Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 3 · Kapitel 2
Die Ansprache des Papstes Liberius, II. paränetischer Teil: Mahnung zur Mäßigkeit. Sie ist der Zügel jener fleischlichen Begierden [5], welche in der heidnischen Mythologie ihre Orgien feiern [6—7]. Warnung vor erhitzenden Speisen [8].
§ 5
369 Doch zuweilen erregt, auch wenn der Glaube verlässig ist, die Jugend Besorgnis. So trink denn wenig Wein, um nicht die Schwachheit des Leibes zu steigern, um nicht die Genußsucht zu reizen! Denn beide entflammen ihn gleicherweise, Wein und Jugend. Auch dem zarten Alter soll Fasten Zügel anlegen und Mäßigkeit im Essen die unbändigen Begierden wie mit Fesseln zähmen. Die Vernunft banne sie, die Hoffnung besänftige sie, die Furcht binde sie! Denn wer die Begierden nicht zu beherrschen weiß, der wird von ihnen wie von unbändigen Rossen fortgerissen, fortgezerrt, zertreten, zerrissen, zerstampft.
§ 6
Einst soll dies einem Jüngling (Hippolytus) wegen seiner Liebe zu Diana begegnet sein. Dichterische Lügen freilich malen die Sage so aus, daß Neptun aus Kränkung über die Bevorzugung des Nebenbuhlers Rosse zur Wut aufgestachelt haben soll. Es wird das als Zeichen seiner großen Macht gerühmt, daß er den Jüngling nicht mit Gewalt besiegte, sondern mit Trug überlistete. Man veranstaltet darum auch alljährlich ein Opfer zu Ehren der Diana: man schlachtet an ihrem 370 Altar ein Pferd. Die Jungfräuliche nennt man sie, die es über sich brachte — selbst Dirnen pflegen sich dessen zu schämen — einen Nichtliebhaber zu lieben. Doch mögen sie ihre Fabel von mir aus für bedeutungsvoll halten. Beide waren gewiß lasterhaft; doch weniger will es bedeuten, wenn ein Jüngling in Liebe zu einer Buhlerin so heftig entbrannte, daß er darüber zugrunde ging, als wenn zwei Götter, wie sie selbst zugeben, im Ehebruch wetteiferten. Zeus habe die Kränkung seines Schandkindes am Arzte des ehebrecherischen Buhlen gerächt, weil er dessen Wunden heilte. Derselbe hatte nämlich die Diana in den Hainen geschändet, die treffliche Jägerin nicht fürwahr auf Tiere, sondern auf Lüste — doch auch auf Tiere, um ihnen nackt nachzujagen.
§ 7
Mögen sie denn dem Neptun die Gewalt zur Wuterregung beilegen, um so das Verbrechen blutschänderischer Liebe zu erklären! Mögen sie der Diana die Herrschaft im Reiche der Haine beilegen, die sie bewohnte, um den Ehebruch zu erklären, den sie beging! Mögen sie dem Äskulap die Wiedererweckung eines Toten beilegen: wenn sie nur gestehen, daß er selbst, vom Blitze getroffen, dem Tode nicht entging! Mögen sie desgleichen dem Jupiter den Blitz beilegen, den er nicht hatte, um auch seine Schandtaten zu bezeugen, die er hatte. Doch laßt uns vom Fabelhaften zum vorliegenden Gegenstand zurückkehren!
§ 8
Auch von allen Speisen, welche die Glieder erhitzen, sollte man, wie ich glaube, nur spärlich genießen. Fleisch zieht selbst Adler im Fluge von der Höhe nieder. Auch in euch regt sich innerlich jener Adler, von dem wir gelesen: „Erneuen soll sich wie ein Adler deine Jugend!“ Auf dem Fittich der Jungfräulichkeit raschen Fluges zur Höhe strebend, soll er kein Verlangen nach übermäßigem Fleischgenuß kennen. Festgelage sollen vermieden, Tanzbelustigungen geflohen werden.