Die Schöpfung kraft des göttlichen Willens ein einheitlicher Organismus. Der Schöpfer der Materie ihr Bildner. Maßstab für die Beurteilung der Schöpfung ist nicht sophistische Scheinwahrheit, sondern die Regel der Schriftwahrheit: nicht Menschenauge, sondern Gottesauge.
§ 1
50 Den ersten oder vielmehr „einen Tag“ ― die Prärogative der prophetischen Bezeichnung soll ihm gewahrt bleiben ― haben wir, so gut wir’s konnten, erledigt. An ihm ward, wie wir gesehen haben, durch die Schöpfungstat des allmächtigen Gottes und des Herrn Jesus Christus sowie des Heiligen Geistes der Himmel gegründet, die Erde erschaffen, darüber die Fülle des Wassers und die Luft ringsum ausgegossen, die Ausscheidung des Lichtes und der Finsternis vollzogen. Wer nun sollte sich nicht wundern, wie die infolge der ungleichen Bestandteile ungleichartige Welt zu einem einheitlichen Organismus erstehen und so Verschiedenartiges kraft eines unlöslichen Gesetzes der Eintracht und Liebe zu einem festen Verbande und Gefüge gegenseitig sich zusammenschließen konnte, so daß Dinge von ganz verschiedener Natur, als gehörten sie unzertrennlich zusammen, zu einem Bund der Eintracht und des Friedens verknüpft sind? Oder wer hättte angesichts derselben mit seiner schwachen Vernunfterkenntnis solches auch nur für möglich gehalten? Und doch hat die dem Menschengeiste unfaßbare und für unser Menschenwort unaussprechliche göttliche Macht dies alles kraft ihres Willens zusammengeordnet.
§ 2
51 Gott nun hat den Himmel und die Erde geschaffen und als Urheber mit seinem Befehlswort ins Dasein gerufen: nicht Bildner ihrer Form, sondern Schöpfer ihrer Natur. Wie könnten denn auch die unveränderliche schöpferische Kraft Gottes und die veränderliche Natur der Materie ineinander wirken, gleichsam voneinander entlehnend, was ihnen gebricht? Denn ist die Materie unerschaffen, hat folgerichtig Gott in sichtlicher Ermangelung der Schöpfergewalt über die Materie von dieser das Substrat für sein Schaffen entlehnt. War sie aber ungestaltet, ist es mehr als wunderlich, daß die mit Gott gleichewige Materie sich nicht selbst die Ausstattung geben konnte, nachdem sie ihre Substanz nicht von einem Schöpfer empfing, sondern in zeitloser Dauer selbst besaß. Der Schöpfer des Alls hatte darnach mehr vorgefunden denn verliehen: vorgefunden die Materie, um an sie Hand anlegen zu können, verliehen aber die Form, die den vorgefundenen Dingen Schönheit geben sollte.
Der „eine Tag“ ist nun als solcher von den übrigen auszunehmen und nicht als „erster Tag“ mit den übrigen auf gleiche Stufe zu stellen; denn an ihm wurden die Grundfesten aller Dinge gelegt und nahmen jene Ursachen ihren Anfang, auf welchen der Bestand dieser Welt und der ganzen sichtbaren Schöpfung beruht. ― So mag denn unser Vortrag an die Wunderwerke des zweiten Tages herantreten, deren Großartigkeit nicht nach unserem Darstellungsvermögen, sondern nach der Schrift zu Gottes Preis zu beurteilen ist.
§ 3
Euch nun bitte ich, das, was wir glaubhaft aussprechen, gütigst im natürlichen Sinn verstehen und mit Herzenseinfalt und geistigem Interesse überdenken zu wollen, nicht nach Maßgabe philosophischer Schulmeinungen und „eitlen Trugs“, die mit ihren Schlüssen nur den Schein des Wahren wecken, sondern nach Maßgabe der Wahrheitsregel, die in den Aussprüchen des Gotteswortes vorliegt und mit der Betrachtung ihrer 52 so wunderbaren Erhabenheit den Herzen der Gläubigen sich einsenkt. Denn so steht geschrieben: „Befestige mich in Deinen Worten!“ „Die Ungerechten erzählten mir ihre Gepflogenheiten, aber nicht wie Dein Gesetz, o Herr: nur Deine Gebote alle sind Wahrheit“. Also nicht die Natur der Dinge selbst, sondern Christus, der in der Überfülle seiner Gottheit alles, was er wollte, geschaffen, soll uns maßgebend sein für die Beurteilung der Geschöpfe und die Frage, was die natürliche Kraft zu leisten vermag. So fragte, als er im Evangelium einen Aussätzigen heilte und Blinden das Augenlicht wiederschenkte, das Volk, das zugegen war und es sah, nicht lange nach den Regeln der Heilkunst, sondern bewunderte die Macht des Herrn und „lobte Gott“, wie geschrieben steht. Auch den Moses bestimmten nicht die Zahlenkünste der Ägypter oder die Konstellation der Gestirne oder die Bemessungen der Elemente, daß er seine Hand ausstreckte, das Rote Meer zu teilen, sondern der Gehorsam gegen den göttlichen Machtbefehl. Darum bekennt er selbst: „Deine Rechte, Herr, ward verherrlicht in Macht; Deine Rechte, Herr, schlug nieder die Feinde“. Dorthin, heiliges Volk, erhebe also deinen Geist, dahin lenke all’ deinen Sinn! Nicht so wie des Menschen Auge sieht Gottes Auge. Gott sieht ins Herz, der Mensch ins Gesicht. Und nicht so wie Gottes Auge sieht sonach des Menschen Auge. Du vernimmst, wie Gott sah und guthieß: So miß denn die geschaffenen Dinge nicht nach deinem Augenmaß und beurteile sie nicht nach deinem Dafürhalten, glaube vielmehr, was Gott sah und guthieß, nicht nachprüfen zu sollen.