Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 1 · Kapitel 10
Die Jungfrau ist über Habsucht [54] und Gefallsucht erhaben 54*. Last und Lästigkeit schweren Schmuckes [55]. Die Braut wird nach Sklavinnenart nach der Schönheit verfeilscht. Hangen und Bangen vor dem Freier [56].
§ 54
339 Wozu noch Folgendes? Wie unendlich glücklich seid ihr, daß euch keine Habsucht entflammt? Der Arme verlangt nur, was du hast; was du nicht hast, begehrt er nicht. Die Frucht deiner Arbeit ist der Reichtum für den Dürftigen. Und wenn es auch nur zwei Kupfermünzen sind, es ist das Vermögen des Spenders.
Vernimm nun, was du alles entbehren mußt! Denn wovor du dich hüten mußt, brauche ich weder lehren noch du lernen; denn die Übung der Vollkommenheit benötigt der Belehrung nicht, sondern erteilt sie. Den Götzenbildern ähnlich, die man bei feierlichen Umzügen herumschleppt, siehst du eine einherziehen: sie putzt sich auf, um zu gefallen, sucht aller Augen und Gesichter auf sich zu ziehen, durch diese geflissentliche Gefallsucht nur noch häßlicher. Bevor sie noch einem Manne gefällt, erregt sie das Mißfallen der Leute. Umgekehrt gefällt an euch weit mehr, daß ihr nichts auf Ziererei gebt: gerade der Umstand, daß ihr euch nicht ziert, gereicht euch zur Zierde.
§ 55
Sieh nur die wund zerstochenen Ohren, und bedauere die Last, die den Nacken beugt! Der Unterschied in den Metallen verringert nicht deren Pein. Hier schnürt eine Kette den Hals, dort umklammert eine Fessel den Fuß. Ob Gold oder Eisen den Leib beschwert, macht keinen Unterschied aus: der Nacken bekommt so die Last zu fühlen. Der Preis tut nichts zur Sache: nur daß ihr, Frauen, auch noch in Sorgen seid, es möchte euch die Qual (des Schmuckes) verloren gehen. Was liegt daran, ob das Urteil eines anderen oder das eigene den Stab über euch bricht? Darin seid 340 ihr sogar noch kläglicher daran als öffentlich Verurteilte: diese trachten von den Ketten loszuwerden, ihr verlangt danach.
§ 56
In welch kläglicher Lage aber befindet sich die künftige Braut, daß sie nach Art einer Sklavin, deren Schönheit feil steht, verfeilscht wird. Dem Meistbietenden fällt sie käuflich zu. Da ist doch das Los der Sklaven, die verkauft werden, noch erträglicher, die häufig den Herrn wählen dürfen. Zeigt sich die Jungfrau wählerisch, ist’s gefehlt; wählt sie nicht, ist’s beleidigend. Ist sie noch so schön und zierlich, sie trägt Bedenken und Verlangen zugleich, sich besichtigen zu lassen: Verlangen, um sich um so teurer verkaufen zu lassen, Bedenken, es möchte eben dieser Anblick mißfallen. Welch grausames Spiel, das mit ihrem Sehnen und Wünschen getrieben wird! Welche Furcht und Besorgnis, falls Freier auftauchen, es möchte ein armer sie täuschen, ein reicher sie verschmähen, ein stattlicher sie narren, ein vornehmer sie abweisen!