Sie schafft Märtyrer [10], stammt vom Himmel [11]. Ihre typische Bezeugung im Alten Testamente [12], ihre standesmäßige Übung seit Christi Menschwerdung [13].
§ 10
Es drängt uns jetzt die Liebe zur Enthaltsamkeit, und auch du, heilige Schwester, wenn auch nur mit der stummen Sprache deines stillen Tugendwandels, zu einiger Besprechung der Jungfräulichkeit, damit es 317 nicht den Anschein gewinne, als wäre ihrer nur im Vorbeigehen gedacht worden, nachdem sie doch eine Haupttugend ist. Denn nicht deshalb verdient die Jungfräulichkeit Lob, weil man ihr selbst in Märtyrern begegnet, sondern weil sie selbst Märtyrer schafft.
§ 11
Wer aber könnte mit dem bloßen Menschenverstand eine Tugend begreifen, welche die Natur nicht in den Bereich ihrer Gesetze eingeschlossen hat? Oder wer in natürliche Worte fassen, was über dem Bereich des Natürlichen liegt? Aus dem Himmel mußte sie das Vorbild herabholen, das sie auf Erden nachahmte. Und nicht ohne Grund verschaffte sie sich vom Himmel ihre Lebensweise, die im Himmel ihren Bräutigam fand. Über Wolken, Lüfte, Engel und Sterne sich aufschwingend hat sie das Wort Gottes im Schoße des Vaters selbst gefunden und mit vollen Zügen getrunken. Wer könnte auch von einem so großen Gute lassen, wenn er es gefunden? Denn „ausgegossenes Öl ist Dein Name, darum haben Jungfrauen Dich liebgewonnen und Dich an sich gezogen“. Sodann endlich ist es nicht mein Wort, daß die, „welche weder heiraten noch verheiratet werden, wie die Engel im Himmel sein werden“. Niemand wundere sich denn, wenn sie Engeln gleich erachtet werden, die dem Herrn der Engel sich vermählen! Wer wollte denn leugnen, daß dieses Leben dem Himmel entströmte? Schwerlich finden wir es auf Erden, bevor nicht Gott in diesen Erdenleib sich niederließ. Da empfing die Jungfrau im Schoße, und das Wort ward Fleisch, auf daß das Fleisch Gott würde.
§ 12
Da mag jemand einwenden: Doch auch von Elias trifft es zu, daß er keinerlei Lüsten fleischlichen 318 Umganges frönte. Daher wurde er denn auch im Wagen zum Himmel entrückt. Daher erscheint er mit dem Herrn in der Verklärung. Daher wird er als Vorläufer der Ankunft des Herrn kommen. Auch Maria nahm die Pauke und führte in jungfräulicher Züchtigkeit den Reigen an. Doch bedenket, wessen Vorbild sie damals war! Nicht das der Kirche, die, selbst jungfräulich, die gottgeweihten Scharen des Volkes zu einem unbefleckten Geistesbund vereinigte, daß sie göttliche Lieder sängen? Lesen wir doch auch von Tempeljungfrauen in Jerusalem. Doch was spricht der Apostel? „Diese Rolle fiel ihnen zum Vorbild zu“, zum Hinweis auf das Zukünftige: nur wenige teilen die typische Rolle, viele hingegen das wirkliche Leben.
§ 13
Doch seitdem der Herr in dieser Leiblichkeit erschienen ist und die Vermählung der Gottheit und Menschheit ohne die geringste Makel unreiner Vermischung vollzogen hat, wurde auf dem ganzen Erdkreis die himmlische Lebensführung im menschlichen Leibe heimisch. Das ist jenes Geschlecht, das die Engel bei ihrer Dienstleistung auf Erden für die Zukunft deutlich sinnbildeten, das dem Herrn mit der Hingabe eines unbefleckten Leibes seinen Dienst weihen sollte. Das ist jene himmlische Streitschar, welche das Heer der lobsingenden Engel auf Erden in Aussicht stellte. So haben wir denn das Alter (des jungfräulichen Lebens) seit Anbeginn bezeugt, die vollkommene, standesmäßige Übung desselben erst seit Christus. 319 14.