Das unvernünftige Wasser Vorbild des Gehorams für den vernünftigen Menschen. Der eine Sammelort des Wassers Typus der einen Kirche; seine Sammlung von überallher Typus ihres Universalismus: die “Meere und Ströme” das gläubige Volk.
§ 1
Der dritte Schöpfungstag wird uns im heutigen Vortrag geboren. Schon hat er aufgeleuchtet in der Schriftlesung, der herrliche Tag, der die Erde vor dem Untergang rettete, indem Gott sprach: “Es sammle sich das Wasser, so unter dem Himmel ist, an einen Sammelort“. Hiervon nun mag die Einleitung ihren Ausgangspunkt nehmen. „Es sammle sich das Wasser“, so ward gesprochen: und es sammelte sich. So wird auch oftmals gesprochen: „Es sammle sich das Volk“: und es sammelt sich nicht. Es ist keine kleine Schande, daß die Elemente, die keinen Verstand haben, dem Befehle Gottes gehorchen, und die Menschen, denen eben der Schöpfer den Verstand verliehen hat, nicht folgen. Nun, vielleicht war diese Schande Anlaß, daß ihr heute besonders zahlreich euch eingefunden habt, damit nicht auch am heutigen Tage, da „das Wasser an einen Sammelort sich sammelte“, das Volk nicht gesammelt erscheine zur Kirche des Herrn.
§ 2
Wir haben hier nicht das einzige Beispiel dafür, daß das Wasser sich unterwürfig erweist. Denn auch 73 an einer andern Stelle steht geschrieben: „Es sahen Dich die Wasser, o Gott, es sahen Dich die Wasser und erschraken“. Es ist nämlich nicht unwahrscheinlich, daß wirkliches Wasser gemeint ist, nachdem auch anderen Orts der Prophet desgleichen spricht: „Das Meer sah es und floh, der Jordan wendete sich zurück“. Wer wüßte denn nicht, wie es sich als wahre Begebenheit zugetragen hat, daß beim Durchzug der Hebräer das Meer floh. Da die Flut sich teilte, zog das Volk staubtrockenen Fußes hindurch im Glauben, es sei das Meer entschwunden, die Flut entflohen. So glaubte es denn auch der Ägypter und zog hinein: doch da kehrte zu seinem Verderben die entflohene Flut wieder. Es wußte also das Wasser sich zu sammeln, zu fürchten, zu fliehen, sobald Gott es befahl. Dieses Wasser laßt uns nachahmen und nur „eine Sammlung“ des Herrn, die eine Kirche, kennen!
§ 3
Es sammelte sich dahier einstens Wasser aus jedem Tal, aus jedem Sumpf, aus jedem See. Ein Tal bedeutet die Irrlehre, ein Tal bedeutet das Heidentum; denn Gott ist „ein Gott der Berge, nicht der Täler“. So herrscht auch nur in der Kirche froher Jubel, in Häresie und Heidentum Tränen und Trauer. Daher das Wort: „Er traf Anordnung im Tale der Tränen“. So sammelte sich also aus jedem Tale das katholische Volk. Keine Vielzahl von Sammlungen gibt es mehr, sondern nur „eine Sammlung“; die eine Kirche. Hier erging das Wort: „Es sammle sich das Wasser aus jedem Tale“. Und es entstand eine Sammlung geistlicher Art, es entstand ein Volk. Aus Irr- und Ungläubigen füllte sich die Kirche. Eine Talestiefe ist das Theater, eine Talestiefe die Rennbahn, wo „trügerisch das Roß zum Siege läuft“, wo nichtiger, verwerflicher Wettstreit, wo das häßliche Zerrbild des Kampfes sich darbietet. Auch aus solchen Kreisen nun, die dem Zirkus 74 sich hinzugeben pflegten, gewann der Glaube der Kirche Zuwachs, gewinnt täglich der Gläubigen Schar Mehrung.
§ 4
[Forts. v. 74 ] Einen Sumpf bedeutet die Völlerei, einen Sumpf die Unmäßigkeit, einen Sumpf die Unenthaltsamkeit. Darin wälzen sich die bösen Lüste, wird vernehmlich tierisches Grunzen, birgt sich das Versteck der Leidenschaften; da sinkt unter, wer immer hinein gerät, und taucht nicht mehr auf; da gleitet aus des Fußes Tritt und gerät ein jeder beim Gehen auf entweichenden Grund; da beschmutzt sich das Bläßchen, wenn es sich badet; da tönt darüber der Tauben klagendes Gurren; da klebt auf morastischem Grund die faule Kröte. Daher denn (die Wendungen): „der Eber im Sumpf“, „der Hirsch an der Quelle“. Aus jedem Sumpfe nun, worin gleichsam die Frösche „ihr altes Klagelied leierten“, sammelte sich der Glaube, sammelte sich des Herzens Reinheit und des Geistes Einfalt.
§ 5
Es sammelte sich das Wasser aus jedem See und aus jeder Grube. Niemand soll daher seinem Bruder eine Grube graben, in die er selbst fallen würde, sondern alle sollen einander lieben, alle einander hegen und pflegen, und wie ein Leib die verschiedenen Glieder sich gegenseitig stützen. Nicht an den todträufelnden Liedern der Komödianten auf der Bühne, die den Geist verweichlichend zu sinnlicher Liebe entfachen, sondern an den gemeinsamen Kirchengesängen, an der zu Gottes Lob gemeinsam erschallenden Stimme des Volkes und am frommen Leben sollen sie ihre Freude haben. Nicht Purpurstoffe, nicht kostbare Draperien sollen ihnen Augenweide sein, sondern dieser wunderschöne Weltbau, diese Verbindung einander entgegengesetzter Elemente, der Himmel, der wie ein Gewölbe ausgespannt ist, daß er die Bewohner auf dieser Welt schützend 75 decke, die Erde, die uns zum Schaffen gegeben wurde, die ringsum ausgegossene Luft, die eingeschlossenen Meere, das Volk hier, das Instrument in der Meisterhand Gottes, das von den melodischen Klängen des Gotteswortes widertönt, in dessen Innerem Gottes Geist wirkt, der Tempel hier, das Heiligtum des dreieinigen Gottes, die Stätte der Heiligkeit, die heilige Kirche, worin himmlische Prachtstoffe schimmern, auf welche sich das Wort bezieht: „Weite den Raum deiner Zelttücher und deiner Vorhänge, festige sie, spare nicht, mache länger deine Seile und fest deine Pflöcke, erweitere sie noch mehr gen rechts und links: und deine Nachkommenschaft wird als Erbe die Völker besitzen und verödete Städte wirst du bewohnen“. So besitzt sie denn Prachtstoffe zum Schmuck des sittlichguten Lebens, zur Zudeckung der Sünden, zur Verhüllung der Schuld.
§ 6
[Forts. v. 75 ] Das ist die Kirche, die „auf Meere gegründet und auf Ströme gestellt ist“. Über euch nämlich ist sie gefestigt und gestellt, die ihr wie Ströme rein aus klarem Quell ihr zueilt; von denen gesprochen ward: „Es erheben Ströme, o Herr, es erheben Ströme ihre Stimmen mehr denn das Brausen vieler Wasser“, und dazu: „Wunderbar ist die Hochflut des Meeres, wunderbar in der Höhe der Herr“. Herrliche Ströme! Ihr tranket aus jenem unversieglichen und vollen Quell, dessen Flut ihr strömt; der euch zuruft: „Wer an mich glaubt, in dessen Innerem werden, wie die Schrift sich ausdrückte, Ströme lebendigen Wassers fließen. Dies sagte er aber von dem Geiste, welchen jene empfangen sollten, die an ihn glauben würden“. Doch als echte Jordanfluten zurück nun mit mir zum Ausgang!