Gottes Vorsehung in der Bekleidung der Bäume: die einen verlieren das Laubgewand, andere wechseln es, wieder andere behalten es. Noe der Pflanzer des Weinstockes. Gebrauch und Mißbrauch, Segen und Fluch der Gottesgabe des Weines. “Der Duft vollen Feldes” in Isaaks Segen.
§ 70
128 „Es sprosse die Erde!“ ― und sogleich war die Erde vollbedeckt von aufsprossendem Grün. Auch an den Menschen ergeht das Wort: „Liebe den Herrn, deinen Gott!“ ― und nicht ergießt sich die Liebe Gottes in aller Herzen. Tauber denn hartes Felsgestein ist des Menschen Herz. Die Erde bietet uns, ohne es zu schulden, ihre Früchte dar in Willfährigkeit gegen den Schöpfer: wir verweigern selbst den schuldigen Dienst in unserer Unehrerbietigkeit gegen den Schöpfer.
§ 71
Achte auf die Vorsehung Gottes im Kleinen! Und weil du sie nicht begreifen kannst, so staune doch, wie sie die einen Pflanzen immer grün erhalten, andere abwechselnd entkleidet und bekleidet haben wollte. Unter der weißen Schneedecke, bei frostiger Kälte behalten die Saatfelder ihr Grün: während sie selbst in Eis gehüllt sind, legt die ihrem Schoß entwachsene Saat das nimmer dürftige Schmuckgewand des Grünes an. Sogar jene Baumarten, die ihr Laubkleid ständig tragen, weisen einen nicht geringen Unterschied auf. So behalten zwar Ölbaum oder Pinie stets ihren Schmuck bei, wechseln aber gleich oftmals die Blätter; nicht eine dauernde, sondern eine nach und nach sich verjüngende Zierde ist es, welche sie über ihres Baumes Pracht ausgießen und lassen damit, daß sie fortwährend in vollem Schmucke prangen, den Wechsel ihrer Ausstattung nicht merken. Die Palme hingegen bleibt immer grün, indem sie ihren Blätterschmuck andauernd behält und nicht 129 wechselt: die Blätter, die sie ursprünglich treibt, behält sie bei, ohne sie irgendwie durch neue zu ersetzen.
Ahme sie denn nach, o Mensch, daß auch dir das Wort gelte: „Dein Wuchs ward gleich der Palme!“ Wahre das Immergrün deiner Kindheit und jener natürlichen Unschuld, die du am Anfang empfangen hast, auf daß du an Wasserbächen gepflanzt, zu deiner Zeit deine Frucht bereit habest und dein Laub nicht abfalle! Diesem Immergrün der in Christus blühenden Gnade folgend ruft die Kirche aus: „Unter seinen Schatten verlangte es mich und weile ich“. Dieses Vorrecht (immer) grünender Gnadengabe empfingen die Apostel, deren Laub nimmer abzufallen vermochte, so daß schon ihr Schatten die Kranken heilte; der Glaube ihres Geistes nämlich und ihre blühenden Tugendverdienste warfen ihren Schatten auf die Krankheiten des Leibes. Bleib also gepflanzt im Hause des Herrn, daß du in seinen Vorhöfen blühest gleich der Palme und die Gnade der Kirche zu dir emporsteige: „Und der Geruch deiner Nase sei wie Äpfel und dein Gaumen wie der beste Wein“, auf daß du trunken werdest in Christus!
§ 72
Gut, daß dieser Schriftvers uns gemahnte, den fast verlorenen Faden wieder aufzugreifen. Wir sprachen nämlich davon, wie auf das Befehlswort des Herrn auch der Weinstock gesproßt sei, der später nach der Sintflut, wie wir wissen, von Noe gepflanzt wurde; denn so liest man: „Noe war ein Landbebauer und pflanzte einen Weinstock. Und er trank von dessen Wein und schlief ein“. Noe ist also nicht der Urheber des Weinstockes, sondern nur seiner Pflanzung; und er hätte ihn nicht pflanzen können, wenn er ihn nicht schon als Erzeugnis vorgefunden hätte. Nur der Pflanzer, nicht der Schöpfer des Weinstockes also ist er. Gott aber, der wußte, daß der Wein, mäßig genossen, Gesundheit verleiht, das Denken fördert, unmäßig genommen, Anlaß zur Sünde gibt, bot die geschöpfliche Gabe dar und überließ deren reichlichere Produktion dem 130 menschlichen Belieben: Das karge Maß der Natur sollte eine Mahnung zur Mäßigkeit sein, das Schädliche des Übermaßes und den Fall der Trunkenheit das Menschengeschöpf sich selbst zuschreiben. Selbst auch Noe wurde denn berauscht und schlief von Wein trunken ein. Beim Weingenuß erwies er sich, der bei der Sintflut zu so hohem Ruhm gelangte, schimpflicher Verirrung zugänglich.
Doch auch darin wahrte der Herr diesem seinem Geschöpfe einen Vorzug, daß er uns dessen Frucht zum Heile wandelte, und durch sie uns Nachlaß der Sünden werden sollte. Frommes Sinnes sprach darum Isaak: „Der Geruch Jakobs ist der Geruch vollen Feldes“, d. i. natürlicher Wohlgeruch. Was gibt es denn auch Lieblicheres als ein volles Ackerfeld, was Köstlicheres als Rebenduft, was Anmutigeres als Bohnenblüte? Mag daher ein Autor vor uns noch so geistreich bemerkt haben: „Nicht den Duft der Rebe oder der Feige oder der Getreidefrucht, sondern den Wohlgeruch der Tugend strömte der Patriarch aus“: ich doch verstehe die schönen Segensworte zugleich auch von jenem echten und reinen irdischen Wohlgeruch, den keine Fälschung künstlich herstellte, sondern die Wahrheit der himmlischen Huld träufelte. Erscheint doch auch unter den hochheiligen Segensgebeten die Bitte aufgenommen, es möge der Herr uns vom Tau des Himmels die Kraft des Weines, des Öles und des Getreides verleihen. Ihm ist Ehre, Lob, Ruhm, Unvergänglichkeit von Ewigkeit und jetzt und immerdar und in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.