Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 1 · Kapitel 11
Das Lob auf die Jungfräulichkeit nicht vergeblich: aus Placentia und Bononia und selbst Mauritanien nehmen Jungfrauen den Schleier [57—59]. Das gemeinsame Jungfrauenheim in Mailand [60] Sitz rühriger Propaganda für das jungfräuliche Gemeinschaftsleben [61].
§ 57
a will einer sagen: Du singst uns doch täglich das Lob der Jungfrauen! Was will ich machen, der ich täglich dasselbe Lob herableiern muß und nichts erreiche? Es ist freilich nicht meine Schuld. Übrigens kommen ja aus der Gegend von Placentia Jungfrauen um sich weihen zu lassen, aus der Gegend von Bononia kommen sie, von Mauritanien kommen sie, um hier den Schleier zu nehmen. Ein erhabenes Schauspiel! Hier predige ich und anderswo überzeuge ich. Wenn dem so 341 ist, müßte ich anderswo predigen, um euch zu überzeugen.
§ 58
[Forts. v. 341 ] Wie? Wenn selbst solche, die mich nicht hören, folgen: sollen solche, die mich hören, nicht folgen dürfen? Von so manchen Jungfrauen weiß ich nämlich, daß sie wollten, aber von den Müttern und, was schlimmer ist, selbst von Witwen, verhindert werden, auch nur (zur Predigt) zu kommen. Mit diesen nun habe ich folgendes Wörtlein zu reden. Wenn eure Töchter einem Menschen ihre Liebe schenken wollten, könnten sie kraft des Gesetzes nach ihrem Belieben einen erwählen. Wenn sie nun einen Menschen erwählen dürfen, sollten sie Gott nicht erwählen dürfen?
§ 59
[Forts. v. 341 ] Seht, wie lieblich muß die Frucht der Keuschheit sein, wenn sie selbst im Herzen der Barbaren heimisch ward! Aus den entlegensten Gebieten diesseits und jenseits der Grenzen Mauritaniens verlangen Jungfrauen, die man wegschleppte, dahier geweiht zu werden. Mögen alle Familien in Fesseln schmachten, die Keuschheit kennt keine Bande. Mag sie seufzen unter dem Unrecht der Sklaverei, sie gehört dem Reich der Ewigkeit an.
§ 60
Was soll ich denn von den Jungfrauen aus Bononia sagen, der stattlichen Streiterinnenschar der Reinheit, die den Weltfreuden entsagend in einem gottgeweihten Jungfrauenheim wohnen? Nicht zu geschlechtlichem, sondern zu keuschem Zusammenleben brachen sie auf und verließen gegen zwanzig an Zahl und hundertfältig an Frucht ihr elterliches Heim und weilen in den Gezelten Christi: unentwegte Streiterinnen der Keuschheit. Bald erschallt ihre Stimme in geistlichen 342 Gesängen, bald mühen sie sich werktätig um den Lebensunterhalt oder sehen sich auch mit ihrer Hände Arbeit um Mittel zur Betätigung der Freigebigkeit um.
§ 61
[Forts. v. 342 ] Wittern sie die Spur von Jungfrauen — sie gehen nämlich am liebsten von allem auf Jagd darauf aus, ob sie nicht eine Spur keuschen Lebens erspähen könnten —, so lassen sie in ihren Bemühungen keine Schritte unversucht, nach der verborgenen Beute selbst bis in die stillen Gemächer hinein zu fahnden. Oder aber nimmt eine mehr offen und frei den leuchtenden Flug nach oben, da könntest du sehen, wie alle zum Aufstieg weit die Schwingen breiten, die rauschenden Fittiche heben, die schimmernden Flügel schlagen, um dieselbe beim Emporfliegen in keuschem jungfräulichem Reigen zu umringen, bis sie vom strahlenden Geleite hingerissen, des Vaterhauses vergessend, demselben in die Gefilde des jungfräulichen Lebens, zur umfriedeten Stätte der Keuschheit folgt.