§ 1
8 So großem Wahne denn konnten Menschen verfallen, daß einige von ihnen drei Prinzipien alles Seienden aufstellten: Gott, die Idee und die Materie! So Plato und seine Schule. Dieselben seien, versichern sie, unvergänglich, ungeschaffen und anfangslos. Und Gott habe nicht als Schöpfer der Materie, sondern nur als Bildner, dem ein Bild, d. i. die Idee vorschwebte, die Welt aus der Materie, Hyle genannt, gemacht. Diese habe, behaupten sie, für alle Dinge die Entstehungsursache abgegeben. Sogar auch die Welt halten sie für unvergänglich und nicht für geschaffen oder gemacht. Wieder andere ― Aristoteles und seine Schule glaubten diese Anschauung vertreten zu sollen ― nahmen zwei Prinzipien an, Materie und Form, und in Verbindung damit ein drittes, das „wirkende“ genannt, hinlänglich genug das zu verwirklichen, was nach seinem Ermessen ins Werk zu setzen sei.
§ 2
Was wäre nun so ungereimt als ihre (der Philosophen) Verquickung der Ewigkeit der Schöpfung mit der Ewigkeit des allmächtigen Gottes, oder ihre Identifizierung der Schöpfung mit Gott, so daß sie dem Himmel und der Erde und dem Meere göttliche Ehre erwiesen? Die Folge war, daß sie in den Teilen der Welt Gottheiten erblickten, wiewohl über die Welt 9 selbst nicht geringe Meinungsverschiedenheit unter ihnen besteht.
§ 3
[Forts. v. 9 ] Pythagoras nimmt nur eine Welt an. Andere behaupten das Dasein zahlloser Welten, wie Demokrit in seinen Schriften, dem das Altertum die größte Autorität in der Naturwissenschaft zuerkannte. Aristoteles eignet sich den Satz an: Die Welt war und wird immerfort sein. Dem stellt Plato die Behauptung entgegen: Sie hat nicht immer bestanden, wird aber immer fortbestehen. Gar viele Autoren aber treten in ihren Schriften für die Anschauung ein: Sie hat nicht immer bestanden und wird nicht immer bestehen.
§ 4
[Forts. v. 9 ] Wie ließe sich bei diesen widersprechenden Ansichten der wahre Sachverhalt ermitteln? Geben doch die einen die Welt selbst, insofern ihr nach ihrem Dafürhalten anscheinend göttlicher Geist innewohne, für Gott aus, andere die Bestandteile derselben, wieder andere beides zugleich. Da läßt sich doch unmöglich eine Vorstellung gewinnen von der Gestalt der Götter, von deren Zahl, von deren Wohnsitz oder Leben und Treiben. Nach der Welt zu urteilen müßte man sich ja die Gottheit füglich rotierend, rund, lohend, in gewisse Bewegungen versetzt, bewußtlos und fremder Bewegung, nicht der eigenen folgend denken.