Das Flüssigsein keine ursprüngliche Eigenschaft des Wasserelementes, sondern nachträglich vom Schöpfer ihm einerschaffen: Einwände, Kongruenzgründe. Gottes Macht sammelte alles Wasser an einen Ort und setzte ihm feste Grenzen. Des Sesostris und des Darius Versuche einer Verbindung des Roten Meeres mit dem Ägyptischen (Mittelländischen).
§ 7
76 „Es sammle sich das Wasser, so unter dem Himmel ist, an einen Sammelort und es komme zum Vorschein das Trockene. Und also ward es“. Vielleicht hat jemand unseren obigen Ausführungen nur wenig Glauben geschenkt: wir legten nämlich hier dar, es sei die Erde deshalb „unsichtbar“ gewesen, weil sie von den Wassern überdeckt war, so daß sie dem Blick des leiblichen Auges entzogen war; denn von seinem, d. i. unserem geschöpflichen, nicht vom Standpunkt der erhabenen göttlichen Natur, die ja alles sieht, hat der Prophet gesprochen. Doch damit ihr euch überzeugt, daß wir uns dieser mühsamen Abhandlung nicht unterzogen haben, um unserseits den Geistreichen zu spielen, sondern zum Zwecke euerer Unterweisung, rufen wir den Text der Schriftlesung als Zeugen auf, der uns recht gibt und mit klaren Worten bestätigt, daß erst nach der Sammlung des Wassers, das über der Erde lag, und nach dessen Ableitung zu den Meeren das trockene Land zum Vorschein kam. Man verschone uns darum und mache uns nicht mit Sophistereien Schwierigkeiten, indem man fragt: Wie konnte die Erde unsichtbar sein, da doch allem Körperlichen von Natur Gestalt und Farbe eignet, jede Farbe aber dem Auge sichtbar ist? Laut antwortet Gottes Stimme: „Es sammle sich das Wasser, und es komme zum Vorschein das Trockene!“ Und nochmals versichert die Schrift: „Es sammelte sich das 77 Wasser an einen Sammelort, und zum Vorschein kam das Trockene“. Wozu die Wiederholung, hätte der Prophet es nicht für notwendig befunden, jenen Fragen zu begegnen? Will er nicht augenscheinlich beteuern: ich nannte sie nicht ihrer Natur nach unsichtbar, sondern in Rücksicht auf die Wasser, die über ihr ausgegossen lagen? Nach Beseitigung dieser Deckschicht sodann, wollte er weiter sagen, kam das trockene Land zum Vorschein, das vorher nicht sichtbar war.
§ 8
Andere Fragen hinwiederum werfen sie auf und meinen: Wenn das Wasser an so verschiedenen Sammelorten lagerte, wie floß es dann, wenn diese Sammelbecken höher gelegen waren, nicht (von selbst) an jenen Ort ab, wohin es durch des Herrn Befehl nachmals abgeleitet wurde? ― Das Wasser nimmt ja von Natur seinen Lauf abwärts. ― Waren aber jene Sammelbecken tiefer gelegen, wie konnte dann das Wasser wider seine Natur den Lauf nach oben nehmen? Einesteils also bedurfte es für seinen natürlichen Lauf keines Befehles, andernteils aber konnte es wider seine Natur einem Befehle nicht folge leisten. Ich werde auf diese Frage dann die leichte Antwort geben, wenn sie mir zuvor antworten (und beweisen), daß das Gleiten, das Fließen notwendig zur Natur des Wassers gehöre. Denn tatsächlich kommt ihm diese Eigenschaft nicht aus der Verbindung mit den übrigen Elementen zu, sondern als spezifische Eigentümlichkeit; nicht als Ausfluß gleichsam der Naturordnung, sondern vielmehr des Willens und der Wirksamkeit Gottes des Höchsten. Gottes Befehlswort hören sie. Gottes Wort aber ist die Wirkursache der Natur. Dieses Wort kommt mit der eintretenden Wirkung zum Vollzug. Das Wasser fing erst dahinzugleiten und nach einem Sammelort zusammenzufließen an, nachdem es zuvor überall über die Erde ausgegossen war und an unzähligen Standorten lagerte. Von einem Lauf vorher las ich nicht, von einer Fortbewegung vorher vernahm ich nicht: mein Auge hat es nicht gesehen, mein Ohr nicht gehört. Stehendes Wasser 78 war es an den verschiedenen Orten, auf Gottes Wort kam es in Bewegung: hat also nicht augenscheinlich Gottes Wort ihm diese natürliche Eigenschaft einerschaffen? Es folgte das Geschöpf dem Gebote und machte aus dem Gesetz eine Gepflogenheit; denn das für die ursprüngliche Konstitution der Dinge wirksame Gesetz blieb vorbildlich für die Zukunft. So schuf Gott auch ein für allemal den Tag und die Nacht: seitdem dauert der tägliche Wechsel, die tägliche Wiederkehr beider fort. Desgleichen erging an das Wasser der Befehl, nach dem Sammelort zu strömen. Seitdem strömt es: die Quellen fließen über in Flüsse, die Flüsse strömen in die Sunde; die Seen werden abgeleitet in die Meere; im Wasser selbst zieht Woge vor Woge, drängt und folgt (Woge auf Woge). Ein Wellengang ist’s, ein Ganzes. Und mag die Tiefe verschieden sein, ununterbrochen gleich und eben doch ist die Oberfläche. Daher auch meines Erachtens die Bezeichnung ‚aequor‛ (Fläche) für Meer, weil sein Spiegel flach ist.
§ 9
Das ist meine Antwort auf ihre vorgelegte Frage. Nun mögen sie mir Antwort stehen, ob sie denn niemals Quellen aus den Tiefen sprudeln, Wasser aus dem Boden aufströmen sahen? Wer zwingt es dazu? Von wo bricht es hervor? Wie geht es nicht aus? Wie kommt es, daß des Bodens tiefste Schicht Wasser speit? Das sind Geheimnisse der verborgenen Natur. Wer wüßte übrigens nicht, daß oft Wasser, das mit reißendem Lauf zur Tiefe stürzt, wieder bergauf läuft und berghoch emporstürmt? desgleichen daß es, von Menschenhand künstlich durch Kanäle geleitet, genau wiederum so hoch emporsteigt, als es sinkt? Wenn es sich also wider seine Natur, sei es durch eigene Kraft vorwärtstreiben, sei es durch den schaffenden Menschengeist ablenken und aufwärtsleiten läßt: was Wunder, wenn kraft göttlicher Anordnung zu seiner natürlichen Art noch etwas hinzukam, was vorher nicht in seiner Art lag? Sie sollen mir jetzt einmal sagen, wie Gott nach dem Schriftworte „die Wasser des Meeres wie in 79 einen Schlauch sammeln“, wie er „Wasser aus dem Felsen schlagen“ konnte? Er, der nicht vorhandenes Wasser aus dem Felsen herausleitete, sollte außerstande gewesen sein, vorhandenes Wasser fortzuleiten? „Er schlug an den Felsen“, ruft es David laut, „und Wasser rannen, und die Bäche strömten über“. Und an einer anderen Stelle: „Über den Bergen standen die Wasser“. Im Evangelium liest man, wie die Apostel, da ein heftiger Sturm und eine große Bewegung im Meere war, so daß sie Gefahr des Schiffbruchs befürchteten, den Herrn Jesus aufweckten, der im Schiffe schlief. Und er stand auf und gebot dem Winde und dem Meere; der Sturm legte sich, und Ruhe kehrte wieder. Der mit gebieterischem Worte das ganze Meer zu stillen vermochte, sollte nicht imstande gewesen sein, mit gebieterischem Worte Wasser in Fluß zu bringen? Wir haben doch bei der Sintflut solches vernommen, daß die Quellen des Abgrundes hervorbrachen, und daß Gott nachher den Wind darüber wehen ließ und das Wasser auftrocknete. Wenn man einen Gehorsam der Natur und eine Änderung des Verhaltens eines Elementes auf Gottes Befehl nicht zugeben will, so möge man wenigstens soviel zugestehen, daß die Wasser durch einen Windstoß, der in sie fuhr, in Fluß kommen konnten. Die Beobachtung läßt sich ja täglich auf dem Meere machen, daß die Wasser von der Richtung ihren Wogengang nehmen, von welcher der Wind weht. Wenn zur Zeit des Moses das Meer durch Entfachung eines starken Südwindes vertrocknete, konnte nicht in der gleichen Weise ein Sammelbecken des Wassers vertrocknen? Nicht das Wasser zum Meere sich fortbewegen, nachdem es nachmals vom Meeresgrund sich loslöste? Dann doch sollte man die Möglichkeit einer Naturveränderung begreiflich 80 finden, nachdem ein Fels Wasser strömte und Eisen auf dem Wasser schwamm, (ein Wunder,) das Elisäus wenigstens bitt-, nicht befehlsweise zu wirken verdiente. Wenn ein Elisäus Eisen wider dessen Natur an die Oberfläche trieb: Christus sollte nicht vermocht haben, Wasser in Fluß zu bringen? Doch er, der zu sprechen vermochte: „Lazarus, komm heraus!“ und den Toten zum Leben erweckte, brachte es in Fluß. In ganz ähnlichem Sinn gesprochen versteh die Worte: „Es sammle sich das Wasser, und es sammelte sich“. Mit dem Befehlsworte aber „es sammle sich“ bewegte Gott es nicht bloß von der Stelle fort, sondern bannte es zugleich an eine Stelle, daß es nicht darüber hinausströmte, sondern darin beharrte.
§ 10
Folgendes nun zeigt von einem noch größeren Wunder: wie sämtliche Sammelbecken an einen Sammelort abfließen konnten, ohne daß der eine Sammelort überfüllt wurde. Auch die Schrift nämlich rechnet das unter die Wunder, indem sie ausruft: „Alle Ströme gehen ins Meer, und das Meer wird nicht übervoll“. Beides nun beruht auf Gottes Anordnung: daß das Wasser fließt und daß es nicht überfließt. Rings umzogen von einer Grenze, die ihnen gesetzt ist, sind die Meere eingeschlossen, daß sie nicht, über die Lande sich ergießend, alles überschwemmen, die bebauten Felder vernichten und den Segen irdischer Fruchtbarkeit verhindern. Möchte man also einsehen, daß dies auf göttlicher Anordnung und himmlischer Wirkung beruht! Es spricht ja der Herr zu Job durch die Wolke unter anderem auch von des Meeres Riegel: „Ich steckte ihm Grenzen, Riegel ihm setzend und Tore. Ich sprach aber zu ihm: bis hierher sollst du kommen und nicht darüber hinausgehen, sondern in dir sollen deine Wogen zerschellen“. Sind wir nicht selbst häufig Augenzeugen, 81 wie das Meer, ob es auch stürmisch flutet, daß seine Wogen wie jähe Wasserberge sich türmen, sobald es brandend ans Ufer schlägt, an dessen niederen Sandwällen zurückprallt und in schäumenden Gischt sich auflöst gemäßt dem Schriftworte: „Oder wollt ihr mich nicht fürchten, spricht der Herr, der ich Sand dem Meere zur Grenze setzte?“ Von dem allerleichtesten, winzigen Kieselsande wird also die stürmische Gewalt des Meeres in Schranken gehalten und wie mit Zügeln kraft der himmlischen Anordnung in die ihr bestimmte Grenze gewiesen: die Hochflut des ungestümen Meeres bricht in sich zusammen und zerteilt sich in ihre landeinwärts gezogenen Wogenringe.
§ 11
[Forts. v. 81 ] Geböte übrigens nicht die Kraft einer göttlichen Anordnung Einhalt, was würde denn hindern, daß das Rote Meer über die Gefilde Ägyptens hin, das größtenteils über niedere Talgründe sich erstreckendes Flachland sein soll, mit dem Ägyptischen Meer sich vereinigt? Das beweisen letzten Endes jene (Herrscher), welche tatsächlich eine gegenseitige Verbindung und Vereinigung dieser beiden Meere anstrebten: der Ägypter Sesostris, der am frühesten lebte, und der Meder Darius, der anbetracht seiner noch größeren Macht das Unternehmen, das vordem der einheimische Herrscher versucht hatte, zur Ausführung bringen wollte. Diese Tatsache verrät, daß das Indische Meer, zu dem das Rote Meer gehört, höher gelegen ist denn das Ägyptische, das tieferliegend das Land bespült. Und vielleicht stellten die beiden Könige deshalb ihr Riesenunternehmen wieder ein, daß nicht das von der Höhe zur Tiefe stürzende Meer allzu weithin sich ergösse.