Feineres Obst durch stärkeres Blattwerk geschützt. Zweckmäßigkeit und Schönheit des Rebenblattes, des Siegespreises über der Traubenfrucht; Form und Zweckmäßigkeit des Feigenblattes, Verschiedenheit der Blätter.
§ 58
120 Um indes die Rede wiederum auf das gewöhnliche Obst zu bringen, so gibt es teils Sorten, die an der Sonne reifen, teils Sorten, welche in Schalen und Hülsen verschlossen zur Vollreife gelangen. Äpfel und Birnen, desgleichen sämtliche Traubensorten, sind offen der Sonne ausgesetzt, Wal- und Haselnußfrucht sowie der Fruchtkern der Pinie durch Schale und Schuppenhülse verdeckt. Gleichwohl bedarf auch ihre Frucht der Sonnenwärme, und so sehr die Pinienfrucht im tiefen Schatten der Pinie sich birgt, so sehr bedarf sie doch der nährenden Sonnenwärme.
§ 59
Wie groß ferner ist des Herrn Vorsehung, daß da, wo eine feinere Frucht heranreift, dichtes Blattwerk dem Obst eine stärkere Schutzhülle beut, wie wir es bei der Feigenfrucht beobachten! Zartere Dinge bedürfen eines stärkeren Schutzes; so lehrt es der Herr selbst, wenn er durch Jeremias beteuert: „Wie diese gute Feigenfrucht will ich die Gefangenen aus Juda, die ich in das Land der Chaldäer wegführen ließ, wieder anerkennen zum Guten und meine Augen heften auf sie zum Guten“. Als etwas Zartes umgab sie der Herr mit der starken Hülle seiner Barmherzigkeit, daß die zarte Frucht nicht vorzeitig zugrunde ginge. So spricht er denn auch im folgenden von ihnen: „Meine Zarten wandelten rauhe Wege“. Und nachher mahnt er sie: „Seid standhaft, Kinder, und rufet zum Herrn!“ Das 121 allein ist das unverwüstliche Deckblatt, die undurchdringliche Schutzhülle wider alle Stürme und Unbilden. Wo also zarte Frucht, dort stärkere Hülle, stärkerer Schutz der Blätter. Aber auch umgekehrt: wo kräftigere Frucht, dort zartere Blätter, wie der Apfelbaum es zeigt. Denn ein kräftigerer Apfel bedarf nicht viel der schirmenden Hülle. Gerade die allzu dichte dunkle Hülle könnte dem Apfel mehr schaden.
§ 60
Das Rebenblatt mag uns sodann über die Schönheit der Natur und über die inneren Geheimnisse der göttlichen Weisheit aufklären. Wir sehen es nämlich so gespaltet und geteilt, daß es eine dreiblätterige Form aufzuweisen scheint. So tief ist das Mittelstück eingeschnitten, daß es, würde es nicht mit dem unteren Teile noch zusammenhängen, dem Beschauer wie abgetrennt erschiene. Das aber ist sichtlich die natürliche Zweckbestimmung, die damit gewahrt ist: einerseits der Sonne leichteren Zutritt zu verschaffen, andrerseits schützenden Schatten zu gewähren. Sodann ist das Mittelstück etwas länglich gestreckt und verjüngt sich oben an der Spitze, so daß es mehr den Eindruck eines Zierstückes als Deckblattes macht. Es scheint nämlich der Form nach einen Siegespreis darzustellen, sinnbildend, daß der Traube unter allen Hängefrüchten der Vorrang gebührt. Durch einen stillen Schiedsspruch der Natur, der sich aber deutlich verrät, trägt sie von Haus aus das Bild und Merkmal des Sieges an sich. So führt sie denn ihren Siegespreis (das Blatt) mit sich: er gewährt ihr einerseits gleicherweise Schutz gegen die Unbilden der Luft wie gegen heftigen Regen, setzt ihr andrerseits kein Hindernis für die Aufnahme von Sonnenwärme, aus deren milden Strahl sie Nahrung, Farbe und Wachstum zieht.
Fast genau so wie das Rebenblatt ist auch das Feigenblatt vierteilig eingeschnitten, was umso deutlicher in die Augen springt, je größer das Blatt ist. Freilich weist weder der ganze Rand noch die Spitze die zierliche Form des Rebenblattes auf. Wie nämlich das Feigenblatt durch kräftigere Dicke sich auszeichnet, so das Rebenblatt durch elegantere Form. Die 122 Dickblätterigkeit dient dazu, Witterungsunbill abzuwehren, der Blatteinschnitt dem Fruchtsegen Wärme zu fächeln. So ist denn diese Obstart nicht leicht Hagelschauer ausgesetzt, leicht doch der Reife zuführbar; denn sie ist ungünstigen Einflüssen ebenso verschlossen, wie sie günstigen offen steht.
§ 61
[Forts. v. 122 ] Was sollte ich denn die Verschiedenheit der Blätter beschreiben, wie sie bald rundlich, bald länglich, bald biegsam, bald steifer sind, teils bei keinem Sturme abfallen, teils schon bei leichter Luftbewegung abgeschüttelt werden?