Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 1 · Kapitel 7
Jungfräuliche Kinder ein großes geistiges Gut [Sühnopfer] für die Eltern [32], auch ein größeres irdisches Gut als Enkelkinder [33]. Die Ehe nicht verwerflich: Polemik gegen die Manichäer [34]. Die Güterreihe des jungfräulichen Lebens im Lichte der biblischen Auffassung hoch erhaben über der des Ehestandes: die größere Macht, der kostbarere Reichtum, die herrlichere Schönheit eignet der Braut Christi [35—39].
§ 32
Ihr Eltern habt vernommen, in welchen Tugenden ihr eure Töchter unterweisen, in welchen Lehren ihr sie unterrichten sollt, damit euch die Möglichkeit werde, daß durch deren Verdienste eure Vergehungen gesühnt werden. Eine Jungfrau ist ein Geschenk an Gott, eine Weihegabe der Eltern, ein Priesterdienst der Keuschheit. Eine Jungfrau ist ein Opferlamm der Mutter, täglich dargebracht zur Versöhnung der göttlichen Macht. Eine Jungfrau ist ein unzertrennlicher Liebling der Eltern, der ihnen keine Aussteuersorge macht, durch keine Kränkungen sie beleidigt.
§ 33
Doch es möchte einer gerne Enkelkinder haben und den Namen ,Großvater’ erwerben. Fürs erste gibt er mit dem Verlangen nach fremden Kindern die 329 eigenen weg; sodann büßt er mit der Hoffnung auf ungewisse Kinder die gewissen ein. Er gibt sein Vermögen hin — und immer neue Forderungen! Zahlt er die Mitgift nicht aus, wird er gerichtlich belangt. Lebt er lange, fällt er lästig. Den Schwiegersohn kaufen, nicht gewinnen heißt das. Selbst den Besuch der Eltern bei ihrer Tochter läßt dieser sich zahlen. Dazu also wird sie so viele Monate im Schoße getragen, daß sie in fremde Gewalt übergeht? Dazu dient die Sorge, die Aufmerksamkeit auf die Jungfrau zu lenken, daß sie um so rascher den Eltern entrissen wird?
§ 34
Da wird einer sagen: du mißbilligst also die Ehe? Nein, ich billige sie und verurteile jene, welche sie zu mißbilligen pflegen. Ich verweise doch so gerne auf die Ehe einer Sara, Rebekka und Rachel sowie sonstiger alttestamentlicher Frauen zur Begründung der einzelnen Tugenden. Wer nämlich die Ehe verwirft, verwirft auch den Kindersegen, ja verwirft die menschliche Gesellschaft, die auf dem Wege geschlechtlicher Abfolge sich fortpflanzte. Wie hätte denn die Jahrhunderte fort ein Menschenalter dem anderen folgen können, wenn nicht Heiratslust das Interesse an der Kindererzeugung geweckt hätte? Oder wie dürfte man in der Predigt daran erinnern, wie der unschuldige Isaak als Opfer der Frömmigkeit seines Vaters an den Altar trat, wie Israel im menschlichen Leibe Gott schaute und seinen heiligen Namen seinem Volke gab, wenn man ihre Herkunft verwirft? In einem Urteil freilich begegnen sich selbst auch diese gottlosen Menschen, das in diesem Punkte auch von den größten Weisen bestätigt werden muß, daß sie mit der Verwerfung der Ehe das Bekenntnis aussprechen: wir sollten nicht geboren sein!
§ 35
330 Ich mißbillige also die Ehe nicht, sondern will nur die Früchte der gottgeweihten Jungfräulichkeit aufführen. Diese ist der Beruf weniger, jene der der Allgemeinheit; und auch die Jungfräulichkeit hat den Eintritt durch die Geburt zur notwendigen Voraussetzung. Ich stelle nur die beiden Güterreihen gegenüber: es mag so leichter einleuchten, welche den Vorzug verdient. Und es ist nicht meine persönliche Ansicht, die ich damit vortrage, sondern ich wiederhole nur jene, welche schon der Heilige Geist durch den Propheten ausgesprochen hat: „Besser“, beteuert er, „ist die Kinderlosigkeit mit Tugend gepaart“.
§ 36
[Forts. v. 330 ] Wenn nun künftige Bräute vor allem das vor den übrigen voraus haben möchten, daß sie sich auf die Schönheit ihres Bräutigams etwas zugute tun können, so müssen sie schon hierin gestehen, daß sie es den gottgeweihten Jungfrauen nicht gleichtun können; denn nur diesen ist es beschieden, zu sprechen: „Schön an Gestalt bist Du vor den Menschenkindern; Anmut ist ausgegossen über Deine Lippen“. Wer ist dieser Bräutigam? Nicht einer, der im Dienst des Alltagslebens aufgeht; nicht einer, der auf vergänglichen Reichtum pocht, sondern dessen „Thron immerdar und ewig währt“. „Königstöchter sonnen sich in seiner Herrlichkeit. Zu deiner Rechten steht die Königin im Goldgewande, im bunten Tugendkleide. Höre denn, Tochter, und sieh und neige dein Ohr und vergiß deines Volkes und des Hauses deines Vaters! Denn es verlangte den König nach deiner Schönheit; er ist ja dein Gott“.
§ 37
Beachte, wie Großes dir der Heilige Geist nach dem Zeugnisse der göttlichen Schrift verliehen: Königsmacht, Gold und Schönheit! Königsmacht, sei es, weil du 331 die Braut des ewigen Königs bist, sei es, weil du unbesieglichen Sinnes dich nicht von den Lockungen sinnlicher Genüsse einnehmen läßt, sondern wie eine Königin herrschst. Gold, weil diesem physischen Elemente gleich, das, im Feuer geläutert, um so kostbarer wird, auch die leibliche Schönheit einer Jungfrau durch die Weihe an den göttlichen Geist an Anmut nur gewinnt. Wer aber könnte sich eine größere Schönheit denken als die Herrlichkeit einer Braut, die der Liebe des Königs gewürdigt, vom Richter erprobt, dem Herrn geweiht, Gott geheiligt wird: immerfort Braut, immerfort Jungfrau, so daß die Liebe kein Ende hat, die Reinheit keine Verletzung erleidet?
§ 38
Das ist in der Tat die wahre Schönheit, der nichts gebricht, die allein aus des Herrn Mund das Lob zu hören verdient: „Ganz schön bist du, meine Schwester, und Tadeliges ist nicht an dir. Meine Braut, komm hierher vom Libanon, komm hierher vom Libanon! Vom Aufgang des Glaubens, vom Scheitel des Sanir und Hermon, von den Verstecken des Löwen, von den Bergen der Leoparden ausgehend wirst du vorüber-, glücklich herübergelangen“. In diesen Zügen offenbart sich die vollendete, untadelige Schönheit der jungfräulichen Seele, die sich Gottes Altar zum Opfer weihte, inmitten der offenen oder versteckten Gefahren von seiten der Raubtiere im geistigen Sinn sich nicht durch das Vergängliche betören ließ, sondern, unverwandten Blickes auf Gottes Geheimnisse gerichtet, des Geliebten sich würdig erwies, deren Brüste (schöner als Wein) voll der Freude quellen; denn „der Wein erfreut das Menschenherz“.
§ 39
„Der Duft deiner Kleider“, heißt es, „geht über alle Gewürze“. Und im folgenden: „Und der Duft deiner Kleider ist wie der Duft des Libanon“. Sieh, Jungfrau, welchen Fortschritt du uns darbietest! Dein erster Duft geht über alle Gewürze, die zu des Erlösers Bestattung verwendet wurden; sein Duften zeigt 332 an, daß die leiblichen Regungen erstorben und die fleischlichen Lüste ertötet sind. Dein zweiter Duft ist wie der Duft des Libanon; sein Duften sinnbildet die Unversehrtheit des Leibes des Herrn, die Blüte jungfräulicher Keuschheit.