Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 2 · Kapitel 1
Das zweite Buch eine Unterweisung der Jungfrauen [1], an der Hand von Beispielen [2], auf deren Bitten [3], mehr im Tone der Schmeichelrede [4]. Das schriftliche Wort ein Ersatz des mündlichen für die abwesenden Jungfrauen [5].
§ 1
Im vorausgehenden Buch wollten wir — wir vermochten es nicht — die Erhabenheit des Jungfrauenberufes dartun, damit die himmlische Schönheit des Berufes schon für sich die Jungfrau, die es liest, einlade. Im zweiten Buch soll füglich eine Unterweisung der Jungfrau geboten werden, eine Schulung gleichsam an der Hand zuständiger Lehrer.
§ 2
Doch da wir uns selbst zur Mahnung schwach und zur Belehrung ungeeignet fühlen — der Lehrer soll ja vor dem Schüler sich hervortun —, hielten wir es, um uns nicht den Anschein zu geben, als hätten wir die unternommene Aufgabe sei es aufgegeben, sei es nur anmaßend fortgeführt, für angezeigt, die Anweisung lieber in Form von Beispielen als von Belehrungen zu geben. Auch der Sache ist so mehr gedient; denn nicht schwer kann dünken, was schon einmal geschehen, und nützlich ist, was erprobt ward, und ehrwürdig, was als Väterbrauch und -tugend sich vererbte und auf uns sich fortpflanzte.
§ 3
Wollte uns trotzdem jemand der Anmaßung zeihen, so zeihe er uns lieber der Gefälligkeit, indem ich gerade auch dies den Jungfrauen auf ihre Bitten nicht abschlagen zu sollen glaubte. Lieber wollte ich mich der Gefahr beschämender Kritik aussetzen, als dem Wunsche derer nicht willfahren, zu deren Streben 346 auch unser Gott gnädig seine wohlwollende Zustimmung gab.
§ 4
Doch einerseits kann von Anmaßung nicht die Rede sein, weil es den Jungfrauen, nachdem sie anderweitige Lerngelegenheit hatten, mehr um einen Erweis des Wohlwollens als um eine Belehrung von meiner Seite zu tun war; andererseits erscheint meine Bereitwilligkeit entschuldbar. Denn spricht auch für sie die Autorität eines Blutzeugen, der sie zur Beobachtung ihrer Regel bestimmt, hielt ich es doch nicht für überflüssig, meine Schmeichelrede als Lockruf für ihren Beruf ergehen zu lassen. Wer ernsten Sinnes die Laster geißelt, schlägt leichter den belehrenden Ton an, wir den Schmeichelton, nachdem sich uns keine Möglichkeit der Belehrung bietet.
§ 5
Weil nun so manche Jungfrauen in ihrer Abwesenheit den Wunsch äußerten, aus meiner Rede einen Nutzen zu ziehen, habe ich diese Schrift verfaßt. Möchten sie, im Besitze der Gabe meines Wortes, das zu ihnen gedrungen, den nicht fern glauben, den sie besitzen! Doch wir wollen das Thema fortführen.