§ 49
[Forts. v. 110 ] Wahrlich du weißt: wie mit der Blume die Vergänglichkeit, so teilst du mit dem Weinstock die Freude. Von ihm kommt der Wein, an dem des Menschen Herz sich freut. O daß du, o Mensch, ein derartiges Vorbild nachahmen möchtest, um auch selbst dir der Freude und des Frohsinns Frucht zu ziehen! In dir selbst ruht die Süßigkeit deiner Lust und Wonne, aus dir blüht sie hervor, in dir verbleibt sie, in deinem Inneren besitzest du sie, in dir selbst hast du den Frohsinn deines Gewissens zu suchen. Darum die Aufmunterung: „Trink Wasser aus deinen eigenen Gefäßen und aus deiner Brunnen Quellen!“
111 Allererst gibt es nichts Lieblicheres als den Duft eines blühenden Weinstocks: gibt doch der aus der Blüte reifende, gekelterte Saft einen Trank, der dem Genuß und der Gesundheit zugleich frommt. Sodann, wer müßte nicht staunen, wie aus dem Weinbeerkern ein Rebstock bis zur vollen Wipfelhöhe eines Baumes hervorsproßt, letzteren sozusagen kosend umfängt, wie mit Händen umklammert und mit Armen umschlingt, mit Rankenlaub kleidet, mit Traubengewinden kränzt? Ein Vorbild unseres Lebens senkt er zuerst die lebenskräftige Wurzel in den Boden, umfaßt sodann, weil er von Natur schwächlich und hinfällig ist, wie mit Armen alles, was er erreicht, rankt sich daran empor und schwingt sich in die Höhe.
§ 50
Ihm gleicht das Volk der Kirche, das gleichsam mit des Glaubens Wurzel gepflanzt und mit der Demut Senker gezogen wird; von dem der Prophet so schön spricht: „Einen Weinstock siedeltest Du aus Ägypten herüber und pflanztest seine Wurzeln, und vollbedeckt ward das Land. Berge überdeckte sein Schatten und seine Zweige die Zedern Gottes. Er dehnte seine Ranken bis an das Meer und bis an den Strom seine Schößlinge“. Und durch Isaias [Jesaja] hat der Herr selbst gesprochen: „Ein Weinberg ward meinem Lieblinge auf der Höhe an ergiebiger Stelle. Und ich führte eine Mauer und führte einen Graben um den Sorekweinberg herum und erbaute einen Turm in seiner Mitte“. Wie mit einem Walle umgab er ihn nämlich mit himmlischen Geboten und mit der Engel Hut. Denn „lagern wird sich der Engel des Herrn rings um jene, die ihn fürchten“. Er stellte in die Kirche sozusagen den Turm der Apostel, der Propheten und Lehrer, welche die Friedenswehr der Kirche zu sein pflegen. „Er zog einen Graben um sie herum“, als er von ihr den 112 schwerlastenden Wust der irdischen Sorgen nahm; nichts belastet ja den Geist mehr als die weltliche Sorge und die Sucht sei es nach Geld- oder sei es nach Machtbesitz. Den Beweis hierfür hast du im Evangelium, wenn du liest, wie jene Frau, welche den Geist der Schwachheit hatte, zusammengekrümmt war, so daß sie nicht aufzublicken vermochte. Gekrümmt war nämlich ihre Seele, weil sie auf irdischen Gewinst gerichtet war und den Blick für die himmlische Gnade verloren hatte. Da sah Jesus das Weib an und rief es, und sogleich entledigte es sich des Irdischen, das sie beschwerte. Mit solchen irdischen Gesinnungen waren auch, wie er zeigt, jene belastet, zu welchen er sprach: „Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich werde euch erquicken“. So atmete und richtete sich denn die Seele jener Frau von neuem auf, nachdem so gleichsam um sie gegraben war.
§ 51
Doch der nämliche Weinstock wird, nachdem er rings umgraben ist, auch in die Höhe gebunden, daß er nicht zur Erde niederhänge. Die Rebzweige werden teils zurückgeschnitten, teils wachsen gelassen: zurückgeschnitten werden die Schößlinge, die zwecklos treiben und wuchern; wachsen gelassen jene, die der kundige Pflanzer für triebkräftig hält. Was soll ich des näheren hinweisen auf die Pfahlzeilen und die zierliche Rankenbindung? Sie gemahnen wahr und klar an die Gleichheit, die in der Kirche festzuhalten ist. Kein Reicher und Hochgestellter darf sich da überheben, kein Armer verächtlich und kein Niedriger wegwerfend von sich denken. Allen fromme in der Kirche die gleiche und eine Freiheit, allen widerfahre die gemeinsame Gerechtigkeit und Gnade! Darum der Turm in ihrer Mitte. Er soll rings in die Runde das Beispiel von jenen Landleuten, von jenen Fischern hinaustragen, die der Tugenden Feste zu behaupten das Verdienst hatten. An ihrem Beispiele soll unsere Gesinnung sich aufrichten und 113 nicht niedrig und verächtlich am Boden haften, eines jeglichen Geist soll vielmehr sich emporschwingen, um das kühne Wort nachzusprechen: „Unser Wandel aber ist im Himmel“. Damit kein Sturm der Welt ihn niederwerfen, kein Ungewitter ihn zu Boden schlagen könne, umfängt er mit jenen seinen Ranken und Ringeln wie mit Armen der Liebe jeden, der ihm naht, und ruht aus in der Verbindung mit ihm. Die Liebe also ist es, die uns an das Höhere bindet und in den Himmel verpflanzt; denn „wer in der Liebe bleibt, in dem bleibt Gott“. Darum auch des Herrn Mahnung: „Bleibet in mir und ich in euch! Gleichwie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich, wenn sie nicht am Weinstocke bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“.
§ 52
Damit nun gab er deutlich zu verstehen, wir sollten das Beispiel des Weinstockes zu unserer Lebensunterweisung heranziehen: Erstlich nun hindert man denselben, in der warmen Frühlingsluft Knospen, sodann an den Blattwinkeln Frucht anzusetzen, weil eine Traube daraus entsteht und sich formt und allmählich entwickelt mit dem säuerlichen Geschmack eines unreifen Erzeugnisses; denn süß kann nur die vollreife und gekochte Traube munden. Inzwischen schmückt sich der Weinberg mit grünem Laubgewande, das ihm nicht geringen Schutz gegen Kälte und jegliche Unbill gewährt und gegen die Sonnenhitze deckt. Was aber gäbe es für ein schöneres Schauspiel oder einen süßeren Genuß als den Anblick des hängenden Traubengewindes, gleichsam des Schmuckgehänges des reizenden Geländes, und die Lese der gold- und purpurschimmernden Traubenfrucht? Hyazinth und anderes Edelgestein glaubt man 114 funkeln, Indigoblau leuchten, Weißperlenglanz blitzen zu sehen. Und du, o Mensch, willst die warnende Stimme daraus nicht vernehmen, daß der jüngste Tag nicht unreife Früchte an dir treffen und der Erntetag des vollreifen Lebens nicht unzeitige Werke aufweisen darf. Denn unreife Frucht schmeckt allzu bitter, süß kann nur munden, was zur vollen Reife herangewachsen ist. Einem solchen vollkommenen Menschen pflegt weder die schauerliche Todeskälte noch die Hitze der Leidenschaft zu schaden, da ihm die geistliche Gnade Kühlung weht und alle Glut weltlicher Lust und fleischlicher Begierlichkeit löscht, ihrem Brand wehrt. Preisen soll dich, wer nur immer dich schaut und die Scharen der Kirche wie Traubengehänge an Rebzweigen dich bewundern! Schauen soll jeglicher unter den Gläubigen der Seelen herrliches Geschmeide, sich ergötzen an der Reife der Einsicht, am Glanz des Glaubens, an der Herrlichkeit des Bekenntnisses, an der Schönheit der Gerechtigkeit, an der Fülle der Barmherzigkeit, so daß man dir zuruft: „Deine Gattin ist wie ein fruchtbarer Weinstock an den Wänden deines Hauses“, weil du die Fülle des fruchttragenden Weinstockes durch Ausübung reichlich spendender Freigebigkeit nachahmst.