Die Baumfrucht nach des Schöpfers Absicht die gemeinsame Nahrung aller lebenden Wesen. Die schöpferische Zeugungskraft versagt in keiner Pflanze. Gottes Größe im Kleinen. Die Pinie mit ihrem wunderbaren symmetrischen Bau ein Bild der Natur überhaupt, die Tamariske ein Typus doppelsinniger Charakterlosigkeit.
§ 65
125 Wenn Wasser sie erfrischen, sprießen fröhlicher zumal die Saaten, grünen die Bohnen, blüht auf und blüht neu der Gärten bunte Zier. Wenn die Flüsse überströmen, schmückt das Ufergelände sich mit grünenden, schwellenden Matten: Wie erst ist auf das Wort des Herrn, das reichlicher denn jegliches strömende Wasser quillt, mit einem Mal die ganze Pflanzenschöpfung aufgeblüht! Flugs boten die Gefilde die Ernte, die ihrem Schoße nicht anvertraut war, sproßten die Gärten die Gemüsearten und der Blumen wunderbare Pracht, die ihnen unbekannt waren, gürteten der Flüsse Gestade sich mit Myrtenschmuck. Die Bäume eilten, sich hurtig zu erheben, hurtig in ihr Blütengewand sich zu kleiden, den Menschen Speise, den Tieren Nahrung zu bieten. Ihre Frucht gehört allen gemeinsam, in ihre Nutznießung desgleichen teilen sich alle. Beide Gaben zugleich sproßten die Bäume: sie sollten uns einerseits Genuß, andrerseits mit ihrem kühlenden Schatten Schutz vor der Sonne gewähren. Nahrung winkte in der Frucht, eine Labe voll Annehmlichkeit im Laub. Weil indes die Vorsehung des Schöpfers vorauswußte, daß hauptsächlich der Menschen Gier die Frucht für sich in Anspruch nehmen werde, traf sie für die übrigen lebenden Wesen in der Weise Vorsorge, daß er ihnen eine besondere Nahrung bot. So birgt das Laub und die Rinde der 126 Waldbäume nicht geringe Speise für sie. Ebenso wurde etwas, was für Heilzwecke dienlich wäre, d. i. der aus jungem Gezweige quellende Saft vorgesehen. So hieß also der Schöpfer das Nützliche, auf das wir (Menschen) erst später durch Probieren, Üben und Nachmachen kamen, von Anfang an aus dem Schoß der Erde hervorsprossen, um es auf Grund seines erhabenen Vorauswissens dem ihm angemessenen Zweck zuzuführen.
§ 66
Und da der Herr befahl: „Es sprosse die Erde das Grün des Grases und die Fruchtbäume fruchttreibend nach ihrer Art, deren Same in ihnen selbst ruhe“, wende niemand etwa ein, man gewahre an vielen Bäumen weder Frucht noch Samen, und glaube, es sei das göttliche Gebot auch nur in einem Punkte unsicherer Art, darum statt von wahrem nur von zweifelhaftem Erfolge; er beachte vielmehr, wie es ganz ausgeschlossen ist, daß nicht alles, was da sproßt, auf Samen beruht oder auf Ursachen zurückgeht, welche augenscheinlich der Triebkraft des Samens ähneln. Faßt einer das genau ins Auge, wird er sich klar hiervon überzeugen und es begreifen können. Die Weiden scheinen keinerlei Samen zu haben, bergen aber dennoch in den Blättern ein gewisses Fruchtkorn, das Samenkraft in sich enthält. Wird es darum der Erde anvertraut, entsteht daraus wie aus einem Setzpflänzchen ein Baum und verjüngt sich wie aus einem Samen: Kraft jenes Kornes bildet sich die erste Wurzelfaser, aus der Wurzel sproßt nicht bloß der Stockausschlag der Weiden, sondern auch der anderer, der Weidenart ähnlicher Bäume (Bastarde). Aber auch die Wurzel selbst, die sich bildete, trägt Samentriebkraft in sich. Darum fristeten so manche mit dieser Art Pflanzung das Wachstum ihres Waldbestandes fort.
§ 67
Groß ist Gottes Kraft in jedem Dinge. Und niemand wundere sich, wenn ich von der Größe der Kraft Gottes in den Gesträuchern redete; hat er selbst doch von der Größe seiner Kraft in den Heuschrecken und Käfern gesprochen, weil nämlich eine große 127 Beleidigung seiner Majestät durch die Heimsuchung des Judenvolkes mit Unfruchtbarkeit und Not (Heuschreckenplage) ihre Sühne fand. Eine große Kraft nämlich bedeutet seine Geduld, eine große Kraft seine Vorsehung. Jene waren nicht mehr wert, der Erde Fruchtbarkeit zu genießen, nachdem sie den Schöpfer der Erde beleidigt hatten. Ja wahrhaft groß ist, wer mit bitterer Hungersnot den Frevel so großer Gottlosigkeit sühnen kann. Wenn nun groß ist Gottes Kraft, mit der die Erde den fruchttilgenden Käfer erzeugte, wieviel mehr groß die Kraft, mit der sie die fruchtbaren Geschöpfe hervorbrachte!
§ 68
[Forts. v. 127 ] Wer müßte nicht beim Anblick einer Pinie staunen über die so große Kunstmäßigkeit, die Gottes Anordnung ihrer Natur einerschuf und aufdrückte? Wie sie von der Mitte aus, wenn auch in gemessenen Abständen, mit ihrem ebenmäßig geformten Geäste, worin sie ihre Frucht hegt, aufstrebt? Also wahrt sie rings die gleiche Form und Anordnung. Und an jeder Stelle reift eine Überfülle von Fruchtkernen, verjüngt sich im Kreislauf (der Jahre) der Segen der Frucht. So scheint denn die Natur in dieser Pinie ein Bild von sich selbst auszuprägen: auch sie wahrt vom Augenblick jener ersten göttlichen und himmlischen Anordnung an die eigentümlichen Vorzüge, die sie empfangen, und bringt im Wechsel und in der Abfolge der Jahre ihre Erzeugnisse hervor, bis das Ende der Zeit sich erfüllen mag.
§ 69
[Forts. v. 127 ] Wie sie aber im obigen Fruchtbaum nur ihr eigenes anmutiges Bild zeichnet, so desgleichen in der Tamariske, d. i. einem niederen Gesträuche, den Typus boshafter Verschlagenheit. Wie es nämlich überall Leute mit doppelsinnigem Herzen gibt, die in der Gegenwart von Guten Wohlwollen und Aufrichtigkeit heucheln und zugleich mit den Lasterhaftesten gemeinsame Sache machen, so zeigt auch dieser Strauch ein Zwitterverhalten: er wächst ebenso im Sumpfboden wie in dürren Steppen. Darum vergleicht auch Jeremias zweifelhafte und unaufrichtige Charaktere mit Tamarisken.