Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 1 · Kapitel 9
Der Gottesgarten der Jungfräulichkeit in der Beleuchtung des Hohen Liedes: sein Blühen und Duften auf der ganzen Welt [44—48]; sein dreifacher Schutz die Kirche [49], der Herr selbst [50]. seine Engel [51]. Das jungfräuliche Leben ein Engelleben, ein Auferstehungsleben auf Erden [52—54].
§ 44
So lege denn Flügel an, Jungfrau, doch Flügel des Geistes! Flieg hinaus über den Sündenbereich, wenn du zu Christus gelangen möchtest! „In der Höhe wohnt er und blickt herab auf das Niedrige“. Und seine Gestalt gleicht der Zeder des Libanon, die ihre 334 Krone in die Wolken trägt, ihre Wurzel in die Erde senkt. Denn sein Ursprung entstammt dem Himmel, was er nachmals geworden, der Erde, die Früchte, die er hervorbringt, reifen dem Himmel nahe. Sieh dich um so eifriger um die so köstliche Blume um, ob du sie nicht irgendwo in der Niederung deines Herzens finden kannst! Denn den Demütigen duftet so gern ihr Hauch.
§ 45
[Forts. v. 334 ] Mit Vorliebe sprießt sie in den Gärten, in denen Susanna sie beim Lustwandeln fand, eher zu sterben bereit, als ihre Reinheit preiszugeben. Welches aber diese Gärten sind, zeigt sie selbst mit den Worten: „Ein verschlossener Garten bist du, meine Schwester-Braut, ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle“. Nur in solchen Gärten nämlich sprudelt hellen Strahls die Flut des reinen Quells, besiegelt mit dem Bilde Gottes, daß nicht die unreinen Geister gleich Tieren darin sich wälzen und mit ihrem Schmutz sie trüben. Mit einer geistigen Mauer umfriedet sich darum jene jungfräuliche Reinheit, um nicht räuberischem Überfall ausgesetzt zu sein. Wie ein den Dieben unzugänglicher Garten strömt sie Rebenduft aus, atmet Olivenduft, strahlt der Rose Schönheit wider: in der Rebe erblüht der Frommsinn, in der Olive der Friede, in der Rose die Reinheit der gottgeweihten Jungfräulichkeit. Das ist jener Wohlgeruch, den der Patriarch Jakob ausströmte, als er zu hören verdiente: „Sieh, der Duft meines Sohnes ist wie der Duft vollen Feldes“. Mochte nämlich auch das Ackerfeld des heiligen Patriarchen voll von fast allen Fruchterzeugnissen wogen: dort brachte es vermöge größerer Tugendarbeit Erntefrüchte, hier Blumen hervor.
§ 46
Gürte dich denn, Jungfrau! Und willst du, daß auch dir ein solcher Garten dufte, schließ ihn ab kraft der Weisungen des Propheten: „Stelle eine Wache an 335 deinen Mund und eine Türe ringsum an deine Lippen!“ So magst auch du sprechen: „Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Haines, so ist mein Bruder inmitten der Söhne. Unter seinen Schatten verlangte es mich und sitze ich, und seine Frucht mundet süß in meinem Gaumen“. „Ich fand, den meine Seele liebte, ich faßte ihn und werde ihn nicht lassen“. „Es stieg mein Bruder in seinen Garten hinab, um an seiner Apfelfrucht sich zu laben“. „Komm, mein Bruder, wir wollen aufs Feld hinausgehen!“ „Lege mich wie einen Siegelring in dein Herz und wie ein Siegel auf deinen Arm!“ „Mein Bruder ist blendend weiß und rot“. Es geziemt sich nämlich, daß du, Jungfrau, ihn, den du liebst, genauer kennen lernst und das ganze Geheimnis in ihm, das seiner ungezeugten Gottheit und seiner angenommenen Menschheit erfassest. „Blendend weiß“ heißt er mit Recht als des Vaters Abglanz, „rot“ als der Jungfrau Sohn. Der Farbenglanz beider Naturen strahlt und leuchtet in ihm. Doch bedenke, daß der Gottheit herrliche Vorzüge in ihm älter sind als der Menschheit Geheimnisse! Denn er nahm nicht von der Jungfrau seinen Anfang, sondern er, der war, kam zur Jungfrau.
§ 47
Und er, der von den Kriegsknechten (von dir) getrennt, er, der vom Lanzenstich verwundet wurde, um uns mit dem Blute der heiligen Wunde zu heilen, wird fürwahr dir erwidern — er ist ja „sanftmütig und demütig von Herzen“ und „lieblich anzusehen“ —: „Erhebe dich, Nord, und komm, Süd! Durchwehe meinen Garten, und träufeln sollen meine Gewürze!“ In allen Weltteilen ward ja der Wohlgeruch des gottgeweihten Lebens heimisch und verbreitete sich der Duft, den der gottgeliebten Jungfrau Leiblichkeit ausströmt. „Herrlich bist du, meine Schwester, 336 wie das Wohlgefallen selbst, schön wie Jerusalem!“ Nicht also der unter Krankheit oder Altersschwäche schwindende Reiz des vergänglichen Leibes macht die Schönheit der Jungfrauen aus, sondern der Ruf edler Verdienste, der, allen Wechselfällen entrückt, nimmer sterben wird.
§ 48
(Forts. v. 336 ) Würdig denn, nicht mehr mit menschlichen, sondern mit den himmlischen Wesen, deren Leben du auf Erden lebst, verglichen zu werden, vernimm vom Herrn die Weisungen, die du einhalten sollst! „Lege mich wie einen Siegelring in dein Herz“, mahnt er, „und wie ein Siegel auf deinen Arm!“ Das Denken und Tun, das du an den Tag legst, soll dadurch im besonderen gekennzeichnet sein, daß in ihm das Bild Gottes, Christus, widerstrahlt, der, in vollem Umfang gleichwesentlich mit dem Vater, die ganze vom Vater überkommene Natur in sich zur Darstellung brachte. Darum auch des Apostels Paulus Versicherung, wir sind vom Geiste besiegelt. Weil wir des Vaters Bild im Sohne haben, besitzen wir des Sohnes Siegel im Geiste. Von diesem dreieinigen Gott besiegelt, sollen wir uns doppelt ängstlich hüten, daß nicht leichtfertiger Wandel oder der Trug irgendeiner entehrenden Handlung das Siegel des Unterpfandes, das wir in unseren Herzen empfangen haben, breche.
§ 49
Doch fort mit dieser Furcht bei den gottgeweihten Jungfrauen! Sie haben allererst an der Kirche eine so starke Schutzwehr. Ängstlich besorgt um das Gedeihen ihrer zarten Kinderschar, wächst sie mit ihren übervollen, sich türmenden Brüsten wie eine Mauer an, bis sie den Ansturm der dräuenden Feinde gebrochen und so der jugendlichen, unter dem Schutz der mütterlichen Kraft erstarkten Schar den Frieden erkämpft. Daher des Propheten Segenswort: „Es werde 337 Friede in Deiner Kraft und Überfluß in Deinen Türmen!“
§ 50
[Forts. v. 337 ] Sodann legte auch der Herr des Friedens selbst seinen noch stärkeren Arm um die ihm anvertrauten Weinpflanzen und sah seine Reben knospen. Und nun wehrt er mit gebieterischer Miene Wind und Sturm von der reifenden Frucht, wie er selbst bezeugt: „Mein Weinberg liegt vor meinem Angesicht: tausend dem Salomon und zweihundert denen, die seine Frucht bewahren!“
§ 51
[Forts. v. 337 ] Im Vorausgehenden versichert er: „Sechzig Starke stehen rings um sein Geschlecht, mit gezückten Schwertern bewaffnet und in der Kriegskunst wohlbewandert“. Hier ist die Rede von tausend und von zweihundert. Die Zahl wuchs mit der wachsenden Frucht. Je heiliger nämlich jemand ist, um so größer die Gemeinschaft, in der er steht. So konnte der Prophet Elisäus auf Heerscharen von Engeln hinweisen, die zu seinem Schutze zugegen wären. So erkannte Jesus Nave (Josue) den Führer der himmlischen Heerschar. Sie nun können die Frucht in uns bewachen, nachdem sie für uns auch zu kämpfen vermögen. Ihr aber, heilige Jungfrauen, die ihr in unversehrter Reinheit des Herrn heiliges Brautgemach hütet, erfreut euch ihres besonderen Schutzes. Kein Wunder auch, wenn die Engel für euch streiten, die ihr das Leben der Engel führt. Die jungfräuliche Keuschheit ist des Schutzes derer würdig, deren Lebens sie sich würdig erweist.
§ 52
Was soll ich noch weiter ausholen zum Lobe der Keuschheit? Die Keuschheit hat selbst Engel geschaffen: wer sie bewahrt hat, ist ein Engel, wer sie verloren, ein Teufel. Von ihr bekam die Religion 338 geradezu eine neue Bezeichnung: Jungfrau ist sie, die Gott sich vermählt; eine Buhlerin jene, die Götter geschaffen. Was soll ich denn von der Auferstehung reden, deren Preis ihr bereits innehabt? „Bei der Auferstehung aber werden sie weder heiraten noch Frauen heimführen, sondern sein“, so heißt es, „wie die Engel im Himmel“. Das Gut, das uns erst verheißen, habt ihr bereits; das Leben, nach dem wir uns sehnen, führt ihr bereits. Von dieser Welt seid ihr, aber ihr lebt nicht in dieser Welt: die Welt ward gewürdigt, euch aufzunehmen, euch festzuhalten vermochte sie nicht.
§ 53
[Forts. v. 338 ] Wie wunderbar! Engel sind ob ihrer Unenthaltsamkeit vom Himmel zur Welt herabgestürzt, Jungfrauen ob ihrer Keuschheit von der Welt zum Himmel aufgestiegen! Selig die Jungfrauen, welche die Lockung des Fleisches nicht beirrt, die schmutzige Flut der Begierden nicht jäh zur Tiefe reißt! Karge Speise, mäßiger Trank lehren die Sünde meiden, indem sie die Gelegenheit zur Sünde meiden lehren. Die Gelegenheit zur Sünde hat oft selbst Gerechte zu Fall gebracht. So hat das Gottesvolk, nachdem es „sich setzte zu essen und zu trinken“, Gott verleugnet. So ward Lot der Blutschande mit seinen Töchtern sich nicht bewußt und beging sie. So mußten die Söhne Noës einst rücklings sich nahend des Vaters Scham bedecken: auf das voreilige Hinsehen ein sanftes Erröten, ein ehrerbietiges Zudecken ob des Ärgernisses, wenn auch nur des Vaters Auge selbst darauf gefallen wäre! Welch furchtbare Wirkung des Weines! Ihn, den die Sintflut nicht zu entblößen vermochte, hat Weingenuß entblößt.