Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 2 · Kapitel 6
Das Bild der Jungfräulichkeit bei Ambrosius nach dem Leben der Jungfrauen selbst gezeichnet [39]. Die jungfräuliche Seele als Braut Christi in den Farben des Hohen Liedes dargestellt. Christi Brautwerbung, der Jungfrau bräutliche Vereinigung mit Christus [40—43].
§ 39
Dieses kleine Geschenk wollte ich euch, heilige Jungfrauen, machen, ein Priester mit nicht drei Jahren, zwar ohne eigene Erfahrung und Kenntnis, doch wohlunterrichtet durch euren Sittenwandel. Welche Erfahrung hätte auch in der kurzen Zeit seit meiner Aufnahme in die (christliche) Religion heranreifen können? Seht ihr dennoch hier einige Blumen, so nehmt sie, ein Sträußchen, vom verborgenen Grund eures Lebens aufgelesen! Nicht Vorschriften für Jungfrauen sind es, sondern nur Beispiele von Jungfrauen. Das Bild eures eigenen Tugendlebens zeichnete meine Rede; den Widerschein eures würdigen Wandels seht ihr aus meinen Worten wie aus einem Spiegel aufleuchten. Habt ihr meiner Geistesfrucht einige duftige Anmut eingehaucht, ist der Wohlgeruch, den die Schrift atmet, euer Verdienst. Doch soviel Menschen, soviel Meinungen. Soweit darum meine Darstellung Abgeklärtes enthält, mögen alle es lesen; soweit Reifes, reifere Leser es prüfen; soweit Ehrbares, mag es ins Herz sich prägen, die Wangen röten; soweit eine blühende Sprache, das blühende Alter es nicht mißbilligen.
§ 40
Wir mußten die Liebe der Braut entfachen; denn es steht geschrieben: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben!“ Wir mußten bei der Vermählung zum mindesten die Rede gleichsam mit künstlich 364 gekräuselten Haaren zieren; denn es steht geschrieben: „Klatsche mit der Hand und strample mit dem Fuß!“ Wir mußten das ewige Brautgemach mit Rosen bestreuen. Auch bei einer zeitlichen Hochzeitsfeier hier auf Erden huldigt man erst der Braut, statt herrisch ihr zu begegnen, daß nicht der schroffe gebieterische Ton sie abstoße, bevor noch die Liebe, durch Kosungen genährt, im Herzen Wurzeln schlage.
§ 41
Auch der Rosse Kraft „lernt die klatschende Hand lieben, die den Nacken koste“, daß sie sich nicht wider das Joch bäumt: eher fügt sie sich schließlich dem schmeichelnden Wort als dem bändigenden Schlag. Hat sie aber den Nacken einmal dem Joche gebeugt, bändigt sie der Zügel, spornt sie der Stachel, reißt das Gespann sie mit, feuert das Nebenpferd sie an. So bedurfte es auch bei unserer Jungfrau erst der spielenden zärtlichen Liebe; noch an der Schwelle der bräutlichen Verbindung stehend, sollte sie erst die goldene Pracht des himmlischen Brautlagers anstaunen, die Pfosten mit Laubgewinde bekränzt sehen und innen die Freudenklänge des rauschenden Chores vernehmen, daß sie nicht eingeschüchtert des Herrn Joch verschmähe, bevor sie noch seiner Einladung folgte und ihm sich neigte.
§ 42
„Komm denn hierher vom Libanon, komm hierher vom Libanonl Du wirst herüber-, glücklich herübergelangen“. Wieder und wieder nämlich müssen wir dieses Verses Klänge ertönen lassen, daß sie wenigstens dem Rufe der Herrnworte Folge leiste, wenn sie Menschenwort nicht glaubt. Diese Lehre ist nicht von uns ersonnen, sondern uns überkommen. So lautet die 365 Unterweisung des geheimnisvollen (Hohen) Liedes: „Er reiche mir einen Kuß von den Küssen seines Mundes! Denn Deine Brüste gehen über Wein und der Duft Deiner Salben über alle Gewürze. Ein ausgegossenes Salböl ist Dein Name“. Dieser ganze wonnige Text tönt Spiel und Scherz, entfesselt rauschende Freude, entfacht Liebe. „Darum“, so heißt es, „gewannen Dich die Mägdlein lieb und zogen Dich an sich: Hinter dem Duft Deiner Salben laßt uns einherlaufen! Der König führte mich in sein Zelt“. Mit Zärtlichkeiten machte er den Anfang, um so zum Gezelt zu gelangen.
§ 43
Sie hingegen, an so harte Arbeit und strenge Tugendübung gewöhnt, daß sie mit der Hand die verschlossenen Tore öffnet, ins Freie hinauszieht, in den Kastellen dauernd Aufenthalt nimmt, läuft doch anfänglich noch „hinter dem Duft des Salböls einher“. Doch kaum gelangt sie ins Zelt, bewirken die Kastelle eine Umwandlung des Salböls: da sie dort anlangt, sieh, da ruft sie schließlich aus: „Ist er eine Mauer, laßt uns Türme von Silber darüber aufbauen!“ Sie, die mit Zärtlichkeiten tändelte, führt bereits Türme auf. Hinter den kostbaren, hochragenden Turmzinnen der Heiligen gedeckt, vermag sie nicht bloß feindliche Überfälle abzuschlagen, sondern auch die sichere Schutzwehr der guten Werke herzustellen.