Das Licht der erste und notwendigste Schmuck der Schöpfung. Sein plötzliches Aufleuchten durch das ganze All. Auge und Licht. Die Ausscheidung des Lichtes (= Tag) von der Finsternis (= Nacht). Das Licht, nicht die Sonne gebiert den Tag.
§ 33
„Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und es sprach Gott: Es werde Licht“. Mit Recht nun war zuvor noch vom Geiste Gottes die Rede, da wo Gottes Wirken seinen Anfang zu nehmen hatte. „Es werde Licht.“ Womit hätte auch Gottes Wort in der göttlichen Schrift beginnen sollen als mit dem Lichte? Womit hätte die Ausschmückung der Welt ihren Anfang nehmen sollen als mit dem Lichte? 44 Sie würde ja umsonst dagewesen sein, wenn sie nicht sichtbar gewesen wäre. Gott selbst war zwar im Lichte, denn „er wohnt in unnahbarem Lichte“, und er „war das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt“: aber er wollte ein Licht schaffen, das auch dem leiblichen Auge wahrnehmbar sein sollte. Wenn ein Familienvater ein Haus zu bauen wünscht, worin sich menschenwürdig wohnen lassen soll, fragt er sich, bevor er noch den Grund legt, woher er ihm Licht zuführen kann. Und das ist sein Hauptschmuck. Fehlt er, mutet das ganze Haus unschön und unwohnlich an. Das Licht ist es, das den sonstigen Schmuck des Hauses erst zur Geltung bringt. ― „Es werde Licht.“ Der lichtvolle Ausdruck selbst deutet nicht erst auf langwierige Vorkehrung, sondern strahlt wider vom Glanze der vollbrachten Tat. Der Schöpfer der Natur sprach „Licht“ und schuf es. Das Wort Gottes ist der Wille (Gottes), das Werk Gottes die Natur. Er schuf das Licht, hellte auf die Finsternis: „Und es sprach Gott: es werde Licht. Und es ward Licht“. Nicht deshalb sprach er, daß die Wirkung (zeitlich) folgen sollte, sondern mit dem gesprochenen Worte vollbrachte er (gleichzeitig) das Werk. Darum die treffende Ausdrucksweise Davids: „Er sprach, da waren sie geschaffen“. Das Vollbringen war die Erfüllung des Wortes. ― Der Schöpfer des Lichtes ist demnach Gott, Ort und Ursache der Finsternis hingegen die Welt. Es sprach aber der gütige Schöpfer in der Weise „Licht“, daß er mit dessen Strahl die Welt erschloß und ihrer Gestalt Schönheit verlieh. Es erstrahlte plötzlich der Luftkreis, und es schwand die Finsternis vor der Helle des neuen Lichtes; der Glanz, der mit einem Mal durch das Weltall flutete, verdrängte und versenkte sie gleichsam in die Abgründe. Schön und einzigartig heißt es darum: „Es ward Licht“. Gleichwie nämlich das Licht im Nu Himmel, Länder und Meere aufhellt und in einem Augenblick, sobald völlig unvermerkt im Glanze des 45 aufgehenden Tages die Lande sich erschließen, rings vor unserem Auge sich ergießt, so sollte auch (der Bericht über) seine Entstehung nur kurz beleuchtet werden. Was Wunder auch, wenn Gott „Licht“ sprach und Licht über der dunklen Welt aufschimmerte? Kann doch schon ein Taucher im Wasser, wenn er aus dem Munde Öl ausfließen läßt, die Dinge, welche die verborgene Tiefe deckte, einigermaßen aufhellen. ― Es sprach Gott nicht so, daß mittels des Stimmorganes ein Ton beim Sprechen lautbar wurde, die Bewegung der Zunge das himmliche Wort formte und der Worte Schall diese Luft traf, sondern so, daß er seinen Willen durch die vollbrachte Tat nach außen zu erkennen gab.
§ 34
“Und er schied das Licht von der Finsternis. Und Gott sah das Licht, daß es gut ist“. Er sprach, und niemand vernahm den Laut einer Stimme; er schied aus, und niemand merkte seines Schaffens Mühe; er sah, und niemand gewahrte seines Auges Blick. ― „Und Gott sah das Licht, daß es gut ist.“ Nicht etwas, was ihm unbekannt war, sah er, und nicht etwas, das er vorher nicht kannte oder nicht gesehen hatte, billigte er; guten Werken ist es vielmehr eigen, daß sie einer äußeren Empfehlung nicht bedürfen, sondern selbst bei ihrem Anblick von ihrer Vortrefflichkeit Zeugnis geben. Mehr besagt die Billigung des Auges als das Lob des Mundes; denn das Auge stützt sich auf das eigene Zeugnis, nicht auf fremde Empfehlung. Wenn nun schon bei uns mittels der Augen, die ein Schauen der anmutvollen Schönheit und der natürlichen Beschaffenheit der Dinge zugleich ermöglichen, ein Urteil sich fällen läßt, wieviel mehr sieht Gott, was er billigt, und billigt er, was er ansieht, nach dem Ausspruch der Schrift: „Des Herrn Augen ruhen auf den Gerechten“. Die Natur des Lichtes ist derart, daß seine ganze Vorzüglichkeit nicht in der Zahl, nicht im Maß, nicht im Gewicht liegt wie sonst ein Vorzug, sondern im Anblick. Mit besonderen Wendungen 46 bezeichnete also (die Schrift) die Natur des Lichtes, das deshalb beim Sehen Gefallen weckt, weil es selbst das Sehen ermöglicht. Und nicht umsonst war ihm ein so berufener Herold beschieden, von dem es mit Recht an erster Stelle Lob erntet, weil es gerade die Vorbedingung für das Lob bildete, dessen auch die übrigen Bestandteile der Welt würdig sind. ― „Gott sah das Licht“ und hellte es mit seinem Blicke auf und sah, „daß es gut ist“. Nicht ein teilweises, sondern ein allseitiges Urteil Gottes liegt hierin: sonach eine Gutheißung der Vorzüglichkeit des Lichtes nicht bloß hinsichtlich seines Glanzes, sondern seiner ganzen Nützlichkeit überhaupt. Darum hat auch die Ausscheidung zwischen Licht und Finsternis statt. Es soll sich zeigen, daß die ausgesonderte Natur des Lichtes mit der der Finsternis nichts gemein hat.
§ 35
[Forts. v. 46 ] * „Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht“*, um auch dem Namen nach Tag und Nacht zu unterscheiden. Wir sehen also, wie augenscheinlich der Aufgang des Lichtes vor dem der Sonne den Tag erschließt: der anbrechende Tag beschließt die endende Nacht, und eine bestimmte Zeitgrenze und beschränkte Dauer des Bestehens ist der Nacht und dem Tag gesetzt. Dem Tage gibt dieSonne den Glanz, das Licht das Sein. Häufig ist der Himmel mit Wolken überzogen, so daß die Sonne verdeckt und kein Strahl derselben sichtbar ist: dennoch zeigt das Licht den Tag an und verscheucht die Finsternis.