Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 1 · Kapitel 6
Die Ehe sittlichgut, die Jungfräulichkeit besser [24]. Die Güter des Ehestandes teuer erkauft [25]. Die Beschwerden und Nachteile des Ehestandes [26—29]. Die Vorteile und Vorzüge des jungfräulichen Lebens [30]. Von der Jungfrau-Mutter Kirche [31].
§ 24
Ich meinerseits will die Ehe nicht widerraten, sondern ergänzend auf den Vorteil der Jungfräulichkeit hinweisen. „Wer schwach ist“, heißt es, „soll Gemüse essen“. Das eine fordere ich als Pflicht, dem anderen gilt meine Bewunderung. „Bist du an ein Weib gebunden? Suche keine Trennung! Bist du frei von einem Weibe? Suche kein Weib!“ So des Apostels Vorschrift für die Verheirateten. Was spricht er aber von den Jungfrauen? „Wer seine Jungfrau verheiratet, tut recht; wer sie nicht verheiratet, tut besser“. Jene sündigt nicht, wenn sie heiratet, diese verdient, wenn sie nicht heiratet, die Ewigkeit; dort bietet sich ein Heilmittel wider die Schwachheit, hier winkt der Ruhmeskranz der Keuschheit; jene verdient keinen Tadel, diese Lob.
§ 25
Wir wollen, wenn es beliebt, die Vorteile einer Frau mit denen der letzten Jungfrau in Vergleich 325 ziehen. Mag eine vornehme Frau ihres reichen Kindersegens sich rühmen: mit der Zahl der Kinder wächst ihre Mühsal. Mag sie die tröstlichen Freuden, die ihr die Kinder bereiten, aufzählen: sie soll zugleich aber auch die Beschwerden aufzählen. Sie heiratet und — weint. Was sind das für Wünsche und Freuden, denen die Tränen folgen! Sie empfängt und — wird schwanger. Mit Beschwerlichkeit fürwahr fängt erst die Mutterschaft an, bevor sie die Leibesfrucht hervorbringt Sie gebiert und — krankt. Der süße Liebling! Wie bedeutet seine erste Regung Gefahr, und Gefahren seine endliche Ankunft: ein Schmerzenskind, bevor es zur Freude erblüht! Gefahren sind sein Preis, sein Besitz nicht ins Belieben gegeben.
§ 26
Was soll ich von den Unannehmlichkeiten reden, welche Ernährung, Erziehung und Verheiratung mit sich bringen? Glücklicher Mütter bedauernswertes Los ist das: es freut sich eine Mutter des Besitzes von Erben, doch sie mehrt damit ihre Schmerzen. Von einer unglücklichen Ehe darf man ja gar nicht reden, um nicht das Herz selbst recht heiligmäßiger Mütter schaudern zu machen. Sieh, meine Schwester, wie drückend muß das Kreuz sein, von dem man nicht einmal hören darf! Und das schon auf dieser Welt. „Es werden aber Tage kommen, da sie ausrufen: Selig die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben!“ Denn die Töchter dieser Welt werden geboren und gebären: die Tochter des Reiches aber entsagt der Lust des Mannes und der Lust des Fleisches, „daß sie heilig sei an Leib und Geist“.
§ 27
Was soll ich nun zurückkommen auf die schweren Dienste und die Dienstbarkeit, welche die Frauen den Männern schulden; zu der sie Gott verpflichtete, bevor es noch einen Stand der Dienstbarkeit gab? Nur deshalb erinnere ich daran, daß sie dieselben um so 326 williger leisten. Das trägt ihnen im Falle der Bewährung den Lohn der Liebe, im Falle der Nichtbewährung die Strafe der Sünde ein.
§ 28
Daher stammen auch jene Reizmittel zur Sünde. In der Besorgnis, den Männern zu mißfallen, schminkt man sich mit künstlichen Farben das Gesicht und schweift mit seinen Gedanken vom schamlos gefälschten Gesichte zu schamloser Verletzung der Keuschheit. Welch unsinnige Torheit liegt in dem Beginnen, sein natürliches Bild zu verändern, ein übermaltes zu schaffen und, während man das Urteil des Gatten scheut, das eigene zu verraten! Denn eine solche fällt zuvor ein Urteil über sich, wenn sie das Aussehen zu ändern sucht, das ihr von Geburt eignet. Während sie auf solche Weise anderen zu gefallen strebt, muß sie doch zuvor sich selbst mißfallen. Könnten wir, o Weib, einen unparteiischeren Richter deiner Häßlichkeit beiziehen als dich selbst? als deine Angst, dich (beim wahren Gesicht) sehen zu lassen? Bist du schön, wozu das Verbergen? Bist du unschön, wozu eine erlogene Schönheit? Du wirst so weder das Wohlgefallen des eigenen Gewissens noch des irregeführten anderen Teiles gewinnen. Er liebt ja eine andere, du begehrst einem anderen zu gefallen. Und du willst aufgebracht sein, wenn er seine Liebe einer Dritten schenkt? An dir doch hat er das schamlose Treiben gelernt, du bist die schlimme Lehrerin des Unrechts, das dir widerfährt. Sogar eine solche, die sich dem Verführer in die Arme geworfen, verschmäht es, selbst die Verführerin zu spielen. Ist sie auch ein feiles Weib, macht sie sich doch nicht fremder, sondern nur eigener Sünde schuldig. Und fast erträglicher erscheint in diesem anderen Fall die Lasterhaftigkeit; denn da wird die Keuschheit, in unserem Fall die Natur geschändet.
§ 29
Wie vielen Aufwand kostet es nicht schon einer schönen Frau, nicht zu mißfallen! Hier kostbares 327 Perlengehänge, das den Hals schmückt, dort goldverbrämtes Gewand, das über den Boden schleift. Ist solche Schönheit nicht erkaufter, ist sie angeborener Besitz? Und wie? Auch Wohlgerüche mannigfacher Art, die reizen sollen. Die Ohren strotzen von schwerem Edelgestein, um die Augen wird falscher Farbenreiz ausgegossen. Was bleibt denn da noch Eigenes, wo so vieles verändert wird? Das Weib geht ihrer Sinne verlustig: glaubt sie noch leben zu können?
§ 30
Anders ihr, glückliche Jungfrauen, die ihr von solchen Dingen, die mehr drücken denn schmücken, nichts wißt! Über euer züchtiges Antlitz ist heilige Scham ausgegossen und lautere Keuschheit euer Schmuck. Menschlichem Auge nicht ausgesetzt, bleibt ihr, der Täuschung abhold, nur auf eure Verdienste bedacht. Gewiß ringt auch eure Schönheit um den Siegespreis, aber mit einer Waffe, die ihr der Reiz der Tugend, nicht des Leibes leiht. Solche Schönheit löscht kein Alter aus, kann kein Tod rauben, keine Krankheit entstellen. Ihres Reizes berufener Richter darf nur Gott sein, der auch in einem minder schönen Leib die um so schönere Seele liebt. Etwas Unbekanntes bleiben Schwangerschaft des Leibes, etwas Unbekanntes Geburtswehen. Und doch um so zahlreicher ist der Nachwuchs der frommen Seele, die alle als Kinder umfängt. Reich gesegnet mit Nachkommenschaft, bleibt sie von Kinderverlust verschont; sie kennt keine Leichenbegängnisse, sie weiß nur von Erben.
§ 31
So ist auch die heilige Kirche rein von Beischlaf, reich an Kindersegen: Jungfrau wegen ihrer Keuschheit, Mutter wegen ihrer Nachkommenschaft. Eine Jungfrau, nicht vom Manne, sondern vom Geiste erfüllt, schenkt uns das Leben. Eine Jungfrau gebiert uns, nicht unter leiblichen Wehen, sondern unter dem Jauchzen der Engel. Eine Jungfrau zieht uns auf, nicht mit leiblicher Milch, sondern mit jener, welche der Apostel dem noch schwachen Alter des heranwachsenden Volkes reichte. Wo ist denn eine Vermählte, die 328 mehr Kinder besäße als die heilige Kirche, die geheimnisvolle Jungfrau, die volkreiche Mutter, deren Fruchtbarkeit auch die Schrift mit den Worten bezeugt: „Denn zahlreichere Kinder hat die Verlassene, mehr als jene, welche einen Mann hat?“ Unsere Mutter hat keinen Mann, wohl aber hat sie einen Bräutigam; denn die Kirche inmitten des Volkes, bezw. die Seele in den einzelnen vereinigt sich bräutlich mit dem Worte Gottes wie mit ihrem ewigen Bräutigam ohne die leiseste Befleckung der Reinheit, unberührt von Verletzung, erfüllt von höherer Erkenntnis.