Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 3 · Kapitel 1
Die Ansprache des Papstes Liberius gelegentlich der Profeßfeier der hl. Marcellina zu Rom, I. dogmatischer Teil [1—4].
§ 1
366 Nachdem wir unseren Lehrstoff in den beiden vorausgehenden Büchern erörtert haben, erlaubt es die Zeit, heilige Schwester, auf jene Unterweisungen des Liberius seligen Andenkens zurückzukommen, die du so gern mit mir besprichst. Je heiliger der Mann, um so willkommener seine Rede. Als du nämlich am Geburtsfeste des Heilandes — an welchem Tag wäre es auch besser gewesen als am Tag, da die Jungfrau das (Gottes-) Kind erhielt? — am Grabe des Apostels Petrus in Gegenwart mehrerer anderer gottgeweihter Mädchen, die in gegenseitigem Wetteifer das Gemeinschaftsleben mit dir teilen wollten, das Gelöbnis der Jungfräulichkeit ablegtest und zum Zeichen hierfür selbst das Kleid gewechselt hattest, da sprach derselbe: Nach einer guten Vermählung ging, o Tochter, dein Verlangen. Siehst du, wie zahlreich das Volk zum Geburtsfeste deines Bräutigams sich eingefunden hat? Wie niemand ungespeist hinweggeht? Er ist’s, der zur Hochzeit geladen, Wasser in Wein wandelte. Er wird auch dir das reine Geheimnis des jungfräulichen Lebens mitteilen, nachdem du zuvor den nichtigen Dingen der sichtbaren Natur hingegeben warst. Er ist’s, der mit fünf Broten und zwei Fischen vier Tausende des Volkes 367 in der Wüste gespeist hat. Noch mehr hätte er zu speisen vermocht, wenn es damals schon mehr zu speisen gegeben hätte. So hat er denn auch zu deiner Vermählung eine größere Anzahl gerufen: doch nicht mehr Gerstenbrot, sondern ein himmlischer Leib gelangt zur Austeilung.
§ 2
Seiner menschlichen Natur nach zwar als Mensch am heutigen Tage aus der Jungfrau geboren, ward er doch vor aller Welt aus dem Vater erzeugt. Wie mit der Leiblichkeit auf die Mutter, so sollte er mit der Kraft auf den Vater weisen: der Eingeborene auf Erden, der Eingeborene im Himmel, Gott von Gott, Kind aus der Jungfrau, Gerechtigkeit vom Vater, Kraft vom Mächtigen, Licht vom Licht, nicht ungleich dem Erzeuger, nicht verschieden davon an Macht, nicht in der Weise als innerlich hervortretendes oder äußerlich geoffenbartes Wort eins mit ihm, daß er mit dem Vater ein und derselbe wäre, daß er vielmehr kraft der Zeugung vom Vater unterschieden ist. Er nun ist dein Bruder, ohne welchen nichts von dem besteht, was im Himmel und im Meere und auf dem Festlande ist: das gütige Wort des Vaters, welches, wie es heißt, „im Anfang war“. Da hast du seine Ewigkeit. „Und es war“, heißt es weiter, „beim Vater“. Da hast du seine vom Vater nicht unterschiedliche und unteilbare Macht. „Und Gott war das Wort“. Da hast du seine ungezeugte Gottheit. Aus den kurzen Sätzen nämlich magst du deinen Glauben schöpfen.
§ 3
Ihn liebe, Tochter! Denn er ist gut. „Niemand ist ja gut als der eine Gott“. Wenn nämlich zweifelsohne der Sohn Gott, Gott aber gut ist, dann ist doch zweifelsohne der Sohn „der gute Gott“. Ihn, sage 368 ich, liebe! Er ist’s, den der Vater vor dem Morgenstern gezeugt hat als den Ewigen; aus dem Schoße gezeugt hat als den Sohn; aus dem Herzen strömen ließ als das Wort. Er ist’s, an dem der Vater sein Wohlgefallen hat. Er ist des Vaters Arm, weil Schöpfer des Alls; des Vaters Weisheit, weil aus Gottes Mund hervorgegangen; des Vaters Kraft, weil der Gottheit Fülle leibhaftig in ihm wohnt. Ihn liebt der Vater in einer Weise, daß er ihn im Schoße trägt, zur Rechten setzt, auf daß du die Weisheit erkennen, die Kraft ersehen möchtest.
§ 4
Wenn nun Christus die Kraft Gottes ist, war etwa Gott einmal ohne die Kraft? War etwa der Vater einmal ohne den Sohn? Wenn der Vater fürwahr ewig ist, ist doch auch der Sohn ewig. Des vollkommenen Vaters vollkommener Sohn ist er demnach. Wer nämlich die Kraft herabsetzt, setzt den herab, dessen Kraft sie ist. Eine Ungleichheit verträgt sich nicht mit Gottes Vollkommenheit. So liebe also den, welchen der Vater liebt! Ehre den, welchen der Vater ehrt! Denn „wer den Sohn nicht ehrt, ehrt auch den Vater nicht“. Und „wer den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht“. Soviel, was den Glauben betrifft.