Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 1 · Kapitel 12
Weder der Widerstand der Eltern noch der Verlust der Vatergüter soll die Jungfrau beirren, den Schleier zu nehmen [62—64]. Das heroische Beispiel einer jungfräulichen Seele [65—66].
§ 62
[Forts. v. 342 ] Gut, wenn elterlicher Eifer einer Jungfrau wie Windeswehen die Flamme keuschen Lebens entfacht: doch rühmlicher der Fall, wenn die Glut des zarten Alters von selbst ohne die schürende Hand von Älteren zum Opferfeuer der Keuschheit sich entflammt. Eltern werden die Mitgift verweigern: doch du hast einen reichen Bräutigam; mit seinem Schatz zufrieden, magst du auf die Erträgnisse des väterlichen Erbes verzichten. Wie unvergleichlich kostbarer denn alle Kostbarkeiten der Mitgift ist doch keusche Armut!
§ 63
Doch von welcher Jungfrau hättet ihr gehört, sie sei ob ihres Strebens nach Jungfräulichkeit ihres 343 rechtlichen Erbteiles verlustig gegangen? Die Eltern erheben Widerspruch: doch sie wollen besiegt werden. Sie leisten anfänglich Widerstand, weil sie nicht daran zu glauben wagen. Sie zeigen oft Unwillen, daß du siegen lernest. Sie drohen mit Enterbung, um zu prüfen, ob du furchtlos dem Verlust des Zeitlichen ins Auge schauen kannst. Sie kosen dich mit dem Zauber ausgesuchter Reize, um zu sehen, ob dich nicht die verführerische Lust der mannigfachen Genüsse umstimmen könne. Prüfung bedeutet, o Jungfrau, der Zwang. Und die ersten Kämpfe sind es, die dir der Eltern Bitten und Wünsche heraufbeschwören. Den ersten Sieg, Mädchen, trag über die Elternliebe davon! Mit dem Sieg über das Elternhaus besiegst du die Welt.
§ 64
[Forts. v. 343 ] Doch angenommen, es sollte euer der Verlust des Vatergutes harren: wiegen nicht die Regionen des künftigen Himmelreiches die Einbuße der vergänglichen und hinfälligen Güter auf? Indes niemand verläßt doch, wenn wir den himmlischen Aussprüchen glauben, Haus oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder, um des Reiches Gottes willen, der nicht siebenmal soviel schon in dieser Welt zurückerhielte; in der künftigen Welt aber wird er das ewige Leben besitzen. Vertraue Gott deinen Glauben wie ein Darlehen an! Wenn du schon einem Menschen Geld darleihest: leih es Christus auf Wucher hin! Ein treuer Behüter der anvertrauten Hinterlage, bezahlt er das Talent deines Glaubens mit Zinseszins heim. Die Wahrheit täuscht nicht, die Gerechtigkeit hintergeht nicht, die Tugend trügt nicht. Und glaubt ihr dem Worte nicht, glaubt doch Beispielen!
§ 65
In Erinnerung steht uns ein Mädchen, vor kurzem noch adeligen Standes in der Welt, jetzt noch höheren, gottgeweihten Standes. Von den Eltern und Verwandten zur Heirat gedrängt, floh es an den hochheiligen Altar. Wohin könnte denn auch eine Jungfrau besser fliehen als dorthin, wo das Opfer der Jungfräulichkeit dargebracht wird? Noch war das nicht das 344 Ende seines Heldenmutes. Kaum stand es am Altare, ein Lämmlein der Unschuld, ein Opfer der Keuschheit, da legt es des Priesters Hand auf sein Haupt, das Weihegebet sich erflehend; da ruft es, über dessen berechtigtes Zaudern ungehalten und den Scheitel zum Altare niedergebeugt, aus: „Wird mich denn der Brautschleier besser hüllen als der Altar, der selbst Schleier heiligt? Besser geziemt sich der Flammenschleier, worin das Haupt aller, Christus, die tägliche Weihegabe wird. Ihr Verwandten, was macht ihr? Was sinnt und sorgt ihr euch noch um die Wahl, die zur Vermählung zu treffen sei? Sie ist längst für mich getroffen. Ihr bietet einen Bräutigam an; einen besseren habe ich gefunden. Übertreibt, soviel ihr wollt, seinen Reichtum, rühmt seinen Adel, preist seine Macht! Ich habe einen, dem es niemand gleich tut: sein Reichtum ist die Welt, seine Macht die Herrschaft, sein Adel der Himmel. Habt ihr seinesgleichen, lehne ich die Wahl nicht ab, findet ihr keinen, ist eure Vorsorge, Eltern, um mich nicht wohl, sondern übel angebracht.“
§ 66
Alle schweigen, nur einer bemerkt etwas vorwitzig: Wie? wenn dein Vater lebte, würde er dulden, daß du unvermählt bleibst? Darauf jene, mehr von Gottesliebe, weniger von Kindesliebe beraten: „Vielleicht ist er gerade deshalb nicht mehr da, daß niemand mehr ein Hindernis in den Weg legen könne.“ Und was sie vom Vater erwiderte, von sich selbst aussprach, bestätigte er selbst durch einen raschen Tod, der ihn ereilte. So ließen auch die übrigen, die Schwierigkeiten zu machen suchten, aus Furcht, es möchte sie das gleiche Los treffen, sich allmählich zu ihren Gunsten umstimmen. Und die Jungfräulichkeit führte zu keiner Einbuße des pflichtigen Vermögensanteiles, sondern sogar zur Empfehlung des enthaltsamen Lebens. Da habt ihr, Mädchen, den Lohn frommer Hingabe: ihr Eltern, laßt euch das Beispiel zur Warnung sein, um euch nicht zu versündigen!