Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 1 · Kapitel 5
Die Heimat der Jungfräulichkeit der Himmel [20]. Ihr Urheber der Gottessohn und Jungfrausohn [21]. Christus jungfräulich, seine Braut, die Kirche, eine Jungfrau-Mutter [22], die Jungfrauen deren Töchter. Die Jungfräulichkeit kein Gebot, sondern ein Rat [23].
§ 20
In Lobreden pflegt man rühmend der Heimat und der Eltern zu gedenken, um mit dem Hinweis auf den Ahnherrn den Ruhm des Sprößlings zu erhöhen. Wiewohl ich nun keine Lobrede auf die Jungfräulichkeit, sondern nur eine Darstellung derselben in Angriff nehmen wollte, halte ich es doch für sachdienlich, wenn offensichtlich wird, welches ihre Heimat, welches ihr Urheber ist. Und zwar wollen wir zuerst bestimmen, wo ihre Heimat liegt. Wenn die Heimat dort liegt, wo das Vaterhaus steht, so ist fürwahr die Heimat der Jungfräulichkeit im Himmel. Hier ist sie daher fremd, dort heimisch.
§ 21
Was anders aber ist die jungfräuliche Keuschheit als makellose Unversehrtheit? Und wen anders können wir uns als ihren Urheber denken als den makellosen Gottessohn, dessen Menschheit die Verwesung nicht schaute, dessen Gottheit von Befleckung unberührt blieb? So sehet denn, welch großer 323 Auszeichnungen die Jungfräulichkeit gewürdigt ward! Christus vor der Jungfrau, Christus aus der Jungfrau: vom Vater gezeugt vor der Welt, der Jungfrau Sohn aber wegen der Welt. Ersteres eignete seiner Wesenheit, letzteres erforderte unser Heil. Ersteres war er immerdar, letzteres wollte er werden.
§ 22
Achtet noch auf eine andere Auszeichnung der Jungfräulichkeit! Christus der Bräutigam der Jungfrau, ja, wenn man so sagen darf, Christus selbst von jungfräulicher Reinheit! Denn die Jungfräulichkeit eignet Christus, nicht bloß Christus der Jungfräulichkeit. Eine Jungfrau ist seine Braut (die Kirche); eine Jungfrau, die uns in ihrem Schoße trug; eine Jungfrau, die uns gebar; eine Jungfrau, die uns ihre Brust zur Nahrung reichte, von der wir lesen: „Wie Großes hat die Jungfrau Jerusalem getan! Nicht werden die Brüste fehlen vom Felsgestein, noch der Schnee vom Libanon, oder das Wasser, vom starken Wind bewegt, seine Bahn verfehlen“. Welches ist diese Jungfrau, die aus den Quellen des dreieinigen Gottes befruchtet wird? Der vom Fels die Wasser strömen, die Brüste nicht versiegen, der Honig fließt? Der Fels aber ist nach dem Apostel Christus. Von Christus also kommt ihrer Brüste Fülle, die nicht versiegt, von Gott die Herrlichkeit, vom Geiste das strömende Wasser. Das ist der dreieinige Gott, der seine Kirche befruchtet, der Vater, Christus und der Geist.
§ 23
Doch laßt uns jetzt von der Mutter weg zu den Töchtern herabsteigen! „Über die Jungfrauen“, versichert der heilige Apostel, „habe ich kein Gebot des Herrn“. Wenn der Völkerlehrer keines hatte, wer hätte eines haben können? Ja, ein Gebot zwar hatte er nicht, doch das Vorbild hatte er. Es läßt sich ja die Jungfräulichkeit nicht anbefehlen, sondern nur anraten; 324 denn was unsere Kräfte übersteigt, ist mehr als Wunsch denn als Lehre zu betonen. „Ich wünsche aber“, fährt er fort, „daß ihr ohne Sorge sein möchtet. Denn der Unverheiratete ist um des Herrn Sache besorgt, wie er Gott gefalle . . . . ., auch die Jungfrau ist auf des Herrn Sache bedacht, daß sie heilig sei an Leib und Geist. Die Verheiratete nämlich ist auf das Weltliche bedacht, wie sie ihrem Manne gefalle“.