Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 2 · Kapitel 5
Größeres Lob als den Pythagoreern Damon und Pythias gebührt der antiochenischen Märtyr-Jungfrau und deren Befreier [34—35]. Die Ohnmacht der Götzen gegen frevle Entehrung durch Menschenhand und -wort [36— 37]; die Macht des strafenden und erbarmenden Gottes gegenüber dem ruchlosen, bezw. reuigen Sünder [38].
§ 34
Doch auch die Philosophenschulen erheben die Pythagoreer Damon und Pythias zum Himmel. Der eine von ihnen erbat sich, da er zum Tode verurteilt war, eine Frist zur Ordnung seiner Angelegenheiten. 361 Der Tyrann aber verlangte, daß er einen Bürgen stelle, der statt seiner, falls er mit der Rückkehr zögerte, dem Tode geweiht würde. Er rechnete nämlich in seiner Verschlagenheit darauf, daß sich keiner finden ließe. Was von beiden nun bewunderungswürdiger ist, weiß ich nicht; beides verdient Bewunderung: der eine fand den Bürgen, der andere bot sich hierzu an. Da nun der Verurteilte den Zeitpunkt für die Hinrichtung versäumte, wahrte der Bürge ruhige Miene und sträubte sich nicht gegen den Tod. Als man ihn abführte, kam der Freund zurück, bot sein Haupt dar, hielt seinen Nacken hin. Da ergriff Staunen den Tyrannen, daß den Philosophen die Freundschaft über das Leben ging. Er bat, daß er selbst von ihnen, die er verurteilt hatte, in den Freundschaftsbund aufgenommen werde: so überwältigend sei ihrer Tugend Schönheit, daß sie selbst einen Tyrannen bezwinge.
§ 35
Die Begebenheit bleibt rühmenswert, doch hinter der unserigen zurück. Denn dort waren beide Männer, hier eines der beiden eine Jungfrau, die zuvor auch noch über das Geschlecht den Sieg erringen mußte. Jene waren Freunde, diese sich unbekannt. Jene boten sich nur einem Wüterich dar, diese Wüterichen in großer Zahl, und noch dazu grausameren, insofern ersterer Schonung übte, letztere Mord verübten. Bei jenem gehorchte einer dem Zwange, bei diesen handelten beide freiwillig. Auch insofern zeigten sich letztere an Weisheit überlegen, als für jene das Ziel des Strebens holde Freundschaft, für sie die Märtyrkrone war: der ersteren Wettstreit galt Menschen, ihr Wettkampf Gott.
§ 36
Und weil wir einmal jener Begebenheit Erwähnung getan, mag billig beigefügt werden, was (jener Tyrann) von seinen Göttern hielt. Ihr mögt deren Ohnmacht um so tiefer einschätzen, wenn ihre eigenen Anhänger sie verhöhnen. Als er nämlich einmal in den Tempel des Jupiter gekommen war, gab er den Befehl, von dessen Bild den goldenen Mantel, mit dem es bekleidet war, abzunehmen und ihm einen wollenen umzuhängen, weil ein goldener, wie er bemerkte, im Winter kalt, im Sommer schwer sei. So höhnisch dachte er 362 von seinem Gott, daß er glaubte, er könne weder Last noch Kälte ertragen. Ebenso befahl er, als er einmal des goldenen Bartes des Äskulap gewahr wurde, denselben zu beseitigen, indem er sich auf das Unschickliche ausredete, wenn der Sohn einen Bart trage, der Vater (Apollo) nicht. Desgleichen nahm er den Götzen die goldenen Opferschalen weg, die sie hielten, und bemerkte dazu, er müsse doch das entgegennehmen, was die Götter ihm darreichten; denn das wünschen sich die Leute, daß sie von den Göttern Gutes empfangen. Nichts besser aber denn Gold. Ist es jedoch schlecht, dürfen es Götter nicht besitzen; ist es gut, sollen es lieber Menschen haben, die es zu nutzen verstehen.
§ 37
Solchem Hohn waren die Götter preisgegeben, daß weder Jupiter sein Gewand noch Äskulap seinen Bart zu schützen vermochte, Apollo noch nicht einmal das Zeichen der Männlichkeit tragen durfte und alle sogenannten Götter die Schalen, die sie hielten, zu behalten außerstande waren. Es war freilich weniger Furcht vor frevlem Diebstahl denn Fühllosigkeit ihrerseits. Wer aber wollte solche Wesen verehren, die sich weder als Gottheiten wehren noch wie Menschen verbergen können?
§ 38
Als hingegen im Tempel unseres Gottes der verruchte König Roboam die Weihegeschenke, die sein Vater niedergelegt hatte, wegnahm und über dem heiligen Altare den Götzen opferte, verdorrte da nicht seine Rechte, die er ausstreckte? Und waren ihm nicht die Götzen, die er anrief, zu nichts nutze? Da bat er, zum Herrn gewendet, um Vergebung, und sogleich ward seine Hand, die auf den Gottesraub hin verdorrt war, kraft der Gottesverehrung geheilt. So rasch und vollkommen offenbarte sich an dem einen Beispiel Gottes Erbarmen und Zorn, daß dem Opfernden augenblicklich die Rechte genommen, dem Reuigen Verzeihung gewährt wurde.