Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 3 · Kapitel 5
Notwendigkeit der Bußtränen. „Bett“ in Psalm 6, 7 entweder wörtlich oder bildlich vom Leibe [21], „Schmerzenshett“ in Psalm 40, 4 vom Schmerzensleibe des Herrn zu verstehen [22], der sich zum leidensunfähigen Auferstehungsleib wandelte [23]. Bußtrauer in der Welt, Herzensfreude in Gott [24]: nur die religiöse Freude geziemt der gottgeweihten Jungfrau [25].
§ 21
Wer wollte nicht einsehen, daß jener Ausspruch des heiligen Propheten zu unserer Belehrung getan wurde: „Allnächtlich will ich mein Bett waschen, mit meinen Tränen mein Lager netzen“. Will man nämlich ‚Bett‘ im Literalsinn verstehen, so zeigt er, es müsse eine solche Tränenfülle fließen, daß von den Zähren des Flehenden das Bett gewaschen, das Lager genetzt werde. Tränen im Diesseits bedeuten Lohn in der Zukunft; denn „selig, die ihr jetzt weint; ihr gerade werdet lachen“. Oder aber wir können jenen prophetischen Ausspruch vom Leibe verstehen: dann laßt uns die Vergehungen des Fleisches mit Tränen abwaschen! Salomo fertigte sich ein Lager aus Holz vom Libanon; dessen Säulen waren von Silber, dessen Lehne von Gold, dessen Polster eine mit Edelsteinen besetzte Decke. Was anders ist dieses Lager als das Bild unseres Leibes? In den Edelsteinen offenbart sich der Widerschein 378 des Luftglanzes, im Golde das Feuer, im Silber das Wasser, im Holze die Erde. Aus diesen vier Elementen aber besteht der menschliche Leib, worin unsere Seele ruht, wenn sie nicht ruhelos auf rauher Bergeshöhe oder auf dürrem Grunde irrt, sondern über die Sünde erhaben, auf Holz gebettet, der Ruhe genießt. Daher denn auch Davids Gebet: „Der Herr bringe ihm Hilfe auf seinem Schmerzensbette!“ Wer sonst könnte denn das Schmerzensbett sein, nachdem doch unmöglich jemand Schmerz empfindet, der keine Empfindung hat? Einen Leib des Schmerzes aber gibt es, wie einen Leib des Todes: „Ich unglücklicher Mensch, wer wird mich befreien vom Leibe dieses Todes!“
§ 22
[Forts. v. 378 ] Wir haben einen Schriftvers angeführt, worin des Leibes des Herrn Erwähnung geschieht. Damit nun nicht jemand irre wird, wenn er liest, der Herr habe einen Schmerzensleib angenommen, mag er sich erinnern, wie er des Lazarus Tod schmerzlich beweinte, wie er im Leidenstode verwundet wurde, wie Blut und Wasser aus seiner Wunde floß und wie er den Geist aushauchte: das Wasser zur Taufe, das Blut zum Trank, der Geist zur Auferstehung. Denn der eine Christus ist uns Hoffnung, Glaube und Liebe: unsere Hoffnung in der Auferstehung, unser Glaube in der Taufe, unsere Liebe im Sakramente.
§ 23
[Forts. v. 378 ] Doch gleichwie er einen Schmerzensleib angenommen, so hat er auch „das Lager im Leiden gewendet“, d. i. zum Segen für den menschlichen Leib gewandelt; denn die Schwäche wurde im Leiden, der Tod in der Auferstehung getilgt, Und doch sollt ihr in Bußtrauer und frohem Gnadenglück in Sachen der Welt trauern, im Herrn euch freuen, mag immerhin der Völkerlehrer durch sein Heilsgebot die Notwendigkeit einschärfen „mit den Weinenden zu weinen und mit den Fröhlichen sich zu freuen“.
§ 24
379 Doch wer völlig sich klar werden will über die Lösung der ganzen heiklen Frage, nehme seine Zuflucht zum nämlichen Apostel, der mahnt: „Alles, was immer ihr tut in Wort oder in Werk, (tut) im Namen unseres Herrn Jesus Christus, indem ihr Gott dem Vater durch ihn danksagt!“ Alle unsere Worte und Werke wollen wir sonach auf Christus beziehen, der aus dem Tode Leben weckte und aus Finsternis Licht schuf. Ein kranker Leib wird bald durch warme Umschläge erwärmt, bald durch kalte abgekühlt. Und die Abwechslung in den Mitteln ist, wenn sie nach der Weisung des Arztes erfolgt, von heilsamer Wirkung; wenn sie eigenmächtig gegen seine Weisung angewendet wird, mehrt sie das Siechtum. So ist auch alles, was durch unseren Arzt Christus verordnet wird, Heil, was eigenmächtig gebraucht wird, Unheil.
§ 25
[Forts. v. 379 ] Die Freude soll sonach dem guten Gewissen entquellen, nicht durch ausgelassene Schmausereien, nicht durch Hochzeitsklänge erregt sein; denn wo zuletzt der Tanz zu Vergnügen sich gesellt, da ist die Schamhaftigkeit ohne Schutz, die Lust verdächtig. Ich wünsche, daß gottgeweihte Jungfrauen von Tanz sich fernhalten; denn schon nach dem Ausspruch eines weltlichen Lehrers tanzt kein nüchterner Mensch, er sei denn von Sinnen. Wenn also schon nach der Weltweisheit entweder Trunkenheit oder Wahnsinn die Urheber des Tanzes sind, welche Warnung liegt unseres Erachtens erst in den Beispielen der Heiligen Schrift! Ist doch Johannes, der Vorbote Christi, der auf den Wunsch einer Tänzerin ermordet wurde, ein Beispiel dafür, wie der Reiz des Tanzes noch mehr Unheil anstiftete als die Sinnlosigkeit frevlen Wütens.