Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 3 · Kapitel 7
Die Frage, ob eine Jungfrau im Notfall zur Rettung ihrer Unversehrtheit sich selbst dem Tode weihen darf, entscheidet das Beispiel der hl. Pelagia und ihrer Mutter und Schwestern im bejahenden Sinn [32—36]. Die Jungfräulichkeit bei Marcellina ein Familienerbe [37]. Das Martyrium ihrer Ahnfrau, der hl. Sotheris [38].
§ 32
383 Schon wollte ich die Segel schwellen, um rasch mit der Rede zum Schluß zu eilen: da legst du mir, heilige Schwester, mit Recht noch die Frage nahe, was vom Verdienste derer zu halten ist, die sich, um nicht den Verfolgern in die Hände zu geraten, von der Höhe herabgestürzt oder ins Wasser geworfen haben, nachdem doch die göttliche Schrift einer Christin verbietet, sich Gewalt anzutun. Bezüglich der Jungfrauen, die eingeschlossen in einer Notlage sich befinden, ist nun zwar die Frage bereits im bejahenden Sinne gelöst, da ein vorbildliches Martyrium vorliegt.
§ 33
Es lebte einst bei Antiochien die heilige Pelagia, ungefähr fünfzehn Jahre alt, die Schwester von Jungfrauen und selbst Jungfrau. Diese schloß sich zuerst, als das Zeichen zur Verfolgung gegeben war, zu Hause ein. Als sie sich rings von den Nachstellern ihres Glaubens oder auch ihrer Reinheit umlagert sah, fern von Mutter und Schwestern, des Schutzes bar, doch um so mehr Gottes voll, sprach sie: „Was tun, Opfer der Jungfräulichkeit, als dich vorsehen? Es verlangt dich einerseits zu sterben, es bangt dir andrerseits davor, weil hier der Tod nicht entgegenzunehmen, sondern herbeizuführen ist. Laßt uns sterben, wenn es angeht, ja laßt uns sterben, selbst wenn man es nicht angehen lassen will! Gott wird durch das Rettungsmittel nicht beleidigt, und die Tat befreit den Glauben von drückender Not. Fürwahr, wenn wir die Bedeutung des Begriffes 384 ‚freie Willenskraft‘ bedenken, so liegt die größere Kraft im Sterbenwollen und nicht im Sterbenkönnen. Wir brauchen auch keine Schwierigkeit besorgen. Gibt es denn jemand, der sterben will und es nicht kann? Führen doch so viele Wege jäh zum Tod. Stürze ich mich jetzt da hinab, werde ich zum Sturz der götzendienerischen Altäre beitragen, mit meinem Blute das lodernde Opferfeuer darauf auslöschen. Ich erspare mir die Furcht, es möchte die Rechte versagen und den Todesstoß nicht führen, oder die Brust der schmerzlichen Wunde sich entziehen. Zu keiner Sünde will ich dem Fleische Gelegenheit lassen. Mir braucht auch nicht bangen, daß es an einem Schwerte gebricht. Wir können mit unseren eigenen Waffen den Tod herbeiführen, können ohne den Gnadenstoß des Henkers ihn herbeiführen, schon im Mutterschoß.“
§ 34
Es heißt, sie habe dann ihr Haupt geziert und Brautschmuck angelegt, so daß man hätte meinen mögen, sie sei auf dem Weg nicht zum Tod, sondern zum Bräutigam. Sobald indes die verächtlichen Verfolger die keusche Beute sich entrissen sahen, fingen sie an, nach der Mutter und den Schwestern zu fahnden. Schon erreichten jedoch diese wie auf geistigen Schwingen der Keuschheit das freie Feld: da sahen sie sich plötzlich von der einen Seite durch die herannahenden Verfolger, von der anderen durch einen reißenden Fluß von der Flucht abgeschnitten, vielmehr eingeschlossen, um die Siegeskrone zu verdienen. „Was bangen“? sprechen sie, „sieh, da ist Wasser! Wer hindert uns, daß wir getauft werden?“ Auch das ist eine Taufe, durch welche die Sünden vergeben, die Reiche (des Himmels) erworben werden. Auch das ist eine Taufe, nach welcher niemand mehr sündigt. Möge das Wasser uns aufnehmen, das die Wiedergeburt zu bewirken pflegt! Möge das Wasser uns aufnehmen, das Jungfrauen macht! Möge das Wasser uns aufnehmen, das den Himmel öffnet, die Wehrlosen deckt, den Tod birgt, Märtyrer schafft. Dich, o Gott, Schöpfer der 385 Dinge, bitten wir, daß selbst die Flut unsere entseelten Leiber nicht trennen möge; daß der Tod die Leichen derer nicht scheide, deren Leben die Liebe nicht schied! Nein, die gleiche Standhaftigkeit, der gleiche Tod und auch das gleiche Grab einige uns!“
§ 35
So sprachen sie und schürzten ihr Gewand etwas in die Höhe, um die Scham noch zu verdecken, den Gang nicht zu behindern, die Hände wie zum Reigen zu schmiegen. Nun schreiten sie in die Mitte des Strombettes vor: wo die Strömung am reißendsten, wo die Tiefe am jähsten, dahin lenken sie den Schritt. Keine zog den Fuß zurück, keine hielt den Gang inne, keine suchte festen Boden unter den Füßen: voll Bangen, wenn ein Boden sich fühlbar machte, voll Widerwillen gegen eine seichte Stelle, voll Freude über die Tiefe. Da hätte man die besorgte Mutter sehen sollen, wie sie mit krampfhafter Hand die Lieblinge umschlang und ihre Freude an ihnen hatte, wie sie nur den Fall befürchtete, es möchten ihr auch noch die Fluten die Töchter entführen. „Diese Opfer“, betete sie, „bringe ich Dir dar, Christus: Hüterinnen der Keuschheit, Führerinnen des Weges, Genossinnen des Leidens!“
§ 36
[Forts. v. 385 ] Doch wer wollte sich mit Recht über ihre so große Standhaftigkeit im Leben wundern, nachdem sie selbst im Tode noch eine unerschütterliche Leibeshaltung einnahmen? Die Flut entblößte ihren Leichnam nicht, die reißende Strömung des Flusses trug ihn nicht fort. Ja, noch hielt die heilige Mutter, ob auch der Sinne beraubt, (die Kinder) dennoch in Liebe umfangen und löste das fromme Band, das sie geschlungen, selbst im Tode nicht. Wie sie der Gottesverehrung den schuldigen Tribut geleistet hatte, so sollte bei ihrem Tode auch der Mutterliebe ihr Erbe verbleiben: sie nahm (die Kinder), die sie zusammen zum Martyrium geführt hatte, noch im Tode an sich.
§ 37
Doch was soll ich bei dir, Schwester, fremde Beispiele anziehen? Sprößling einer Familie, welche die Keuschheit als Erbgut hütet, Blutsverwandte einer 386 Märtyrin (Sotheris), erhieltst du von daher die Unterweisung eingepflanzt. Woher hättest du sie denn gelernt, nachdem du keine Gelegenheit zum Lernen hattest: auf dem Lande lebend, ohne Beisein einer Jungfrau, ohne Unterricht durch einen Lehrer? Nicht also die Rolle einer Tugendschülerin, was ohne Unterricht undenkbar wäre, sondern einer Tugenderbin fiel dir zu.
§ 38
Wie wäre es auch denkbar, daß die heilige Sotheris nicht auch deine geistige Mutter war, wie sie deine leibliche Ahnfrau ist? Es war zur Zeit der Verfolgung. Unter gemeinen Mißhandlungen ging sie den Weg hinauf zur Höhe des Martyriums. Selbst das Gesicht, das doch gewöhnlich, wenn der ganze Leib den Martern unterworfen ist, von Unbill verschont bleibt und die Qualen mehr schaut denn erduldet, bot sie dem Henker dar: so stark und ausdauernd, daß, als sie die zarten Wangen der Marter preisgab, eher der Henker des Schlagens müde wurde als die Märtyrin der Mißhandlung. Sie verzog keine Miene, wendete das Gesicht nicht ab. Kein Seufzer entrang sich der Brust, keine Träne dem Auge. Als sie schließlich alle Arten von Qualen siegreich bestanden hatte, fand sie, wie sie es verlangte, den Tod durch das Schwert.