Ambrosius von Mailand · De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres · Buch 3 · Kapitel 4
Marcellina überbietet noch das Ideal eines jungfräulichen Tugendlebens. Ihr übermäßig strenges Fasten [15]. Mit Rücksicht auf ihr Alter und ihre Gesundheit sollte sie letzteres mäßigen [16—17]. Von der Pflicht häufigen Gebetes bei Tag [18] und Nacht [19] und der Ablegung des Symbolums [20].
§ 15
Dies die Ansprache des Liberius heiligen Andenkens an dich: Ideale, welche bei anderen die Wirklichkeit übersteigen, bei dir hinter dem vorbildlichen Wandel zurückbleiben. So hast du nicht bloß jede sittliche Anforderung kraft deiner Tugend voll eingelöst, sondern kraft deines Eifers noch überboten. Das Fasten gehört zu unseren Geboten, aber nur an einzelnen Tagen: du aber vervielfältigst die Tage und Nächte und bringst ungezählte Stunden ohne Speise zu. Und wenn man dich einmal bittet, doch Speise zu dir zu nehmen und die (Heilige) Schrift für einige Augenblicke aus der Hand zu legen, bist du mit der Antwort gleich fertig: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jeglichem Worte Gottes“. Bei den Mahlzeiten selbst pflegst du unschmackhafte Speisen zu wählen, damit der Widerwille beim Essen das Verlangen nach Fasten wecke: den Trunk vom Bronnen, Tränen beim Gebete, den Schlaf über dem Buche.
§ 16
Das mochte in jüngeren Jahren angezeigt sein, solange der Geist zur Altersreife sich entwickelte: doch wenn einmal die Jungfrau den Leib bezwungen und den 375 Sieg über ihn davongetragen hat, soll sie das Mühen mäßigen, damit sie dem etwas jüngeren Alter als Lehrmeisterin erhalten bleibt. Rasch bricht der altersschwache Weinstock unter der Last der üppig treibenden Schößlinge zusammen, wenn er nicht einmal zurückgeschnitten wird. Solange er heranwächst, mag er üppig sprossen; ist er aber erstarkt, soll er zugeschnitten werden, daß er nicht in die Schößlinge schieße oder, von allzu schwerer Frucht beladen, absterbe. Ein tüchtiger Gärtner schirmt den besten Weinstock mit wärmender Erde, schützt ihn vor Kälte und gibt obacht, daß ihn die Mittagssonne nicht versenge. Auch das Ackerland bearbeitet er zu wiederholten Malen, bezw. wechselt, wenn er es nicht brach liegen läßt, mit dem Samen, damit der Boden auf Grund des Saatwechsels sich erhole. Auch du, Jungfrau im ehrwürdigen Alter, bebaue das Gelände deines Herzens doch wenigstens mit abwechselnden Samenarten, jetzt mit mäßigen Speisen, dann wieder mit nicht allzu häufigem Fasten, mit Lesung, Arbeit und Gebet! Die Abwechslung im Mühen mag die Ruhepause ersetzen.
§ 17
Nicht jeder Acker bringt Getreidefrucht hervor: hier erheben sich Weinberge vom Hügelgelände, dort magst du purpurfarbige Oliven, dort duftige Rosen schauen. Oft auch läßt selbst der starke Landmann den Pflug liegen und ritzt mit dem Finger den Boden, um Blumenpflänzchen darin einzusenken und drückt mit den rauhen Händen, mit denen er die ungebärdigen jungen Stiere im Weinberg bändigt, sanft das Euter der Schafe. Je ergiebiger die Frucht, um so besser fürwahr der Acker. So folge denn auch du dem Beispiel des tüchtigen Landmanns und pflüge nicht mit andauerndem Fasten wie mit tief eingelassener Pflugschar dein Erdreich. Es blühe in deinen Gärten auch die Rose der Schamhaftigkeit, die Lilie des Geistes, und dein Veilchenbeet trinke den erfrischenden Quell des heiligen 376 Blutes! Ein Sprichwort lautet so: Was du lange tun willst, das tu mitunter nicht! Das Vierzigtägige Fasten verlangt freilich ein Mehr, doch so, daß nichts aus Scheinheiligkeit, sondern in religiöser Absicht geschieht.
§ 18
Auch eifriges Gebet soll uns Gott empfehlen; denn wenn schon der Prophet, der von den notwendigen Regierungsgeschäften in Anspruch genommen war, versichert: „Siebenmal des Tages sang ich Dir Lob“, wie müssen dann wir es halten, die wir lesen: „Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung geratet“? Ja, feierliche Gebete mit Danksagung sind darzubringen, so oft wir vom Schlafe aufstehen, so oft wir ausgehen, so oft wir uns anschicken, die Mahlzeit einzunehmen, so oft wir sie eingenommen, sodann „zur Stunde des Rauchwerkes“, endlich so oft wir zur Ruhe gehen.
§ 19
[Forts. v. 376 ] Selbst noch im Bette magst du, so wünsche ich es, oftmals Psalmengebet mit dem Gebete des Herrn wechseln, sei es wenn du aufwachst, sei es bevor noch der Schlaf den Körper erquickt: frei von der Sorge um weltliche Dinge, in die Betrachtung des Göttlichen versunken, soll dich der Schlaf beim Eintritt der Ruhe überkommen. So ließ auch jener Weise, der zuerst der Philosophie ihren Namen gab, täglich, bevor er zu Bette ging, einen Flötenspieler sanftere Weisen spielen, um die vor weltlichen Sorgen bangen Herzen (auch der Jünger) zu beruhigen. Doch umsonst trachtete er gleich einem, der ein Brustbad nimmt, Weltliches mit Weltlichem abzuwaschen; denn nur noch mehr beschmutzte er sich damit, daß er das Mittel hierfür in sinnlicher Lust suchte. Wir aber wollen den Unrat irdischer Leidenschaften abwaschen und das Innere des Geistes von aller Befleckung des Fleisches reinigen.
§ 20
377 Insbesonders sollen wir auch das Glaubensbekenntnis, gleichsam das Siegel unseres Herzens, täglich in den frühen Morgenstunden ablegen, zu ihm auch dann, wenn uns vor etwas bangt, die Zuflucht nehmen. Wann träfe man denn einen Soldaten im Zeltlager, einen Krieger in der Schlacht ohne den Fahneneid?