Empfehlung der ersteren, Warnung vor der letzteren aus hygienischen und ethischen Gründen. Die Pflanzenwelt ein Bild des Menschenwesens und lebens. Ergreifende Beispiele zur Beleuchtung des Schriftwortes: “Alles Fleisch ist Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume”. Gleich der Pflanze sollen auch wir, “das Geschlecht Gottes”, nicht aus der Art schlagen, sondern Nachbild des “Bildes Gottes” bleiben. Die Wesensgleichheit des “Bildes Gottes” mit dem Vater.
§ 28
Vielleicht wundert sich jemand, daß die Nahrung für das Tier früher denn die Speise für den Menschen erschaffen wurde. Fürs erste nun müssen wir hierin die Tiefe Gottes beachten, die selbst des Kleinsten nicht vergißt. So spricht im Evangelium die Weisheit Gottes: „Sehet auf die Vögel des Himmels: sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die Scheuern, und euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr als sie?“ Danken nämlich diese Gottes Huld ihre Nahrung, dann darf niemand auf seinen Fleiß und seine Tüchtigkeit sich etwas einbilden. Fürs zweite sollte er der einfachen Lebensweise und der 94 Natur-Kost vor jeder anderen den Vorzug geben; denn sie ist die Speise der Mäßigkeit, jene andere die der Genußsucht und Völlerei; sie ist die allen lebenden Wesen gemeinsame Speise, jene die von wenigen. Ein Fingerzeig zur Genügsamkeit also, eine lehrreiche Mahnung zu karger Lebensweise liegt hierin: alle sollen sich mit der Kost aus einfachen Planzen und gewöhnlichem Gemüse oder Obst begnügen, wie sie die Natur darbietet, wie sie Gottes Freigebigkeit als Erstlingsspeise darreichte. Jene gesunde, jene zuträgliche Kost ist’s, die den Krankheiten wehrt, die Verdauungsbeschwerden hintanhält, nicht das Erzeugnis menschlicher Arbeit, sondern Ausfluß göttlichen Wohltuns ist: ein Erntesegen ohne Aussaat, eine Frucht ohne Samen, so süß und wohlschmeckend, daß sie selbst dem Satten noch mundet und frommt; so blieb sie denn, ursprünglich als Hauptmahlzeit zugedacht, wenigstens noch für den Nachtisch aufbewahrt.
§ 29
Was aber sollte ich das Wunderbare dieser (Pflanzen-) Schöpfung ausmalen und einen förmlichen Beweis für die schöpferische Weisheit liefern? Hier bietet sich im Anblick der Knospen, dort im Wachstum des jungen Grünes ein Bild des menschlichen Lebens, begegnet dem Auge ein charakteristischer Zug unserer Natur und Beschaffenheit und strahlt deren Spiegelbild wider. Dieses Grases Grün und Blume ist ein Sinnbild des menschlichen Fleisches, wie es der treue Dolmetsch der Gottheit mit seinem Stimmorgan ausdrücklich versicherte: „Rufe! Was soll ich rufen? Alles Fleisch ist Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume. Es verdorrt das Gras, und die Blume fällt ab, das Wort des Herrn aber währt in Ewigkeit“. Gottes Urteil spricht aus des Menschen Stimme. Gott spricht: „rufe“, doch er spricht es in Isaias [Jesaja]. Dieser nun erwiderte: „Was soll ich rufen?“ Und als hätte er vernommen, was er sprechen sollte, fügte er bei: „Alles Fleisch ist Gras“. Und so ist es. Wie Gras blüht die Herrlichkeit des Menschen im Fleische auf und ist, so erhaben sie einem dünkt, nichtig wie junges Grün. Früh 95 reif wie die Blume, vergänglich wie das Gras, entfaltet sie wohl äußerlich blühenden Reiz, doch an Frucht keinen dauernden Ertrag; des heiteren Lebens Blüte, duftet sie frohe Anmut, um nur allzu bald dahinzuwelken wie des Grases Grün, „das verdorrt, ehe man es ausrauft“. Wo ist denn die Kraft im Leibe, wo die Gesundheit, die von Dauer sein könnte?
§ 30
Heute magst du einen kräftigen Jüngling, strotzend in der Blüte der reifenden Jahre, von prächtiger Gestalt und reizendem Teint sehen; morgen begegnet er dir, an Aussehen und Gesichtszügen verändert. Gestern noch im Zauber seiner Wohlgestalt eine stattliche Erscheinung, tags darauf das Bild des Jammers, geschwächt und entkräftet durch irgendeine Krankheit. So manchen macht die Arbeit gebrechlich oder zehrt die Not aus oder quält Verdauungsbeschwerde oder richtet der Wein zugrunde oder schwächt das Alter oder entnervt Genußsucht, entstellt Unzucht. Bewahrheitet sich da nicht: „Es verdorrt das Gras, und die Blume fällt ab“? Ein anderer, ein Edler, der auf Ahnen und Vorahnen zurückschaut, den der Vorfahren Stirnbinden ehren, eines alten Geschlechtes Wappen auszeichnet, ein zahlreicher Freundeskreis umgibt, eine dichte Schar von Schutzbefohlenen umringt und zu beiden Seiten schützend geleitet, der hin und zurück eine Menge Diener mit sich führt, wird plötzlich von einem zufälligen schweren Unglücksschlag getroffen und seiner ganzen Habe beraubt, von seinen Freunden verlassen, von seinen Verwandten angefeindet. Sieh, wahr ist’s: „Wie Gras ist das Leben des Menschen; bevor man es ausrauft, verdorrt es“. Da gibt es sodann einen, der eben noch im Überflusse seines Reichtums schwimmt, 96 durch den Ruf der Freigebigkeit in aller Munde lebt, wegen seiner Ehrenstellen in hohem Ansehen steht, hervorragende Ämter bekleidet, den ersten Platz bei Amtshandlungen einnimmt, auf erhabenem Throne sitzt, ein Glücklicher in den Augen der Menge, wenn er unter dem Rufe der Herolde einherzieht: da ändert sich mit einem Mal die Lage. Man schleppt ihn in den Kerker, wohin er selbst andere verstoßen hatte, und er muß inmitten derer, die als Angeklagte vor ihm gestanden, das traurige Los beweinen, das ihm bevorsteht. Wie vielen hat gestern noch der Jubel der Massen, der vielbeneidete Triumphzug einer zahlreichen Volksschar das Geleite nach Hause gegeben: und eine einzige Nacht hat diesen Glanz des Ehrengeleites zum bleichen gebracht. Ein plötzlich auftretender Schmerz in der Seite mischte in die übervollen Freudenklänge das wehmütige Nachspiel tiefer Trauer. So denn ist „die Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume“. Auch wenn sie einem zuteil wird, mehrt sie in nichts seine Werke, wird keine Frucht an ihr erzielt. Und verliert man sie, schwindet sie dahin und zerstört mit einem Mal den ganzen Nimbus eines Menschen, dessen (= des Nimbus) äußeren Schein und inneres Sein sie ausmachte.
§ 31
O daß wir doch dieses junge Grün nachahmen möchten, von dem der Herr gesprochen: „Es sprosse die Erde das Grün des Grases, Samen treibend nach seiner Art und seinem Gleichnis“. So säen wir denn Samen nach seiner Art! Welche Art (Geschlecht) gemeint ist, darüber höre den Apostel, der da mahnt, wir sollten nach dem Göttlichen trachten, „ob wir es etwa tasten oder finden möchten, obwohl Gott nicht fern sei von einem jeden aus uns; denn in ihm leben wir und sind wir und bewegen wir uns, wie auch“, so fügt er bei, „einige von euren Dichtern gesagt haben: Sein Geschlecht sogar sind wir“. Diesem Geschlechte 97 gemäß laßt uns Samen säen nicht im Fleische, sondern im Geiste! Denn nicht fleischliche, sondern geistige Saat müssen wir säen, die wir zum ewigen Leben gelangen wollen. Was aber mit ‚Gleichnis‘ gemeint ist, weißt du, der du selbst nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen bist. Die Pflanze hält sich an ihre Art: du willst aus deiner Art schlagen? Das in die Erde gestreute Weizenkorn gibt gleichartigen Fruchtsegen zurück: du willst entarten? Die Erntefrucht schändet nicht die unverfälschte Art ihres Samens: du wolltest die Reinheit der Seele, die Kraft des Geistes, die Keuschheit des Leibes schänden?
§ 32
[Forts. v. 97 ] Erkennst du nicht, daß du Christi Geschöpf bist? Mit seinen Händen, wie wir’s lesen, hat er dich geformt: und du, Manichäer, verlangst dir einen anderen Schöpfer. Gott Vater spricht zum Sohne: „Laßt uns schaffen den Menschen nach unserem Bild und Gleichnis“: und du, Photinianer, sagst: bei der Erschaffung der Welt gab es noch keinen Christus; und du, Eunomianer, sagst: der Sohn ist dem Vater unähnlich. Ist er sein Bild, dann kann er ihm doch nicht unähnlich sein, sondern muß den Vater seinem ganzen Wesen nach darstellen, nachdem der Vater ihn auf Grund der Wesenseinheit mit sich (als Bild) geprägt hat. Der Vater spricht: „Laßt uns schaffen“: und du leugnest den Mitschaffenden. Was der Vater sprach, vollführte der Sohn: und du leugnest den Wesensgleichen, an welchem der Vater sein Wohlgefallen hat.