Die wunderbare Schönheit des Meeres. Sein “Gut sein” (Gen 1,10) beruhend in der Übereinstimmung mit dem Schöpferwillen. Der Nutzen des Meeres.Die Inseln des Meeres Asyle der christlichen Vollkommenheit (Anachoretentum). Das Meer ein Bild der Kirche. Vom kirchlichen Volksgesang. Predigtschluß.
§ 20
* „Und Gott sah, daß es gut war.“* Wir verhehlen uns nicht, daß nach der Ansicht einiger Ausleger weder im Hebräischen noch in sonstigen Übersetzungen steht: „Es sammelte sich das Wasser an seine Sammelorte, und es kam zum Vorschein das Trockene. Und es nannte Gott das Trockene Erde, und die Sammlungen der Wasser nannte er Meere“. Nachdem Gott einmal gesprochen: „und also ward es“, dünkt ihnen nämlich dieses Schöpferwort für hinlänglich genug, um das Schöpfungswerk als vollendet anzuzeigen. Doch da er auch bei den übrigen Schöpfungswerken sowohl den genauen Wortlaut des Schöpfungsbefehles, als auch eine wiederholte Andeutung bezw. Konstatierung des Schöpfungsvollzuges bringt, halten auch wir den 89 angeblichen Zusatz nicht für ungereimt, mag man auch den gelehrten Einwand machen, es sprächen Wahrheit und Autorität mehr zugunsten der übrigen Übersetzungen; nicht umsonst nämlich stoßen wir auf die vielerlei Zusätze und Ergänzungen aus der Hand der Siebzig Männer (Septuaginta) zum hebräischen Text.
§ 21
Gott nun sah, daß das Meer „gut war“. Wohl ist der Anblick dieses Elementes schön, wenn schimmernde Wogenberge und -kämme darin sich türmen und die Riffe von schneeweißem Gischte traufen, oder wenn es über seiner Wasserfläche, die vor sanftem Windeswehen sich kräuselt und freundlich blinkt, seiner heiteren Ruhe purpurfarbene Pracht aufleuchten läßt, die so oft von ferne das Auge des Beschauers entzückt, wenn es nicht mit gewaltigen Wogen an die nahen Ufer schlägt, sondern sie gleichsam in friedlicher Umarmung umfängt und grüßt. Wie süß ist da sein Tönen, wie lieblich sein Wellenschlag, wie traut und melodisch sein Wogenrauschen! Gleichwohl glaube ich, daß (oben) nicht der (Meeres-) Schöpfung Schönheit nach Maßgabe der Augen eingeschätzt, sondern bestimmt hervorgehoben werden sollte, daß sie dem Schöpfungszwecke gemäß mit dem Urteile des Schöpfers übereinstimmt und harmoniert.
§ 22
Gut nun ist das Meer, vor allem weil es das Festland mit der nötigen Feuchtigkeit versorgt, indem es ihm wie mittels eines Adernetzes unversehens den wahrlich nicht unnützen Lebenssaft zuleitet. Gut ist das Meer: der gastliche Schoß der Flüsse, die Quelle des Regens, die Ablagerung des Alluvialbodens, die Einfuhrstraße für den Handel, die Verbindungsbrücke zwischen den entlegenen Völkern, der Wehrwall gegen Kriegsgefahren, die Sperre wider der Barbaren Wut, die Hilfe in Nöten, die Zuflucht in Gefahren, das reizende Ziel für Vergnügungsfahrten, das Heilbad zur Genesung, 90 die Verbindungsstraße für Getrennte, die bequeme Route zum Reisen, der Rettungspfad für notleidende Auswanderer, die Einnahmequelle von Zöllen, die Lebensmittelzufuhr im Fall einer Mißernte. Aus dem Meere stammt der Regen, der zur Erde niederströmt; aus dem Meere wird ja durch die Sonnenstrahlen das Wasser absorbiert und, was an ihm leicht befunden wird, fortgeführt. Sodann, je höher es emporgetragen wird, umso mehr verdichtet es sich in der Schattenkühle der Wolken und wird zu Regen, der nicht nur der Dürre der Erde Einhalt tut, sondern auch die dürstenden Gefilde befruchtet.
§ 23
Was sollte ich die Inseln aufzählen, die das Meer so vielfach wie Perlenschmuck im Kleidessaum birgt? Worauf jene, welche den Lockungen der Weltlust entsagen, in treuer Befolgung ihres Vorsatzes der Enthaltsamkeit lieber ein weltverborgenes Leben führen und den gefährlichen Abwegen dieses Lebens ausweichen? So ist also das Meer ein stilles Heim der Enthalssamkeit, eine Schule der Entsagung, ein Asyl des Lebensernstes, ein Port der Sicherheit, eine Stätte der Ruhe im Diesseits, ein Verzicht auf diese Welt, sodann ein Ansporn der Frömmigkeit für die gläubigen und frommen Männer, so daß mit dem Rauschen der Wogen, die sanft ans Ufer schlagen, der Sang der Psalmenbeter wetteifert, die Inseln mit dem friedlichen Reigen der heiligen Fluten freudig einstimmen und von den Lobgesängen der Heiligen widerhallen. Wie wäre es mir möglich, die ganze Schönheit des Meeres zu ergründen, wie sie der Schöpfer schaute? Wozu auch mehr? Was anders bedeutet jenes melodische Rauschen der Wogen als den melodischen Sang des Volkes? Passend vergleicht man darum so häufig die Kirche mit dem Meere. Erst speit sie mit dem scharenweise eintretenden Volke ihre Fluten über alle Eingänge; sodann erbraust sie beim (gemeinsamen) Gebete des ganzen Volkes wie vor hin- und wiederflutenden Meereswogen, so oft im Wechselsang der Psalmen der Sang der Männer, Frauen, Jungfrauen und Kinder ― ein melodisches 91 Wogenrauschen ― widerhallt. Wozu sollte ich denn auch das noch hervorheben, daß ihre (Tauf-) Flut die Sünde wegspült und des Heiligen Geistes heilwirkender Hauch darin weht?
§ 24
[Forts. v. 91 ] Das verleihe uns der Herr: Glückliche Fahrt bei günstigem Winde, Landung im sicheren Porte, Verschontbleiben von Anfechtungen der bösen Geister, die unsere Kräfte übersteigen. Freibleiben von Schiffbruch im Glauben, den Besitz tiefen Friedens und, sollte je ein Fall die dräuenden Fluten dieser Welt wider uns erregen, den Herrn Jesus als Steuermann, der für uns wacht, mit seinem Worte gebeut, den Sturm stillt, die Ruhe des Meeres wiederherstellt! Ihm ist Ehre und Ruhm, Lob und Unsterblichkeit von Ewigkeit und jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit der Ewigkeiten. Amen.