Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 3 · Kapitel 3
Die Ansprache des Papstes Liberius, II. Teil [Forts.]: Einer Jungfrau geziemt nicht häufigerer Empfang von Besuchen [9], sondern züchtige Zurückgezogenheit [10] und Schweigsamkeit, namentlich in der Kirche [11]. Selbst Heiden [12—13] und unvernünftige Tiere üben solches Schweigen [14].
§ 9
371 Selbst Besuche, falls etwa Verwandten oder Kameradinnen eine Aufwartung zu machen ist, wünsche ich bei jüngeren Personen nicht zu häufig. Mit diesen Verbindlichkeiten geht nämlich die Schamhaftigkeit darauf; unter der Höflichkeit, die man heuchelt, schillert keckes Wesen, mischt Lachen sich darein, verliert sich die Bescheidenheit. Auf Fragen keine Antwort geben, wäre Kinderei, Antwort geben Plauderei. Lieber zu wenig Worte als zuviel bei einer Jungfrau. Wird nämlich schon von den Frauen verlangt, daß sie in der Kirche sogar in Sachen des Göttlichen schweigen und zu Hause ihre Männer darüber fragen sollen, welche Behutsamkeit haben wir erst bei Jungfrauen anzunehmen, deren Jugend schönster Schmuck die Schamhaftigkeit ist, deren Schamhaftigkeit die Schweigsamkeit empfiehlt?
§ 10
Oder ist vielleicht das Beispiel der Schamhaftigkeit so bedeutungslos, daß Rebekka, als sie auf dem Gang zur Vermählung des Bräutigams gewahr wurde, einen Schleier faßte, daß sein Blick nicht vor der Vermählung sie träfe? Fürwahr nicht für ihre Schönheit war die herrliche Jungfrau besorgt, sondern für ihre Züchtigkeit. Was tat Rachel? Wie weinte und seufzte sie ob des Kusses, der ihr abgenötigt wurde! Und sie würde nicht zu weinen aufgehört haben, hätte sie nicht erfahren, daß es ein Nächstverwandter 372 gewesen ist. So wahrte sie einerseits die pflichtschuldige Schamhaftigkeit und ließ es andrerseits nicht an Pietätsgefühl fehlen. Wenn schon dem Manne eingeschärft wird: „Hefte deine Augen nicht auf eine Jungfrau, daß sie dir nicht zum Falle werde!“, was muß erst einer gottgeweihten Jungfrau eingeschärft werden, die, wenn sie liebt, eine Herzenssünde, wenn sie sich lieben läßt, auch eine Tatsünde begeht?
§ 11
Etwas gar Großes ist es um die Tugend der Schweigsamkeit, zumal in der Kirche. Kein Satz der göttlichen Schriftlesungen wird dir entgehen, wenn du das Ohr offen, den Mund geschlossen hältst. Kein Wort laß dem Mund entschlüpfen, das du zurücknehmen möchtest, sondern traue wenig der Zunge! Viele Sünde liegt ja in der Vielrederei. Dem Menschenmörder ward gesagt: „Du hast gesündigt, halt dich still!“, auf daß er nicht weiter sündigte; der Jungfrau hingegen muß gesagt werden: Halt dich still, daß du nicht sündigest! Maria bewahrte, wie wir lesen, alles, was vom Sohne gesprochen ward, in ihrem Herzen: auch du unterbrich nicht mit Schwätzen eine Lesung, welche die Wiederkunft Christi in der Zukunft verkündet oder seine bereits erfolgte Ankunft dartut, sondern leihe ihr das geistige Ohr! Oder gäbe es etwas Unziemlicheres, als wenn die göttlichen Aussprüche im lauten Lärm ringsum untergehen, so daß sie weder Gehör noch Glauben noch inneres Verständnis finden? Als wenn die Geheimnisse von wirren Reden rings übertönt werden, so daß die im Interesse des allgemeinen Heils unternommene Ansprache hierdurch gestört wird?
§ 12
Sogar die Heiden bezeugen mit Schweigen ihren Götzen Ehrfurcht. So erzählt man sich denn folgendes Beispiel: Während der Mazedonierkönig Alexander ein 373 Opfer darbrachte, fing ein Diener barbarischer Herkunft, der ihm das Licht anzündete, am Arme Feuer. Trotz der Brandwunden am Leibe aber blieb er unbeweglich, verriet mit keinem Wehlaut den Schmerz und offenbarte mit keiner stillen Träne die Pein. So groß war im barbarischen Diener die Zucht und Scheu, daß sie den Sieg über die Natur davontrugen. Und doch fürchtete er nicht die Götter, die es nicht gab, sondern nur den König. Was hätte er denn auch Wesen fürchten sollen, die, falls das gleiche Feuer sie erfaßt hätte, Feuer gefangen hätten?
§ 13
Wie unvergleichlich besser noch war es, daß einem Jüngling (Clitiphus) bei einem Gastmahle des Vaters verboten wurde, durch freches Gebahren unzüchtige Neigungen zu verraten! Auch du, gottgeweihte Jungfrau, enthalte dich bei der Feier des Geheimnisses des Seufzens, Räusperns, Hustens und Lachens! Was jener beim Mahle fertig bringt, willst du bei der Feier des Geheimnisses nicht fertig bringen? Erst offenbare sich die Jungfräulichkeit im Siegel der Zunge: Schamhaftigkeit schließe den Mund, Frömmigkeit wehre der Schwäche, Gewöhnung stähle die Natur! Ihr gesetztes Wesen soll mir in erster Linie die Jungfrau anzeigen: züchtig im Auftreten, gemessen im Schritt, ehrbar im Blick! Und die Kennzeichen der Tugend sollen ihr als die Herolde ihrer Unversehrtheit vorausgehen! Eine Jungfrau, nach deren Stand man erst fragen muß, wenn man sie sieht, ist nicht genügend bewährt.
§ 14
Nach einer geläufigen Sage hat ein Priester Fröschen, die mit ihrem vielen Quaken dem Volke beim Gottesdienst die Ohren betäubten, geboten zu schweigen und vor der heiligen Gebetshandlung Ehrfurcht zu wahren. Da sei auf der Stelle der Lärm ringsum verstummt. So schweigen denn die Sümpfe: Menschen wollen nicht schweigen? Selbst das unvernünftige Tier anerkennt 374 durch sein ehrerbietiges Verhalten, was es kraft der Natur nicht erkennt: der Menschen Unehrerbietigkeit will so groß sein, daß man vielfach dem religiösen Bedürfnis des Geistes nicht soviel Rechnung trägt wie einem Ohrenschmaus?