Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 1 · Kapitel 4
Die Jungfräulichkeit eine spezifisch christliche Tugend [14]. Das Heidentum weist in den Vestalinnen, den Pallaspriestern usw. nur Zerrbilder der Jungfräulichkeit auf [15] oder stempelt die Unzucht zum Gottesdienst [16]. Auch die Philosophie vermochte keine Edelblüte der Jungfräulichkeit zu ziehen [17]. Welcher Gegensatz zwischen der pythagoreischen Jungfrau Leäna [18] und einer christlichen Jungfrau [19]!
§ 14
319 Fürwahr, das ist kein Gemeingut, das ich mit den Heiden, keine Volkssitte, die ich mit den Barbaren, keine Gepflogenheit, die ich mit den übrigen Lebewesen teile. Mögen wir mit diesen auch ein und denselben Lufthauch zum Leben einatmen, die gewöhnliche irdische Leibesgestalt teilen, auch in der Zeugung uns nicht davon unterscheiden: in diesem einen Punkte weisen wir eine Gleichstellung unserer Natur als beleidigend zurück; denn die Heiden heucheln nur Jungfräulichkeit, doch sie entweihen sie selbst im Falle ihrer Gelobung; die Barbaren stellen ihr nach, die übrigen Lebewesen kennen sie nicht.
§ 15
Wer will mir die vestalischen Jungfrauen und die Priester der Pallas entgegenhalten? Was wäre das für eine Keuschheit, die nach den Jahren, nicht nach 320 dem sittlichen Maßstab bemessen wird! Die nicht für immer, sondern nur zeitweilig verpflichtet! Nur um so schamloser ist eine solche Jungfräulichkeit, deren Entehrung den älteren Jahren vorbehalten wird. Sie, die der Jungfräulichkeit eine Grenze setzten, geben selbst damit zu verstehen, daß ihre Jungfrauen darin weder beharren sollen noch können. Was aber ist das für eine Religion, welche Mädchen in der Jugend zur Lauterkeit, im Alter zur Unlauterkeit anhält? Indes macht einerseits der gesetzliche Zwang das Mädchen nicht lauter, andrerseits die gesetzliche Freigabe es unlauter. O Mysterien! O Sitten! Wo der Keuschheit die Zwangsfessel angelegt, der Lüsternheit der Freibrief gegeben wird! Keine ist keusch, die nur durch Furcht sich zwingen, keine ehrbar, die nur um Lohn sich dingen läßt. Das ist keine Schamhaftigkeit, die, täglich der Schmach lüsterner Augen ausgesetzt, die Zielscheibe lasterhafter Blicke bildet. Steuerfreiheit wird verliehen, Preise ausgesetzt, als ob nicht im Verfeilschen der Keuschheit das bedenklichste Anzeichen von Schamlosigkeit gelegen wäre. Eine mit Geld erkaufte Verbindlichkeit läßt auch um Geld sich lösen: um Geld erfolgt die Zusage, um Geld die Aufnahme (der Vestalin). Sie vermag aber die Keuschheit nicht zurückzukaufen, die sie zu verkaufen pflegt.
§ 16
Was soll ich vom phrygischen Kulte sagen, bei dem die Unzucht Sitte ist? Und wäre es nur die des schwächeren Geschlechtes! Was von der Bacchusfeier, wo das Geheimnis der Religion der Entfachung der Begierlichkeil dient? Wie mag da, wo die Hurerei der Götter zum Kulte gehört, das Leben der Priester 321 beschaffen sein? Da gibt es denn keine gottgeweihte Jungfrau.
§ 17
Wir wollen sehen, ob nicht doch die Philosophie, die sich so gerne als die Lehrmeisterin für das gesamte Tugendgebiet aufspielt, eine Jungfrau aus ihren Schulen hervorgehen ließ. Von einer einzigen Jungfrau, einer Pythagoreerin, wird Redens und Rühmens gemacht. Als sie vom Tyrannen zum Verrate eines Geheimnisses gedrängt wurde, habe sie, daß kein Glied an ihr selbst unter Folterqualen zu einem erzwungenen Geständnis sich herbeilasse, sich die Zunge abgebissen und dem Tyrannen ins Gesicht gespien, so daß er keine Zeugin mehr hatte, die er mit seinen endlosen Fragen befragen konnte.
§ 18
Starken Mutes, doch schwangeren Schoßes zugleich, ein Vorbild der Verschwiegenheit und ein Zerrbild der Keuschheit, ließ sie sich durch sinnliche Lüste überwinden, die durch Folter unbezwinglich blieb. Das Geheimnis des Herzens vermochte sie zu verhüllen, des Leibes Schande verhüllte sie nicht. In physischer Beziehung war sie standhaft, in sittlicher hielt sie nicht Stand. Hätte sie doch lieber aus ihrer Zunge ein Bollwerk der Keuschheit gemacht! Vielleicht hatte sie ihre Standhaftigkeit nur dazu angeleitet, ihre Schuld zu leugnen. Nicht in allweg also ging sie sieghaft hervor. Selbst der Tyrann nämlich stieß, obschon er über den Fragepunkt selbst keine Auskunft erhalten konnte, auf jenen Tatbestand, der nicht in Frage stand.
§ 19
Wie unvergleichlich standhafter sind unsere Jungfrauen! Selbst den unsichtbaren Gewalten sind sie sieghaft überlegen; denn nicht bloß über Fleisch und Blut, sondern selbst über den Fürsten der Welt und den Gebieter der Weltzeit triumphieren sie. An Alter freilich stand eine Agnes (jener Hetäre) nach, doch an 322 Tugendgröße, an Zahl der Triumphe, an Zuversicht der Standhaftigkeit überragte sie dieselbe. Sie biß sich nicht aus Furcht die Zunge ab, sondern bewahrte sie, um daran eine Siegestrophäe zu haben. Es lag ja auch nichts vor, dessen Enthüllung sie scheuen mußte; nicht Schuld, sondern Gottesfurcht offenbarte ihr Bekenntnis. Jene verschwieg ein Geheimnis, diese trat offen für Gott ein, für welchen ihre Natur Zeugnis ablegte, weil ihr Alter es noch nicht vermochte.