Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 1 · Kapitel 2
Der heiligen Agnes zweifache Siegeskrone der Jungfräulichkeit und des Martyriums [5—9].
§ 5
Ein glücklicher Zufall fügt es, daß ich heute als am Gedächtnistage einer Jungfrau über die Jungfrauen 314 sprechen darf und meine Schrift somit mit einer Lobrede den Anfang nimmt. Der Gedächtnistag einer Jungfrau ist: laßt uns der Jungfräulichkeit folgen! Der Gedächtnistag einer Märtyrin ist: laßt uns Opfer bringen! Der Gedächtnistag der heiligen Agnes ist: Männer mögen staunen, Kinder nicht verzagen, Vermählte zur Verwunderung, Unvermählte zur Nachahmung fortgerissen werden! Doch welch würdiges Lob könnten wir auf sie sprechen? Entbehrte doch selbst ihr Name nicht des Ruhmesglanzes, den er ausstrahlt. Eine Frömmigkeit, die über das Alter, eine Tugend, die über die Natur hinausging! Nicht ein bloßer Menschenname, so will es mich dünken, war es, sondern ein prophetischer Märtyrname, der auf ihre Zukunft deutete.
§ 6
Eins doch kommt mir zu Hilfe: der Name der Jungfrau verbürgt mir ihre Reinheit. Ich brauche nur den Namen der Märtyrin nennen, und ich künde das Lob der Jungfrau. Es ist Lob genug. Man braucht es nicht suchen, man hat es schon. Fort denn mit geistreichen Wendungen, weg mit schönen Phrasen! Ein einziges Wort tönt den Lobeshymnus. Alt und jung und selbst Kinder mögen ihn jubeln! Mehr Lob denn das Lob aller kann niemand ernten. So viel Menschen, so viel Herolde, die den Ruhm der Märtyrin verkünden, wenn sie dieselbe nur nennen.
§ 7
Mit zwölf Jahren, so wird berichtet, hat sie das Martyrium bestanden. Um so verabscheuungswürdiger ist die Grausamkeit, die nicht einmal des zarten Alters schonte. Oder vielmehr: groß ist die Macht des Glaubens, der selbst von diesem Alter seine Bezeugung fand. Bot denn überhaupt des Kindes zarter Leib Raum für eine Todeswunde? Und doch, obschon es dem 315 Mordstahl keine Angriffsstelle bot, vermochte es doch den Mordstahl sieghaft zu bestehen. Ja freilich, Mädchen in diesem Alter vermögen nicht einmal einen schiefen Blick der Eltern zu ertragen und pflegen über Nadelstiche zu heulen, als wären es Wunden: sie steht unerschrocken inmitten der bluttriefenden Hände der Schergen; sie steht unbeweglich beim grausigen Heranzerren klirrender Ketten. Schon bietet sie ihren ganzen Leib der Mordwaffe des wütenden Henkers dar, bevor sie weiß, was sterben heißt, doch bereit hierzu. Ob sie auch wider Willen zu den Götzenaltären gezerrt wird: sie streckt inmitten der Feuerflammen zu Christus die Hände empor und stellt selbst noch an entweihter Opferstätte das Siegeszeichen des triumphierenden Herrn dar. Jetzt will sie Hals und Hände in die eisernen Fesseln stecken: doch keine Fessel vermochte so zarte Glieder zu umschließen.
§ 8
Eine neue Art des Martyriums. Noch war sie der Marter unzugänglich und schon reif zur sieghaften Ertragung derselben: zur Kampfesarbeit untauglich, doch tauglich für die Siegeskrone: im Vollsinn des Wortes eine Lehrmeisterin der Tugend, ob auch das Alter dem entgegenstand. So wäre keine Vermählte ins Brautgemach geeilt, wie die Jungfrau freudigen Schrittes, eilenden Fußes zur Richtstätte voranschritt, nicht mit künstlichem Haarschmuck das Haupt geziert, sondern mit Christus, nicht mit Blumen bekränzt, sondern mit Tugenden. Alles weint, ihr kommt keine Träne ins Auge. So viele wundern sich, daß sie so leicht ihr Leben dahingibt, als hätte sie es schon durchgekostet, nachdem sie kaum noch daran genippt hatte. Alles staunt, daß sie bereits als Zeugin für Gott eintritt, nachdem sie ob ihres Alters noch nicht ihre eigene Sache vertreten konnte. So bewirkte sie denn, daß sie von 316 Gott zur Beglaubigung zugelassen ward, während sie menschlicherseits noch nicht zugelassen wurde. Denn was die Grenze der Natur überschreitet, leitet sich vom Schöpfer der Natur her.
§ 9
Mit wie schrecklicher Drohung ging nicht der Henker zu Werke, um sie einzuschüchtern, mit wie verführerischen Schmeicheleien, um sie zu überreden! Wie viele Freier wünschten sie als Braut sich heimzuführen! Doch sie erwiderte: schon das hieße dem Verlobten Unrecht tun, eines Freiers zu harren, der gefiele. Der mich zuerst sich erwählte, soll mich haben! Was zauderst du, Henker? Dem Tode verfalle der Leib, die Augenweide einer Liebe, die ich nicht will! Sie stand da, betete, beugte den Nacken. Da konnte man den Schergen zittern sehen, als wäre er der Verurteilte gewesen. Des Henkers Rechte wankte, sein Gesicht erblaßte aus Bangen vor fremder Gefahr, während dem Mädchen nicht bangte vor der eigenen. So habt ihr denn in dem einen Opfer ein zweifaches Martyrium, das der Jungfräulichkeit und das der Gottesverehrung: Jungfrau blieb sie, die Märtyrkrone erlangte sie.