Der Tag geht der Nacht voraus. Der Tag als Zeitmaß von 24 Stunden. Sein Ende der Morgen.
§ 36
„Und es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag“. Einige werfen hier die Frage auf, warum die Schrift zuerst den Abend, dann den 47 Morgen erwähnt? Ob sie damit nicht sichtlich die Nacht vor dem Tag bezeichnet? Sie beachten erstens nicht, daß dieselbe im vorausgehenden den Tag voranstellte, wenn sie hervorhebt: „Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht“; ferner nicht, daß der Abend das Ende des Tages und der Morgen das Ende der Nacht ist. Um also dem Tage sein Vorrecht und seinen Vorrang in der Entstehung einzuräumen, nannte sie zuvor das Ende des Tages, auf welchen die Nacht folgen sollte. Dann erst hernach nannte sie beifügend das Ende der Nacht. Undenkbar aber konnte die Schrift der Nacht so den Vorrang vor dem Tage einräumen, daß sie sowohl die Tag- wie Nachtzeit mit der Bezeichnung „Tag“ zusammenfaßte und für die Wahl der letzteren der vorzüglichere Name entscheidend war. Daß auch dies Gepflogenheit der Schrift ist, den Namen auf das Hauptsächlichere zu übertragen, können wir mit zahlreichen Beispielen belegen. So sprach auch Jakob: „Die Tage meines Lebens sind kurz und schlimm“. Und wiederum: „Alle Tage meines Lebens“. Auch David gebraucht die Wendung: „Die Tage meiner Jahre“; er nannte nicht auch die Nächte. Daraus ersehen wir, daß jene Gepflogenheiten, die heute als geschichtliche Tatsachen vorgetragen werden, eine ständige Regel für die Zukunft begründet haben. ― Der Anfang des Tages geht sonach auf Gottes Wort zurück: „Es werde Licht. Und es ward Licht.“ Das Ende des Tages ist der Abend. Unmittelbar auf das Ende der Nacht folgt der nächste Tag. Gottes Ausspruch aber ist klar: er nannte an erster Stelle „das Licht Tag“ und erst an zweiter „nannte er die Finsternis Nacht“.
§ 37
Recht auffallend heißt es auch: „ein Tag“, nicht der „erste Tag“. Es hätte ja (Moses), nachdem ein zweiter und dritter Tag und der Reihe nach die übrigen 48 folgten, „erster“ sagen können ― die Aufzählung schien dies sogar zu verlangen ―; indes wollte er zur Regel machen, daß die vierundzwanzig Stunden des Tages und der Nacht bloß mit dem Namen „Tag“ bezeichnet würden. Er wollte gleichsam sagen: „Vierundzwanzig Stunden sind das Zeitmaß des Tages“. Wie der Stammbaum der Männer zugleich für den der Frauen zählt und gilt, indem das Sekundäre mit dem Primären in eins zusammengefaßt wird, so zählt man auch nur die Tage und läßt die Nächte miteinbegriffen sein. Wie es also nur einen Umlauf gibt, so nur einen Tag. Bezeichnen doch manche eine ganze Woche als einen Tag, insofern sie in sich wie in einen einzigen Tag zurückkehrt, und zwar siebenmal in sich zurückläuft. „Das ist aber das Bild des Kreises: von sich ausgehen und in sich zurückkehren“. Darum spricht auch die Schrift da und dort nur von einer Weltzeit ― denn gebraucht sie auch an anderen Stellen „Welt“ in der Mehrzahl, so scheint sie damit mehr die verschiedenen öffentlichen Stände und Ämter zu bezeichnen, als bestimmte sich abfolgende Weltzeiten zu nennen ―: „Groß ist der Tag des Herrn und herrlich“; und an einer anderen Stelle: „Was fällt euch ein, nach dem Tag des Herrn zu verlangen?“ Auch da gibt es Finsternis, nicht bloß Licht; denn es ist klar, daß für Leute mit schlechtem Gewissen und für Unwürdige jener Tag voll Finsternis ist. Die Unschuld wird an ihm leuchten, der straffällige Geist Qual erleiden. Im übrigen lehrt uns die Schrift, daß jener unvergängliche Tag der ewigen Vergeltung ohne nächtliche Unterbrechung und wiederkehrende Finsternis fortdauern wird.
§ 38
Sinnig aber ließ (Moses), nachdem er einmal die beiden wechselnden Zeiten als einen Tag bezeichnen wollte, letzteren mit dem Morgen bechließen, um zu zeigen, wie der Tag mit Licht anfängt und in Licht endigt; denn erst mit dem Ende ist die volle Frist des 49 Tages und der Nacht gegeben. ― So laßt denn auch uns stets „wie am Tage ehrbar wandeln“ und „ablegen die Werke der Finsternis!“ Zur leiblichen Ruhe, wie wir wissen, ist die Nacht gegeben, nicht zur Verrichtung eines Geschäftes oder Werkes: in Schlaf und Vergessen bringt man sie zu. Fern sei von uns Schmauserei und Trunkenheit, Beilager und Unzucht! Sprechen wir nicht: „Die Finsternis und die Wände decken uns“, und wer weiß, ob des Höchsten Auge es gewahren wird? Nein, Liebe zum Lichte und Streben nach Ehrbarkeit bleibe in uns! Am Tage wandelnd laßt uns trachten, daß unsere Werke leuchten vor Gott, dem Ehre, Lob, Ruhm und Macht ist mit unserem Herrn Jesus Christus und dem Heiligen Geiste von Ewigkeit und jetzt und immerdar und in alle Ewigkeiten. Amen.