Mystische Erklärungen: die Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater; Gen 1,10 von der Gutheißung (Lob) der Schöpfung durch Gott, nicht von einem Mangel seiner Allwissenheit zu verstehen. Moralische Anwendungen: Gottes Urteil maßgebend für die Beurteilung der Schöpfung und des Schöpfers; Gottes Wissen und Können das menschliche in Schatten stellend.
§ 18
“Und Gott sah, daß es gut sei“. Es schafft der Sohn, was der Vater will; es lobt der Vater, was der Sohn schafft. Keine Spur von einer unebenbürtigen Natur im letzteren, nachdem dessen Werk nicht unebenbürtig hinter dem des Vaters zurückbleibt. „Er sah“ ― doch nicht mit leiblichem Auge sah er hin, er gab vielmehr nur bestimmt zu verstehen, wie es der Fülle seiner Gnade angemessen war, daß mir sein Urteil hierüber bekannt würde. Wir unserseits pflegen ja auch über göttliche Dinge Erörterungen anzustellen. Und was Wunder, wenn Leute, die über den Ursprung des Schöpfers selbst Fragen aufwerfen, imstande sind, auch an der Schöpfung zu nörgeln? Sie fordern ihn vor die Schranken ihres Urteils und suchen ihn für ungleichartig und unebenbürtig zu erklären. Darum liest man sowohl: „Gott sprach“ als auch: „Gott schuf“. Mit dem gleichen Hoheitstitel werden Vater und Sohn ausgezeichnet. „Und es sah Gott, daß es gut sei.“ „Er sprach“ wie zu einem, der alles wußte, was der Vater wollte, und „er sah“ wie einer, der alles wußte, was der Sohn 69 tat und in gemeinschaftlichem Wirken mit ihm vollführte.
§ 19
„Gott sah, daß es gut sei.“ Er gelangte damit nicht etwa zur Kenntnis von etwas, was er noch nicht wußte, sondern hieß gut, worauf sein Wohlgefallen ruhte. Nicht ein unbekanntes Werk fand sein Wohlgefallen, wie auch der Vater nicht unbekannt war, der am Sohne sein Wohlgefallen hatte; denn so steht geschrieben: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“. Es kennt aber der Sohn immerdar den Willen des Vaters und der Vater den des Sohnes; und es hört der Sohn immerdar den Vater und der Vater den Sohn kraft der Einheit der Natur, des Willens und der Wesenheit. Bezeugt es doch der Sohn selbst in seinem Evangelium, indem er zum Vater spricht: „Ich wußte es, daß Du mich allzeit hörst“. Denn es ist der Sohn „das Bild des unsichtbaren Gottes“. Alles, was der Vater ist, prägt der Sohn als Bild aus; alles, was er ist, macht er uns als „Abglanz seiner Herrlichkeit“ klar und offenbar. Es schaut der Sohn das Wirken des Vaters, wie umgekehrt der Vater das des Sohnes. So hat es der Herr selbst erklärt: „Es kann der Sohn nichts aus sich tun, außer was er den Vater tun sieht“. Er sieht sonach den Vater wirken und sieht ihn im Verborgenen seiner unsichtbaren Natur und hört ihn desgleichen. So spricht er denn: Wie ich’s höre, so richte ich auch „und mein Gericht ist wahr; denn ich bin nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesendet hat“.
§ 20
Dies der mystische Sinn. Der moralische ist der: Mir zunutze „sah er“, mir zunutze „hieß er gut“. Was Gott guthieß, darfst du nicht schelten; denn du erinnerst dich der Schriftmahnung an dich: „Was Gott 70 rein erklärt, nenn du nicht gemein“. Niemand lästere also das, was vor Gott gut ist! Und wenn schon die Himmelsveste gut ist, wieviel mehr ist ihr Schöpfer gut, wenn es auch den Arianern nicht gefällt, die Eunomianer dagegen Einspruch erheben, der entarteten Wurzel noch mindere Frucht.
§ 21
[Forts. v. 70 ] „Es sah Gott, daß es gut sei.“ Künstler pflegen erst die einzelnen Teile fertigzustellen und dann in entsprechender Zusammenstellung miteinander zu verbinden: so Meister, welche menschliche Büsten oder Gestalten aus Marmor meißeln oder aus Erz formen oder aus Wachs prägen. Sie wissen indes nicht, wie möglicherweise die einzelnen Glieder zueinander harmonieren werden, und welchen Genuß die künftige Verbindung bieten wird. Daher getrauen sie sich entweder noch gar kein Lob oder nur ein teilweises auszusprechen. Gott hingegen, der das Künftige vorausweiß, spendet als der berufene Beurteiler des Universums der in den ersten Anfängen begriffenen Schöpfung, als wäre sie schon vollendet, sein Lob, indem sein Wissen dem Schluß der Schöpfung vorauseilte. Kein Wunder. Beruht doch bei ihm die Vollendung eines Dinges nicht in einem letzten Handanlegen ans Werk, sondern in der Vorherbestimmung seines Willens. Sein Lob gilt dem Einzelnen, insofern es zum künftigen Ganzen paßt, sein Lob gilt dem Ganzen, insofern es aus prächtigen Einzelheiten sich zusammensetzt. Denn darin besteht die wahre Schönheit, daß in den einzelnen Gliedern wie im Ganzen die erforderlichen Bedingungen eingelöst sind: dem Einzelnen muß Zierlichkeit, dem Ganzen entsprechende Formvollendung nachgerühmt werden können.
§ 22
Doch zum Schluß jetzt mit dem zweiten Schöpfungstag, damit wir nicht, während wir den Schöpfungsbau der Himmelsveste emporführen, die Zuhörer durch zu langes Reden mehr und mehr entkräften und der 71 Vortrag damit, daß er sich in die Nacht hineinzieht, die noch des Mond- und Sternenlichtes entbehrt ― noch sind ja die „Leuchten am Himmel“ nicht erschaffen ―, über die Heimkehrenden Finsternis heraufführe: zugleich aber auch, damit der Leib an Speise und Trank sich labe, daß nicht das schwache Fleisch sich beschwere über das noch in die Nacht hineindauernde Fasten, während die Seele in Genüssen schwelge.