lehrer einer einzigen, sondern aller Jungfrauen ist.